Waiblingen

Waiblinger rudern im Drachenboot durch Venedig

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Vor dem Nadelöhr der Brücke Tre Archi. © privat

Waiblingen. Eigentlich hatte sich Claudia Tries zu ihrem 40. Geburtstag Geld gewünscht, um mit ihrer Familie Urlaub in Venedig zu machen. Was sie nicht ahnte: Gleich 27 Freunde aus Waiblingen reisten mit und überraschten sie mit einer Regatta-Teilnahme auf dem Canal Grande. Die Mitreisende Stephanie Wagner-Haas erzählt:

Groß war die Freude, als Claudia Tries an ihrem Ehrentag im März bei einem von ihrem großen Freundeskreis vorbereiteten Spiel einen Gutschein über eine romantische Bootsfahrt in der Stadt ihrer Träume gewonnen hatte. Was sie nicht wusste, war, dass sie an Pfingsten an der Vogalonga teilnehmen sollte. Dabei handelt es sich um eine zum 45. Mal ausgetragene Regatta über 30 Kilometer durch Venedig und die Lagune, bei der nur muskelgetriebene Boote aller Art teilnehmen dürfen.



Eine Clique von Geheimnisträgern

Bereits eine Woche später hatte Claudias Ehemann Oliver eine Whatsapp-Gruppe mit Namen „O sole mio!“ ins Leben gerufen, die erste Überraschungsfamilie ihre Unterkunft gebucht und sechs weitere Familien ihr Mitwirken zugesagt. Im Januar sorgte dann der Garagenfund eines  Fünf-PS-Außenbord-Motors für die Möglichkeit, dass fast alle der anreisenden Waiblinger auf dem zwischenzeitlich vom Familie Tries favorisierten Campingplatz unterkommen wollten. Denn die 30 Kilometer Paddelstrecke durch die Lagune waren die eine, die Zwischenlagerung des zwölf Meter langen Drachenbootes und das Erreichen des Starts waren die andere Herausforderung.

Mit Motorunterstützung schienen die zehn Kilometer vom Campingplatz auf der Landzunge Punta Sabbioni bis zum Markusplatz machbar. Dazu entwarf Architekt Bernd Gruidl noch eine Konstruktion, um den Motor so an der Seitenmitte des Bootes zu befestigen, dass er vor dem Start rasch abgebaut und im Boot verstaut werden konnte. Bei weiteren Geburtstagsfeiern musste auf die Gesprächsthemen geachtet werden und viele legten sich passende Antworten auf die Frage „Und, was macht ihr in den Pfingstferien so?“ zurecht. Im Mai entstand nach ausführlicher Beschäftigung mit dem Thema UV-Schutz ein einheitliches Outfit mit T-Shirts und Strohhüten.

Neun Stunden an Deck

Am Pfingstsonntag um 6.30 Uhr war Treffpunkt am Boot, um dieses direkt am Strand des Campingplatzes in Venedig zum ersten Mal mit Salzwasser in Berührung zu bringen. Niemand wusste wirklich, wie lange dieser Tag werden würde. Deshalb mussten genügend Wasser sowie mindestens drei Müsliriegel und eine Banane pro Person ins Boot, schließlich waren auch zehn Kinder im Alter zwischen acht und 16 Jahren Teil der 23-köpfigen Crew. Nachdem zwei riesige Kreuzfahrtschiffe die Einfahrt vom Meer zur Lagune passiert hatten und der Motor beim ersten Ziehen angesprungen war, startete das große Abenteuer.

Navigiert wurde auf Sicht und Zuruf vom Bug des Schiffes über Bernd, der den mittig sitzenden Motor bediente, zum über insgesamt neun Stunden im Heck stehenden Steuermann Andreas Schwab. Oliver hatte die Aufgabe bekommen, seine drei Damen um 8.30 Uhr zur Ponte Santa Giustina zu lotsen – auch da hatte Claudia noch keine Ahnung. Die richtige Brücke konnte trotz entgegenkommender einheimischer Boote und dank toller Zusammenarbeit im Waiblinger Drachenboot zügig erreicht werden. „Da warten sie!“

Um die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken, stimmte die ganze Mannschaft das Lied an, das schon an Claudias Geburtstagsfeier im März erklungen war: „Eine Reise nach Italien ist für viele nett und fein, doch die liebe kleine Claudi möchte in Venedig sein“. Ein Blick, ein Schrei – und dann waren, ob der Erkenntnis, dass da lauter bekannte Gesichter in diesem Drachenboot waren, die Tränen nicht mehr aufzuhalten.

Rückfahrt mit Tücken

Doch es blieb nicht viel Zeit, der Startschuss war schon gefallen. Direkt zum Markusplatz reichte es dann nicht mehr, aber als das nun voll besetzte Drachenboot über die Öffnung des Canal Grande zu den bereits gestarteten Booten stieß, war der Anblick unbeschreiblich: muskelbetriebene Wasserfahrzeuge aller Art, in allen Farben, aus aller Herren Länder. Und mittendrin – ein Traum von einem Urlaub – Claudia mit ihrer Familie und vielen ihrer Freunde!

Vor der Rückfahrt die Schrecksekunde: kein Startgeräusch, nichts. Nach vielen vergeblichen Versuchen, den Motor zum Laufen zu bekommen, einer kurzen Reparaturaktion irgendwo im Wasserlabyrinth die Erleichterung: Es muss nicht zurückgepaddelt werden! Und doch war der Rückweg nach Punta Sabbioni nervenaufreibender als alle vorherigen Kilometer zusammen - was am Morgen eine ruhige Fahrt gewesen war, hatte sich am Nachmittag zu einem Slalom durch Motorjachten und ihre Wellen gewandelt.

War das nun wirklich eine romantische Bootsfahrt? Nun, über 2000 Boote und fast 8000 Teilnehmer aus 33 Nationen ergeben ein farbenprächtiges Spektakel, aber den Canal Grande ohne Motorengeräusche zu erleben und unter dem Jubel von Hunderten Zuschauern mit eigener Kraft unter der Rialtobrücke hindurchzufahren, hat einen ganz besonderen Zauber, der genau so nur einmal zu erleben ist. Und, nein, Claudia hat noch keine Wünsche für ihren fünfzigsten Geburtstag geäußert.