Waiblingen

Waiblingerin war bei einer Donald-Trump-Veranstaltung

Republican presidential candidate Donald Trump campaigns in NC
Eine Mischung aus Sport-Event und Rock-Show: Trump und seine Fans. © dpa

Waiblingen/Detroit. Donald Trump und seine Anhänger zu erleben, das ist für eine ordentliche Remstälerin ein ziemlicher Kulturschock: Jutta Künzel aus Waiblingen lebt derzeit in den USA und hat uns ihre Beobachtungen geschickt. Hier einige Auszüge.

Seit ich meinen Lebensmittelpunkt für einige Jahre in die USA verlegt habe, häufen sich für mich Vorkommnisse, die sich mir nicht direkt erschließen. Oft sind es scheint’s banale alltägliche Dinge wie die Pistole meines Nachbarn in seinem Hosenbund, die für ihn das Leben sicherer erscheinen lässt, mir aber beim Gang zum gemeinsamen Brunch zwei Türen weiter ein mulmiges Gefühl vermittelt. Doch zum Thema: Donald Trump statt Hillary Clinton? Völlig indiskutabel – aus europäischer Perspektive. Für viele hier dagegen ist es völlig unvorstellbar, Hillary zu wählen. „Wenigstens gehört er nicht zum Establishment“, sagen sie über Trump. Manche sind auch recht gelassen: „Egal, ob Clinton oder Trump – es ändert sich ja sowieso nichts.“

Ich bin ein in Deutschland sozialisiertes Wesen aus einem kleinbürgerlich-konservativen Bundesland und einem sozialdemokratischen Zuhause. Seit ich in den USA die Politik beobachte, frage ich mich öfters: Was tun die hier eigentlich? Meiner Neugier folgend, besuchte ich also eine Veranstaltung mit Trump, hier um die Ecke.

Keine Wahlhelfer, sondern professionelle Verkäufer

In der Warteschlange vor der Halle: Eine 50-Jährige hinter mir redet über ihre Gründe, hier zu sein – sie könne Hillary nicht aushalten, sei traurig, ihr Amerika so zu sehen, Hillary lüge nur, sei korrupt und unehrlich, in 30 Jahren Politik habe sie immer nur hintenrum agiert. Ein 40-Jähriger im Trump-T-Shirt, der mitbekommen hat, dass ich aus Deutschland stamme, mischt sich ins Gespräch und fragt, was ich von Frau Merkel halte. Ich versuche, vage zu bleiben, und sage, dass sie ihre Sache ganz gut mache. Sofort merke ich, dass das ein Fehler war: falsche Antwort. Hier unter Trump-Anhängern gilt Merkels Flüchtlingspolitik als völlig falsch und gefährlich. Das offene Gespräch mit den Umstehenden hat sich ab da erledigt.

Meine Gesprächspartner tragen normale Freizeitkleidung, nicht schick, eher leger, hinzu kommen viele Männer, die in Anzügen direkt vom Büro hierhergefahren sind – gebildete Menschen aus dem Mittelstand. Dann gibt es viele, die Trump-Kappen tragen – „Make America great again“ – in Kombination mit Jogginghose und kariertem Hemd, Menschen vom Land. Ich sehe auch richtig Schicke, Aufgetakelte, die zu einem Seiteneingang geführt werden. Und Schwarze mit Rastalocken sind unterwegs und verkaufen Trump-Kappen, Buttons, Fahnen, Schilder und Shirts – „Trump for President“, „Hillary for Prison“: keine Wahlhelfer, sondern professionelle Verkäufer. Eine Kappe kostet 20 Dollar.

Am Einlass geht es zu wie in Deutschland bei einer Flughafenkontrolle: Wir werden durch Metalldetektoren gelotst, teilweise werden die Menschen danach noch einmal untersucht. Alle Gegenstände aus den Taschen müssen auf einen Tisch gelegt werden. Irritiert bin ich allerdings, dass keiner mein persönliches Ticket sehen will. Im Vorfeld musste ich mich nämlich im Internet registrieren und mir eine Karte ausdrucken. Wozu, wenn es dann niemand sehen will? Die Antwort wird mir nach der Veranstaltung dämmern.

Fassungslos über den geballten Hass auf Clinton

Der Raum ist eine riesige Messehalle, es gibt mehrere Vorredner. Ein älterer Republikaner-Abgeordneter erzählt: Er widme seit vielen Jahren 90 Prozent seiner Zeit in Washington nur dem einen Thema: weniger Menschen in die USA zu lassen. Ein hochdekorierter Militär fordert „USA, USA, USA“-Rufe vom Publikum ein und den Slogan „We want America back“. Er spricht kurz auf Clinton an, die nur lüge, und erntet sofort „Lock her up“-Rufe – das bedeutet: Schließt sie weg, sperrt Hillary Clinton ein! Sprechchöre gibt es während der Reden immer wieder. Großteils werden sie im Publikum initiiert, keinesfalls nur als Reaktion auf Redeninhalte. „USA!“ Und immer wieder: „Lock her up!“

Ich bin während der Veranstaltung zeitweise sehr mit mir selber beschäftigt: schockiert, wie gelähmt, fassungslos über den geballten Hass auf Clinton und das „Establishment“. Ich habe Angst zu protokollieren, Angst, ertappt zu werden, wenn ich etwas in mein Handy schreibe. „Lock her up! Lock her up!“

Rudolph Giuliani, ehemaliger Bürgermeister von New York, betritt das Podium. Er ist ein guter Redner, aggressiv und angriffslustig. Er erklärt, bei der Fernsehdebatte habe Clinton unentwegt gelogen, aber Trump habe sie nicht unterbrochen, während sie ihm andauernd ins Wort gefallen sei. Ich bin verblüfft über eine derart krasse Verdrehung des ersten Debatten-Ablaufs.

Popkonzert-Flair

17.15 Uhr, Trump kommt auf die Bühne, begleitet vom Song „Proud to be an American“. Augenblicklich geht alles in Jubel unter. Ich sehe nur noch hochgereckte Trump-Schilder und Handys, der Kandidat, ja, das ganze Podium verschwindet dahinter, es ist ein Gebrodel wie bei einer Sportveranstaltung. Die Halle ist abgedunkelt jetzt, nur die Bühne mit Trump beleuchtet, der Ton sehr laut gestellt: Popkonzert-Flair.

Er beginnt mir dem Thema Jobs – Hillary werde reich durch Geld- und Jobklau, sie habe den Menschen in Michigan die Arbeit weggenommen, er selbst werde sie wiederbringen: die Autoindustrie wieder aufbauen; das Militär wieder aufbauen; die Industrie in Michigan wieder aufbauen; die Industrie der gesamten USA wieder aufbauen. Seine Lieblingsworte seien: „You are hired“, du bist eingestellt. Sein Rezept: „Steuern runter!“ Das Thema „Built that wall“: Er werde eine Mauer bauen, und Mexiko werde sie bezahlen. Früher habe gegolten: In Michigan gibt es Jobs, in Mexiko kann man das Wasser nicht trinken. Heute sei es umgekehrt.

Seit Trump zu reden begonnen hat, steht eine sehr laute, hysterisch schreiende Familie hinter mir. Ihre „Lock her up!“-Rufe schrillen mir ins Ohr, sie brüllen das, wann immer es passt oder auch nicht. Ich halte diese Aggressionen irgendwann körperlich nicht mehr aus, ich bin extrem angespannt, mir ist leicht übel – gegen 17.45 Uhr gehe ich, bevor Trump seine Rede beendet hat.

Unzählige Trump-Mails

Noch auf dem Nachhauseweg erreicht mich eine E-Mail – ein Werbeschreiben der Trump-Kampagne. Jetzt verstehe ich, weshalb ich mir vorab ein personalisiertes Ticket besorgen musste: Es ging um die Kontaktdaten potenzieller Wählerinnen und Wähler. Ich habe seither unzählige Trump-Mails erhalten.

Unser Liveticker zur US-Wahl

Ab Dienstagnacht bieten wir einen Liveticker zu den US-Präsidentschaftswahlen an. Wer zieht ins Weiße Haus in Washington ein: Hillary Clinton oder Donald Trump? Gewählt wird in den USA am Dienstag, 8. November. Bis die ersten Ergebnisse bei uns vorliegen, wird es spät – oder früh. Je nach Sichtweise. Die ersten Wahllokale an der Ostküste schließen zwischen 1 und 4 Uhr unserer Zeit (also am 9. November). In Kalifornien und Oregon ist die Wahl erst um 5 Uhr morgens beendet. Schlusslicht bei der US-Wahl sind Alaska und Hawaii: Dort schließen die Wahllokale um 6 Uhr unserer Zeit.

In unserer ZVW-Umfrage wollen wir von Ihnen wissen: Wer wird nächster US-Präsident? Diskutieren Sie mit.


Zur Person

Die Waiblingerin Jutta Künzel, Jahrgang 1967, lebt seit April 2015 in Ferndale bei Detroit, USA. Im Rahmen ihres Fernstudiums in Soziologie, Politik- und Verwaltungswissenschaft hat sie das hier in Auszügen abgedruckte Protokoll einer „teilnehmenden Beobachtung“ verfasst.