Waiblingen

Waiblingerin wird 104 Jahre alt

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Die Waiblingerin Mathilde Kießling ist mit ihren 104 Jahren die zweitälteste Waiblingerin. © Schneider / ZVW
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Enkelsohn Uwe Schindlbeck (links) besucht seine Oma regelmäßig im Alexanderstift. Beim Besitzer des Eiscafés neben dem Pflegestift sind Mathilde Kießling und ihre Freundinnen gern gesehene Gäste. © Gaby Schneider

Waiblingen. 104 Jahre Leben, Lieben und auch Leiden – darauf kann Mathilde Kießling zurückblicken. Sie hat als Mutter dreier kleiner Kinder den Zweiten Weltkrieg durchgestanden, hat lange Jahre in der Nachtschicht bei Birkel gearbeitet, um die Familie durchzubringen und ihren Mann sowie ihre drei Kinder überlebt. Ihren Humor aber, den hat Kießling bis heute nicht verloren.

Mathilde Kießling strahlt. Es gehe ihr eigentlich immer gut. „Ich kann zwar nicht mehr laufen und muss im Rollstuhl sitzen“, sagt sie. Aber sie sei noch klar im Kopf – und das sei das Wichtigste. „Naja, und 104 wird ja auch nicht jeder“, fügt die Waiblingerin hinzu. 1935 ist sie mit ihrem Ehemann nach Beinstein gezogen. „Und dann kam ja auch gleich schon der Krieg“, sagt Kießling und ihre Miene verdüstert sich. Als ihr Mann 1940 nach Russland an die Front musste, blieb die junge Mutter mit drei kleinen Kindern alleine zu Hause. Eine schwere Zeit sei das gewesen, sagt Kießling. Kein Geld, nichts zu Essen und oft nicht mal Brennmaterial habe die Familie gehabt. „Ich bin mit dem Handwagen mit den Kindern in den Wald gegangen, um Brennholz zu sammeln“, erinnert sie sich. Abends leistete sie Hilfsarbeit, während der älteste Sohn – inzwischen gerade mal fünf Jahre alt – auf die jüngeren Geschwister aufpasste.

Eines von 14 Geschwistern

Kießling selbst wurde auf der Schwäbischen Alb geboren, in Auingen bei Münsingen. Sie war eines von 14 Geschwistern. „Das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen“, sagt sie. Wie verwöhnt die heutige Jugend sei, das bereite ihr schon manchmal Sorgen. Nicht, dass es ihnen an etwas fehlen solle, aber immer alles zu bekommen, was man wolle, schule wohl nicht gerade den Charakter.

Gewiss, den Krieg, den wolle sie keinesfalls zurück und den wünsche sie auch niemandem: „Die Zeit darf nie mehr kommen!“ Am schlimmsten sei das Hungern gewesen. Ihr Mann und sie hätten sich alles vom Mund abgespart, den Kindern das Fleisch gegeben und selbst die Brühe gegessen. „Mein Mann hat immer gesagt, die Kinder, die brauchen das, die müssen noch wachsen. Wir nicht.“ Besser wurde es dann Anfang der 50er Jahre, als die Familie ein eigenes Haus baute, mit einer kleinen Hütte im Garten.

Halb Bäuerin, halb Arbeiterin

Dort hielt Mathilde Kießling Hühner und zog zwei Schweine im Jahr auf. Eines schlachtete sie, damit die Familie zu essen hatte, und eines verkaufte sie, um davon den Kredit für den Hausbau abzubezahlen. Das Futter für die Schweine kaufte sie bei ihrem damaligen Arbeitgeber Birkel, in dessen Werk in Endersbach sie in der Nachtschicht schuftete: Die Produktionsreste wurden in Säcke verpackt und als Schweinefutter vermarktet. „Ich war also halbe Bäuerin, halbe Arbeiterin“, erzählt Kießling schmunzelnd. Hinzu kam der Haushalt, die Wäsche von fünf Personen musste von Hand gewaschen werden. Obwohl die Zeit hart war, sei es auch eine schöne Zeit gewesen, sagt Kießling.

In dem Haus in Beinstein hat sie noch bis vor zwei Jahren gelebt. Doch ein Oberschenkelhalsbruch mit anschließender Operation zwang sie in den Rollstuhl und sie musste in das Pflegeheim Alexanderstift in Hohenacker ziehen. Zunächst hatte sie unbedingt wieder heimgewollt, doch im Rollstuhl war das nicht möglich. Und inzwischen hat sie sich auch gut in ihrer neuen Bleibe eingelebt. Mit ihren Freundinnen – alle gut 20 Jahre jünger als sie – sitzt sie täglich an der frischen Luft. Entweder auf der Terrasse, oder unten vor dem Pflegeheim, neben dem Eiscafé, in dem die Damen gerngesehene Stammgäste sind. Eine ihrer neuen Freundinnen stammt gebürtig aus Hohenacker und ist gut vernetzt – so kennt auch Mathilde Kießling inzwischen viele Leute im Ort und der eine oder andere hält nach dem Einkauf im benachbarten Supermarkt gerne für ein Pläuschchen bei der Damengruppe an.

Ihren Ehrentag feiert die zweitälteste Waiblingerin am Samstag mit 25 Gästen im Aufenthaltsraum des Alexanderstifts. Neben ihren fünf Enkeln kommen auch noch jede Menge Nichten und Neffen, teils von der Schwäbischen Alb, teils aus dem Schwarzwald. „Da freue ich mich wirklich, das sind ja die Kinder meiner Geschwister“, sagt sie und strahlt wieder über das ganze Gesicht. Mit ihren sechs Urenkeln geht sie in ihr Lieblings-Eiscafé – die hat sie nämlich aus Platzmangel von der eigentlichen Geburtstagsfeier ausladen müssen.


Ihr Humor bleibt

Ihren Mann und auch ihre drei Kinder hat Mathilde Kießling überlebt. Und auch wenn sie das manchmal traurig stimmt, meist kann sie es mit Humor nehmen: „Wenn man 104 Jahre alt wird, dann kann das eben passieren.“

Die Frage, wie sie es schaffe, dass ihre Haut so gut aussehe, beantwortet sie mit: „Da kommt seit Jahren eben nichts als Nivea ran.“