Waiblingen

Waiblinger unterstützt 28 Menschen bei der Flucht aus der Ukraine

Michael Lipowitsch
Ljuba (links) mit Enkel Illja (rechts) besuchen die geflüchtete Ukrainerin Yuliia und Michael Lipowitsch in Beinstein. © ALEXANDRA PALMIZI

Der 40-jährige Michael Lipowitsch hat 28 Menschen bei der Flucht aus der Ukraine unterstützt. 18 von ihnen sind in Waiblingen untergekommen, zehn in Stuttgart. Zwei Frauen teilen sich ein Zimmer in seiner Wohnung in Beinstein. „Das Leid der Menschen dort ist viel größer als die Umstände, die ich hatte“, sagt er.

Michael Lipowitsch ist studierter Wirtschaftsingenieur. Er hat eine eigene Firma und vertreibt Extensions als einfache Haarverlängerungen oder Dreadlocks (sogenannte Filzlocken), die Friseure ins Kopfhaar einarbeiten. 60 bis 70 Prozent bezog er aus der Ukraine. Dort gebe es dafür einen großen Markt. Ähnlich wie hierzulande um Gebrauchtwagen geworben werde, werde dort um den Verkauf von Echthaar gebeten. Sein ukrainischer Partner, woher er die Strähnen beziehe, sei in Nemischajewe – eine ursprünglich 7800 Einwohner große Gemeinde, ein Außenbezirk von Kiew, die gleich am zweiten Tag von den Russen eingenommen worden war. Mehr als 20 Frauen hätten dort gearbeitet, berichtet er. Durch Firmenfeiern und Besuche kenne er sie.

Mitarbeiter eines Geschäftspartners baten Michael Lipowitsch um Hilfe

Als der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine begann, hätten ihn die Ukrainer kontaktiert und gefragt, ob er ihnen nicht zur Flucht nach Deutschland verhelfen könne. „Viele von ihnen waren zuvor nie im Ausland“, weiß er. Kaum einer von ihnen spreche Englisch. Viele flüchteten mit ihren Kindern, ihren Familien oder brachten Bekannte mit.

Zunächst reisten viele im Bus, wobei sich ein Unternehmen aus dem Ruhrgebiet ins Zeug gelegt habe, wie Lipowitsch berichtet. In Polen stiegen viele in einen Zug um. „Unter drei Tagen hat es bisher noch keiner nach Deutschland geschafft!“

Lipowitsch arbeitet mit einer Wohltätigkeitsorganisation zusammen, welche ihm zwei ehrenamtliche Mitarbeiter zur Seite stellte. Unterstützung erhielt er auch von der jüdischen Gemeinde in Stuttgart, bei welcher er sich engagiert. „Alleine hätte ich es nicht mehr geschafft“, sagt er. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Waiblingen sei sehr gut gewesen. Schließlich fanden 18 Menschen mit seiner Hilfe ein Zuhause in Waiblingen, zehn weitere in Stuttgart.

Mutter arbeitet in Behörde und darf nicht fliehen

Zwei von ihnen sind der 14-jährige Illja und seine Oma Ljuba (64). Nach Deutschland seien sie deshalb gekommen, da die Schwester von Illja, ebenfalls eine Mitarbeiterin der Firma für Extensions, und ihre vierjährige Tochter eine Woche zuvor bei einer anderen Familie in Waiblingen untergekommen waren. Ihre Mutter arbeite in einer Behörde und dürfe nicht ausreisen. Nach den ersten Angriffen sei sie nun in der Westukraine in einem Bunker. Den Vater gebe es nicht mehr. Der Opa ist 2018 gestorben.

Illja sei bereits in der Vergangenheit oft bei den Großeltern gewesen, da seine Mutter viel arbeiten musste, ist quasi bei ihnen aufgewachsen. Mittlerweile sind sie schon vier Wochen da. Illja möchte weiterhin am Unterricht in der Ukraine teilnehmen – online, wie er es auch schon von der Corona-Pandemie her gewohnt ist. Doch mit den russischen Angriffen waren sämtliche Leitungen unterbrochen. Es gab keinen Strom. Erst seit dem Wochenende gebe es wieder eine Verbindung.

Nun habe auch Oma Ljuba von ihrem Nachbarn erfahren, dass ihr Wohnhaus noch stehe, ihre Ziegen bis auf eine noch leben und vom Nachbarn versorgt werden, erzählt sie auf Russisch, wobei Michael Lipowitsch übersetzt.

Der 40-Jährige ist in der damaligen Sowjetunion in Estland geboren und verbrachte seine Kindheit dort. Als er elf Jahre alt war, beschlossen seine Eltern nach der Auflösung des Einparteienstaats, nach Deutschland auszuwandern. In Estland spreche etwa ein Drittel der Menschen dort Russisch, so Lipowitsch. Russisch und Ukrainisch könne man etwa mit Deutsch und Schwyzerdütsch vergleichen, meint er. „In der Ukraine versteht eigentlich jeder Russisch“, so Lipowitsch.

Menschen unter dem eigenen Zuhause begraben

In der Wohnung von Michael Lipowitsch sitzen alle zum Gespräch um den Esstisch unweit der Küche. Das Fenster ist gekippt. Plötzlich meint Ljuba, einen Brandgeruch wahrzunehmen. Erinnerungen werden geweckt an die Zeit in der Ukraine, an die vielen Tage, die sie im Keller verbrachte. Die Angriffe, die Raketen der Russen seien so laut gewesen, das könne man sich nicht vorstellen, berichtet sie. Sie besaß eine Eigentumswohnung in einem Mehrfamilienhaus. Das Haus gibt es nicht mehr. Es ist komplett zerstört. Enkel Illja zeigt einen Nachrichtenbeitrag auf seinem Smartphone, in welchem zufällig das Gebäude gezeigt wird. Bewohner hätten versucht. sich in den Keller zu retten. Sie hätten es nie mehr rausgeschafft. Drei Familien kannte Ljuba gut, berichtet sie und wischt sich die Tränen aus den Augen. Sie kenne zwei ältere Damen, die sich um ihre kleinen Enkelkinder kümmern, da die Eltern nicht überlebt haben.

Ljuba (64): „Wenn heute der Krieg vorbei wäre, würde ich morgen zurückkehren!“

Eigentlich hatte die 64-Jährige nie vor, ihre Heimat zu verlassen. „Wenn heute der Krieg vorbei wäre, würde ich morgen sofort zurückkehren!“ Letztendlich habe sie die Sorge um ihren Enkel zur Flucht bewegt. „Ich habe mich in den Bus gesetzt, ohne zu begreifen, was gerade passiert“, sagt sie. Zwei Wochen waren sie in Kiew. Anschließend schlug ihre Tochter, die Mutter von Illja, vor, dass sie nach Polen zu einer Freundin reisen sollen. Zeitgleich nahm die Schwester von Illja Kontakt zu Michael Lipowitsch auf. „Wenn deine Oma und dein Bruder hierherkommen wollen, werde ich das organisieren“, habe er ihr geantwortet. Mittlerweile sind die beiden bei einer Familie in Stuttgart untergekommen.

Zu allen Ukrainern hält er Kontakt, berichtet er. Bislang habe er nie etwas Negatives erfahren. Plötzlich klingelt sein Smartphone. Die 52-jährige Galyna ist dran. Sie habe gerade einen dieser unzähligen Behördentermine, erklärt Michael Lipowitsch. Er springt kurz als Übersetzer ein und klärt Verschiedenes. Galyna sei die Frau seines ukrainischen Geschäftspartners, so Lipowitsch. Sie kannte Yuliia, die gelernte Friseurin ist und zuletzt im Vertrieb eines Weizenlieferanten gearbeitet hatte. Sie kamen zusammen in Waiblingen an und teilen sich nun ein Zimmer in Lipowitschs Wohnung.

Yuliia habe große Schuldgefühle, weil es ihr in Deutschland so gut gehe und viele andere Menschen in der Ukraine so sehr leiden müssen. Ihr Vater (51) lebe in Winnyzja, was südwestlich von Kiew liegt. Ihr Freund kämpfe als Soldat an der Front. Allmählich käme sie mit den Schuldgefühlen besser zurecht, meint sie. Sie versuche, sich abzulenken, gehe oft spazieren. Außerdem beginnt ihr Deutsch-Kurs Anfang Mai. Darüber hinaus versucht sie, ihren Vater von Deutschland aus zu unterstützen.

Die Situation sei in vielen Gegenden der Ukraine nach wie vor beängstigend. Von einer Mitarbeiterin seines ukrainischen Partners habe Michael Lipowitsch erfahren, dass sie über Wochen bei Brot und Wasser im Keller ausharrten – ohne Heizung bei Minustemperaturen.

Noch schlimmer sei es in der Hafenstadt Mariupol, „wo viele einfach verhungern“, so Lipowitsch. Die Situation sei in vielen Gegenden aussichtslos. Eine Familie, die er kennt, habe aus Verzweiflung die eigene Katze verspeist.

„Wann hört dieser Krieg nur auf“, sagt die 64-jährige Ljuba, faltet die Hände und richtet den Blick gen Himmel.

Der 40-jährige Michael Lipowitsch hat 28 Menschen bei der Flucht aus der Ukraine unterstützt. 18 von ihnen sind in Waiblingen untergekommen, zehn in Stuttgart. Zwei Frauen teilen sich ein Zimmer in seiner Wohnung in Beinstein. „Das Leid der Menschen dort ist viel größer als die Umstände, die ich hatte“, sagt er.

Michael Lipowitsch ist studierter Wirtschaftsingenieur. Er hat eine eigene Firma und vertreibt Extensions als einfache Haarverlängerungen oder Dreadlocks (sogenannte

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