Waiblingen

Warum es so schwierig ist, die Strukturen offenzulegen

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Ulrich Gruber. © Ramona Adolf
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Waiblingen/Stuttgart. Die kalabrische Ndrangheta ist für die Polizei im Großraum Stuttgart ein Dauerthema – aber es ist bei weitem nicht nur die italienische Mafia, die den Ermittlern die Arbeit nicht ausgehen lässt: Ein Gespräch mit Ullrich Gruber, 47, Inspektionsleiter Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt.

Herr Gruber, folgende Leserzuschrift haben wir erhalten: In unserer Mafia-Serie sei manches „sehr vage“ geblieben – offenbar seien „keine klar erkennbaren Strukturen von Mafia-Aktivitäten im Rems-Murr-Kreis festzustellen“. In aller Deutlichkeit: Diesen Schluss halte ich für falsch – wobei wir aus rechtlichen Gründen nicht alle Namen und Orte nennen dürfen, bei denen wir Verdachtsmomente sehen. Aber ich frage Sie: Gibt es keine Mafia-Strukturen im Kreis?

(Lächelt.) Es ist das Wesen der Mafia, dass sie im Verborgenen operiert. Sie hat kein Interesse daran, dass Strukturen offen zutage treten. Und die Polizei hat Schwierigkeiten, in diese Kreise zu kommen, vieles bleibt einfach in der italienischen Gemeinde. Wir haben im Rems-Murr-Kreis eine Häufung von Kalabresen, die aus dem mafiarelevanten Gebiet um Mandatoriccio stammen. Wir müssen natürlich sehr vorsichtig sein, die italienische Bevölkerung nicht zu stigmatisieren. Es sind weiß Gott nicht alle mit der Mafia verstrickt. Aber dass das Problem bei uns größer ist als zum Beispiel in den östlichen Bundesländern, ergibt sich aus der Zuwanderungsgeschichte. Bei uns gibt es dafür keine vietnamesischen Zigarettenschmuggler.

Warum ist es so schwierig, Strukturen offenzulegen?

Für die Verdächtigen ist es ein absolutes Tabu, mit der Polizei zu reden – und auch die Opfer reden in aller Regel nicht mit uns. Stellen wir uns vor, ein Kalabrese betreibt hier ein Lokal. Es reicht oft, ihm zu signalisieren: Du, horch her, ein Gruß von Soundso, du weißt schon, wo er herstammt. Das kann dazu führen, dass der Gastwirt, der 50 Kisten Wein hingestellt bekommt, die er nicht haben will, nicht zur Polizei geht, sondern dafür bezahlt. Wenn die Erpressung so gestaltet ist, dass der Betroffene noch finanziell überleben kann, fällt das nach außen nicht auf. Das System ist subtil.

Ist das, was Sie tun, dann nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Nein. Im Rems-Murr-Kreis wurden italienische Gastwirte erpresst, Lebensmittel von der Ndrangheta zu kaufen – wir haben Erkenntnisse aus Baden-Württemberg den italienischen Behörden zugeliefert und ihnen so geholfen, ihre Haftbefehle zu begründen. So haben sich die einzelnen Mosaiksteine zu einem Bild zusammengefügt. Das Ergebnis waren die Verhaftungen im Januar im Zuge der „Operation Styx“.

Ist der Rems-Murr-Kreis für die Ndrangheta ein Aktions- oder nur ein Ruhe- und Rückzugsraum?

Sowohl als auch. Natürlich ist es für einen Straftäter hilfreich, einen Raum zu haben, wo er sich entspannt bewegen kann ohne Erfolgsdruck. Aber strukturstarke Räume wie der um Stuttgart eignen sich auch, um Gewinne zu reinvestieren, illegale Gelder in legalen Geschäftsfeldern anzulegen. Um Geld zu waschen, bieten sich Gastronomiebetriebe und Immobilien an. Aktions- und Rückzugsraum: Beides ist der Fall.

Was ist das Hauptgeschäftsfeld der Ndrangheta?

Ihr Hauptrückgrat ist der Kokainhandel. Die meisten Ndrangheta-Verfahren, die in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg geführt wurden, hatten einen Kokain-Hintergrund.

Bei der Operation Styx wurde auch der legendäre Wirt Mario L. verhaftet – das muss ein Triumph für Sie gewesen sein.

Es gibt eine gewisse Befriedigung, wenn jemand festgenommen wird, den man seit mehr als zwei Jahrzehnten in dieses Mafia-Umfeld einordnet aufgrund verschiedener Verdachtslagen, bei dem es aber nie zu einer Verurteilung gereicht hat. Mario L. gilt in Italien als ein mutmaßlicher Haupttäter. Noch ist er aber nicht verurteilt.

Was mich bei diesem Fall befremdet: wie viele Leute, die von den Gerüchten um L. gewusst haben müssen, sich bis zuletzt bei Festen in seinem Glanz gesonnt haben. Verwundert war ich auch, wie es dazu kam, dass L. eine Pizzeria in einer Immobilie der Kreisbau-Gruppe betrieb, im Winnender Gesundheitszentrum.

Das ist eine Frage, die wir uns auch gestellt haben.

In Kalabrien ist die Ndrangheta bestens vernetzt mit Führungskräften aus Politik und Verwaltung. Gibt es in Deutschland so etwas auch?

Dass man wirklich einen gekauft hat, der eine Marionette der Ndrangheta ist, glaube ich nicht. Aber dass es da und dort honorige Männer gibt, die sich kennen und einander Gefälligkeiten erweisen – das will ich nicht ausschließen. Es ist fließend, ein Graubereich. Überall dort, wo es um große Vermögen geht, um Immobilien, können Kontakte entstehen. Es gehört zum Wesen der Mafia, dass sie Leute umgarnt und vielleicht auch mal in ein Abhängigkeitsverhältnis bringt – Italiener sind kommunikativ, wir lieben Italien, dieses Dolce-Vita-Gefühl. Aber die Mafia hat in Deutschland sicher nicht den Einfluss wie in Italien. Dass die Mafia mit Fördergeldern Flüchtlingsunterkünfte baut oder im öffentlichen Auftrag illegale Müllentsorgung organisiert – so etwas gibt es bei uns zum Glück nicht.

Manchmal erhalten Sie von italienischen Behörden Hinweise: Dieser oder jener Gastwirt im Rems-Murr-Kreis gilt in seinem Heimatland als Mafia-Mitglied.

In Italien ist bereits die Mitgliedschaft in einer Vereinigung nach Art der Mafia strafbar – selbst, wenn der Mann nur Pizza backt. Wir können Personen, die uns von Italien als Mafia-Mitglieder genannt werden, deshalb aber nicht einfach verhaften. Wir können jedoch im Rahmen eigener Ermittlungen prüfen: Wo wohnt er, was arbeitet er, wie verdient er sein Geld, passt das Einkommen zum Habitus? Begeht er in Deutschland Straftaten?

Die bloße Mitgliedschaft reicht schon, um sich strafbar zu machen – ist die Gesetzeslage in Italien also besser?

Dort ist die Mafia ganz anders gesellschaftlich und historisch verwurzelt, deshalb wurden sehr weitgehende Gesetze geschaffen, die sich nicht eins zu eins auf unser deutsches Recht übertragen lassen.

Das heißt aber, dass man manchmal Rückschläge oder Frust aushalten muss.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Vergangenheit: Wir ermittelten aufgrund eines Hinweises gegen einen Verdächtigen, der sich als honoriger Geschäftsmann ausgab und mit seinem Ingenieurbüro Immobilien zum Abriss aufkaufte, Pflegeheime baute und an Hilfsinstitutionen vermietete. Der Mann war früher in Ostdeutschland verurteilt worden wegen Betruges im Umgang mit Strukturförderungsgeldern nach der Wende. Wir haben ihn ein halbes Jahr lang ausgeforscht – letztlich hat unsere Verdachtslage nicht gereicht, um ein Strafverfahren einzuleiten. Das war ein typischer Fall, wo man sagt: Da verschwimmt illegal und legal.

Dass die illegale Wurzel mancher Geschäfte kaum mehr zu erkennen ist – liegt darin nicht eine massive Gefahr für eine Gesellschaft?

Wenn ich legale Geschäfte mit illegalen Geldern sponsern kann, werde ich zahlungskräftiger, kann Mitbewerber verdrängen – und wenn mir eine Firma mit vielen Mitarbeitern gehört, kann ich Einfluss gewinnen auf eine Kommune, kann womöglich Entscheidungen der öffentlichen Hand beeinflussen: Das ist die Gefahr, wenn sich Organisierte Kriminalität nachhaltig und dauerhaft verankert.

Oft ist es schwierig, Organisierte Kriminalität überhaupt als solche zu erkennen.

Die Kunst ist es in der Tat, das zu erkennen. Ist ein Einbruch die Einzeltat eines Drogensüchtigen, der Geld braucht für den nächsten Schuss, oder Teil eines Systems, einer Serie durch eine reisende, mobile Gruppe? Unsere Aufgabe beim LKA ist es, eine Verdachtslage zu überprüfen, Fallakten zu holen und zu vergleichen, einen Modus Operandi zu erkennen, Fälle zusammenzuführen und so das Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität zu erhellen.

Ich ahne, dass das mühsam ist.

Das erfordert viel Zeit, Fleiß und Personal. Ein größeres OK-Verfahren dauert bis zur Abgabe an die Staatsanwaltschaft mehrere Monate – und auch schon mal zwei Jahre. Mit den einzelnen Verfahren beschäftigen sich immer mehrere Beamte. Das kostet viel Geld – wenn man es mit ausländisch sprechenden Tätern zu tun hat, braucht man Dolmetscher für die Telefonüberwachung und für Dienstreisen.

Wie viele solcher Verfahren betreiben Sie?

Zwischen 35 und 40 pro Jahr gibt es in Baden-Württemberg, wobei sowohl neu begonnene zählen als auch Fortschreibungen von laufenden Verfahren.

Wie viele davon drehen sich um die italienische Mafia?

In Baden-Württemberg etwa zehn Prozent. Das Thema Mafia ist für uns ein Dauerdeliktsfeld. Allerdings: Zehn Prozent – das heißt, 90 Prozent der Verfahren betreffen andere Kriminalitätsgruppen.

Welche?

Bei OK-Ermittlungen verzeichnen wir außer deutschen Staatsangehörigen, die als Tatverdächtige rein statistisch gesehen an zweiter Stelle stehen, etliche andere Ethnien. Viele Gruppierungen kommen aus armen Gegenden voller Perspektivlosigkeit und haben sich in ihren Bereichen eingerichtet. Die Ermittlungen zeigen, dass zum Beispiel türkische Staatsangehörige häufig Hintermänner im Drogenhandel sind. Bei organisierten Diebstählen von Autos und Autoteilen sind litauische und polnische Staatsangehörige auffällig. Beim organisierten Ladendiebstahl sind es Staatsangehörige aus Rumänien und Georgien.

Wie organisiert habe ich mir das Vorgehen vorzustellen?

Viele Gruppen operieren wie internationale Konzerne oder Firmen. Wir haben zum Beispiel einen sogenannten Residenten, der in Deutschland wohnt. Er bietet Unterschlupf für die ausführenden Täter, stellt die Tatmittel zur Verfügung und baldowert aus, wo hochwertige Autos stehen. Dann kommt der Fahrzeugdieb ins Spiel, der sich mit der Technik auskennt. Er übergibt den Wagen an den Kurierfahrer ...

... der das Auto ins Ausland bringt: ein arbeitsteiliges Verfahren.

Ja. Ein anderes Beispiel aus der Vergangenheit: Estnische Bankräuber kamen mit dem Fernreisebus nach Stuttgart. Am Bahnhof wartet ein Resident, übergibt eine Waffe und weist an, welche Bank überfallen werden soll. Anschließend bekommt der Ausführende seinen Anteil an der Beute und fährt in sein Heimatland zurück. Wir haben es mit Leuten zu tun, die ihr Geschäft verstehen.

Dennoch haben Sie in jüngerer Zeit mehrere spektakuläre Erfolge verbucht.

Wir haben gegen die Osmanen ermittelt, eine türkische, rockerähnliche Gruppierung, gegen einen Echterdinger Bordellbetreiber im Zusammenhang mit Menschenhandel und gegen eine litauische Gruppe, die hochwertige Autos mit sogenanntem Keyless-Go-System stahl – das waren drei umfangreiche Verfahren ...

... die Sie so habhaft ausrecherchiert haben, dass in allen dreien jetzt Prozesse am Landgericht Stuttgart laufen.


Von Pächtern und Unterpächtern

Bei der Pizzeria im Winnender Gesundheitszentrum trat der seit den 90er Jahren von Mafia-Gerüchten umwaberte Mario L. nach Auskunft des Landratsamtes nicht in offizieller Mieterrolle in Erscheinung. Es gebe einen anderen Pächter, der dann allerdings erklärt habe, er wolle das Lokal seinerseits unterverpachten, teilt Martina Nicklaus von der Pressestelle mit. Als Unterpächterin habe eine Frau mit polnisch klingendem Namen unterschrieben.

Bei der Unterpächterin handelt es sich um eine Frau, die mittlerweile die Gattin von Mario L. ist – zum Zeitpunkt der Unterpacht-Vertragsunterzeichnung trug sie, offenbar noch unverheiratet, nicht seinen, sondern ihren Geburtsnamen.

Staatsanwalt: Wirte werden erpresst, Wein und anderes bei der Ndrangheta zu kaufen

Beim Pächter handelt es sich um einen italienischstämmigen, im Rems-Murr-Kreis lebenden Gastronomen [Name der Redaktion bekannt]; er ist Mitglied des Vereins Armig mit Sitz in Offenbach, der als Vereinszweck die „Förderung der italienischen Küche in Deutschland“ nennt.

Armig ist eine Abkürzung und steht für „Associazione Ristoratori Mandatoriccesi e Italiani in Germania“. Übersetzt etwa: „Vereinigung von Gastronomen aus Mandatoriccio und Italien in Deutschland“. Mandatoriccio ist eine Gemeinde im Kernland der kalabrischen Ndrangheta und der Geburtsort von Mario L. Über Armig hat der italienische Staatsanwalt Vincenzo Luberto im Interview mit der journalistischen Recherche-Gruppe „Correctiv“ erklärt: „Der Verein führte durch Mario L. und [einen weiteren Verdächtigen] die Erpressungen durch“, bei denen andere kalabrische Gastwirte in Deutschland dazu genötigt worden sein sollen, Wein und anderes bei der Ndrangheta einzukaufen.

Fünf Gastronomen von Armig kommen aus dem Rems-Murr-Kreis

Wichtiger Vorbehalt: Über die juristische Belastbarkeit der Aussage von Staatsanwalt Luberto können wir uns kein Urteil erlauben – das von den italienischen Behörden betriebene Verfahren hat bislang zwar zu Verhaftungen, aber nicht zu rechtskräftigen Verurteilungen geführt.

Mario L. selbst ist offiziell nicht Mitglied bei Armig – im Gegensatz zu zwei anderen Männern mit demselben Nach-, aber anderen Vornamen (einer von ihnen fungiert als „Schatzmeister“). Von den 27 Gastronomen, die Armig angehören, kommen fünf aus Stuttgart und zwei aus dem Rems-Murr-Kreis.

Merkwürdigerweise macht die Internetseite des Restaurants im Winnender Gesundheitszentrum gar keinen Hehl um die Rolle von Mario L. – er wird im Impressum ausdrücklich genannt, gemeinsam mit seiner Frau.

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