Waiblingen

Wandern für den Frieden

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Sie wandern für den Frieden: Patricia Fuchs, Sabine Körner und Monika Spindler (von links). © Sarah Utz

Waiblingen. Drei Frauen wandern für den Frieden, seit Montag bis Sonntag, von Fellbach bis nach Gmünd. Was ist denn das für ein Quatsch, fragt die stahlgraue Vernunft. Es ist schön, es tut gut, es fühlt sich richtig an, antworten das Vogelgezwitscher, das Bienengesumm und der Blumenduft. Falls du den dreien begegnest – halt inne für einen Schwatz mit ihnen, es lohnt sich.

Video: Patricia Fuchs wandert für den Frieden durchs Remstal.

Sie sind nicht verrückt, sie sind nur nicht normal. Patricia Fuchs aus Winterbach, 27 Jahre alt, kariertes Hemd, kurze Hose: Im Internet las sie von der Aktion „Friedensweg“. Überall in Europa brechen dieser Tage Menschen auf, um ein Stück weit zu gehen in Richtung einer besseren Welt. Das machst du auch, beschloss Patricia. Deutschland verkauft Waffen und verdient am Krieg, dagegen könntest du, erstens, ein Zeichen setzen, und sei es noch so klein. Beim Unterwegssein kannst du, zweitens, Frieden schließen mit der Natur, die wir Menschen oft so achtlos schinden. Wer aber einen Schritt vor den anderen setzt und verweilt, wann immer sich am Wegrand etwas Schönes duckt, der findet, drittens, den Frieden mit sich selbst.

Sabine Körner, 52, aus der Gegend von Paderborn las von Patricias Plan. Also trafen sie sich, banden ein weißes Leintuch an einen Stock und pinselten ein Friedenszeichen drauf. Und als sie am Montag früh mit ihren Rucksäcken am Fellbacher Bahnhof standen, gesellte sich Monika Spindler, 60, dazu. Sie lebt auf La Palma – als sie von der Friedenswanderung durchs Remstal las, vermietete sie ihre Wohnung und buchte von dem Geld einen Flug.

Freundinnen nach vier Stunden

Ja, tatsächlich, sagt Monika Spindler, „wir kennen uns seit vier Stunden“. Wie sie hier zusammensitzen bei ihrer ersten Rast auf der Terrasse des Stettener Dorfanarchisten Ebbe Kögel, wirken sie bereits wie ein Kleeblatt. In Fellbach haben sie zunächst einen Kreis gebildet, die Fahne in die Mitte genommen, beschlossen, „unseren inneren Frieden nach außen zu tragen“, einander gegenseitig Segen gespendet und ihre „geistige Verbundenheit“ beschworen „mit Gott, Mutter Erde, dem Universum“ oder woran auch immer jemand glaubt. Denn „im Entweder-oder“ sind doch mehr als genug Menschen „gefangen“, es gelte, „hinzuwachsen zum Sowohl-als-auch“, findet Monika, „katholisch vorbestraft“ und am Buddhismus interessiert. In den 80er Jahren ließ sie keine Anti-Kriegs-Demo aus, in Nicaragua half sie bei einer Alphabetisierungskampagne.

Kaum unterwegs, trafen sie unterm Kappelberg eine Grundschulklasse – und weil gerade Müll am Wegrand lag, organisierten sie mit den ABC-Schützen spontan eine Putzete. Ein Lied haben die drei auch schon eingeübt. „Trommle, mein Herz, für das Leben“, hebt Patricia an, „singe, mein Mund, den Frieden“, fällt Sabine ein, und Monika vollendet: „dass die Erde heller und schöner werde“.

Heiliger Strohsack, denkst du, wo bin ich da bloß reingeraten? Zugleich fühlst du dich bezaubert: Eine sanft betörende Verstörungskraft geht aus von dieser blumenkindlichen Friedensentschlossenheit.

Wie kann man besser leben, um der Erde weniger zu schaden?

Patricia Fuchs hat Physiotherapeutin gelernt. Derzeit aber nimmt sie sich ein halbes Jahr, in dem „ich mich dem Boden, der Erde und mir widme“. Auf einem biologischen Bauernhof hat sie gegen Kost und Logis „Unkraut gejätet“, sie engagiert sich bei Attac, in der Widerstandsbewegung gegen Stuttgart 21 und fürs Repair-Café in Winterbach, wo Menschen gemeinsam ihre kaputten Dinge wieder heil machen, anstatt sie wegzuwerfen. Patricia will herausfinden: „Wie kann ich besser leben, um der Erde weniger zu schaden?“

Sabine, immer auf der Suche „nach der Herzensenergie“, trägt ein T-Shirt, auf dem steht, dass „jeder Mensch ein Künstler“ ist – denn bekanntlich komme „Kunst von Können“, und „irgendetwas kann jeder. Amen.“ Sie hat Notizheftchen dabei, selber gebastelt. Auf dem Umschlag steht: „Frieden sei mit dir!“ Wenn jemand unterwegs nett lächelt, bekommt er ein Exemplar. Und Ebbe Kögels Garten wäre ein schöner Ort, „um ein Mandala zu legen, mit Blättern, Blüten, Steinen“ – also los . . .

Und wo übernachten sie? Heute Abend sind sie in Strümpfelbach, bei der Frau eines Cousins eines Bekannten, morgen in Schorndorf – und danach? Ach, etwas wird sich finden. So werden sie dahinziehen, durch Grün und Vogelzwitschern und Bienengesumm. Ein paar Leute werden dazustoßen, eine Grundschullehrerin hat sich angekündigt für die Donnerstagsetappe, und ein Pensionär will sich anschließen mit seinem Fahrrad nebst Anhänger und aufmontiertem Solarpanel. Damit kann er Wasser kochen und für die Energiewende werben.

Vielleicht ist dies, so dämmert dir im Lauf des Gesprächs, der eigentliche Sinn der Friedenstour: ein Netz knüpfen. Ein Netz aus Menschen, die ebenfalls finden, dass diese Welt nicht nur aus Das-war-schon-immer-so und So-wird-es-immer-sein besteht. Ein Netz aus Menschen, die nicht nur hechelnd das Hamsterrad ihrer Konsumbedürfnisse ankurbeln und den Vorgarten ihrer Engstirnigkeit hegen wollen. Ein Netz aus Menschen, die von anderen Formen des Zusammenlebens, des Aufeinander-Achtgebens träumen und Wege dorthin erproben. Ein Netz aus Menschen, die einander gegenseitig inspirieren mit ihren Ideen, Fähigkeiten, Erfahrungen. Sind die alle verrückt? Nein, sie sind nur nicht normal.

 

Mitmachen? Wer sich den dreien spontan anschließen will auf ihrem Weg für den Frieden, kann Patricia Fuchs erreichen unter Tel: 01 57/55 24 97 81.