Waiblingen

Was bringen Nahrungsergänzungsmittel wirklich?

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An Stelle von frischem Obst und Gemüse landen farbige Pillen auf dem Teller – doch was bringen Nahrungsergänzungsmittel wirklich? © pixabay.com (CC0 Creative Common
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Dr. Schuler Waiblingen Dr. Markus Schuler ist der neue (und alte) Vertreter der Waiblinger Ärzteschaft. Wir stellen ihn vor.
Der Allgemeinmediziner Markus Schuler ist der Vorsitzende der Waiblinger Ärzteschaft. © Benjamin Buettner

Waiblingen. Die Botschaft der Werbung ist einfach: Mit ein paar bunten Pillen ist der Vitaminhaushalt ohne Aufwand in Ordnung gebracht. Doch der Allgemeinmediziner Markus Schuler warnt: Viele dieser Mittel halten nicht, was sie versprechen – und manche können sogar schädlich sein.

Herr Schuler, welche Vitamine braucht der Mensch im Winter?

Eigentlich die gleichen wie im Sommer, aber es gibt eine Ausnahme: Im Sommer bildet der Körper Vitamin D, im Winter viel weniger. Für dunkle Hauttypen kann also eine Ergänzung mit Vitamin D in den Monaten mit einem „R“, in denen weniger Sonne scheint, sinnvoll sein, wenn sie keinen fetten Seefisch essen. Fetter Seefisch ist zum Beispiel Lachs oder Hering. Im Winter essen wir dafür mehr Kohl-Arten und haben mehr Vitamin K. Das braucht die Leber, um Gerinnungsfaktoren zu bilden, damit es bei Verletzungen nicht zu starken Blutungen kommt.

Wieso brauchen dunkle Hauttypen mehr Vitamin D?

Vitamin D wird mit Hilfe von UV-Strahlen in der Haut gebildet. Dunklere Haut ist nicht unbedingt auf das wenige Sonnenlicht hier eingestellt, deshalb bekommen diese Hauttypen schneller einen Mangel an Vitamin D. Helle Haut hingegen kann die wenigen UV-Strahlen aufnehmen und daraus genügend Vitamin D bilden – aber mehr Strahlung, wie im Süden, ist für helle Hauttypen sogar schädlich und kann die Entstehung von Melanomen begünstigen.

An welchen Vitaminen mangelt es Menschen in Deutschland denn? Und wer ist besonders betroffen?

Vitamin D-Mangel kommt wohl vor, wobei wir hier gar nicht so sicher wissen, wie viel der Mensch braucht, das heißt, wie hoch der Vitamin-D-Spiegel sein sollte. Wir arbeiten da mit Vermutungen! Vitamin-B-12-Mangel kommt immer mal wieder vor, vor allem bei älteren Leuten, Patienten mit Magen-Erkrankungen, zuckerkranken Patienten, insbesondere bei Einnahme von Metformin (ein Arzneimittel, das unter anderem bei Typ-2-Diabetes eingesetzt wird, Anmerkung der Redaktion). Vegetarier sind sicher auch Vitamin-B-12-Mangel gefährdet, da eine fleisch- und fischarme Ernährung kaum Vitamin B 12 enthält, aber bei Bestimmung des Vitamin B 12 habe ich noch bei keinem Vegetarier einen Mangel gefunden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass B 12 vielen Fertigprodukten zugesetzt wird.

Die Werbung verspricht für Mangel jeglicher Art eine einfache Lösung: Nahrungsergänzungsmittel. Was ist davon zu halten?

Nahrungsergänzungsmittel bilden nie realistisch einen Mangel ab. Bei einer ausgewogenen Ernährung besteht kein Mangel an Vitaminen. Ein Nahrungsergänzungsmittel kann nie den Genuss von Obst und Gemüse ersetzen. Nahrungsergänzungsmittel sind oft einseitig und überteuert.

Welche Risiken bergen solche Ergänzungsmittel?

Eine Überdosierung an fettlöslichen Vitaminen zum Beispiel. Das sind zum Beispiel die Vitamine A, D, E, K. Sie werden im Fettgewebe gespeichert, können aber nur schlecht von den Nieren ausgeschieden werden. Deshalb können sie sich bis zu schädlichen Konzentrationen anhäufen. Ein Zuviel an wasserlöslichen B-Vitaminen, Vitamin C oder Folsäure ist eher harmlos: Das geht dann wortwörtlich den Bach runter, also durch die Nieren. Außerdem werden Nahrungsergänzungsmittel gerne als Alibi missbraucht, um auf Obst und Gemüse zu verzichten. Und sie fressen Löcher ins Budget, dieses Geld sollte man lieber für gesunde Lebensmittel ausgeben.

In welchen Fällen kann eine Nahrungsergänzung über künstliche Präparate dennoch sinnvoll sein?

Sinnvoll sein kann eine Ergänzung bei Erkrankungen wie dem Kurzdarmsyndrom oder nach Eingriffen der bariatrischen Chirurgie (darunter versteht man Eingriffe bei krankhaft übergewichtigen Menschen). Auch bei künstlicher Ernährung, zum Beispiel im Fall von Krebserkrankungen und bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen können Nahrungsergänzungsmittel notwendig sein. Alle dies Gruppen werden von den Ärzten und anderen medizinischen Berufen regelhaft darüber informiert.

Wovon sollte man auf jeden Fall die Finger lassen?

Von dem Zeug, was viermal die Stunde in der Fernsehwerbung kommt, das ist garantiert Wucher. Provitamin A (Carotin) schadet erwiesenermaßen bei Rauchern. Es steht im Verdacht, die Entstehung von Lungenkrebs zu fördern.

Was ist Ihre Empfehlung für eine ausgewogene Versorgung mit Nährstoffen und Vitaminen?

„Five a day“ ist optimal – also fünfmal am Tag Obst oder Gemüse essen. Dazu noch einmal in der Woche Seefisch, einmal in der Woche Fleisch, raus an die frische Luft – nicht mit dem Auto ins Studio und dort auch noch obskure Shakes konsumieren. Außerdem sollte man frische Nahrungsmittel verwenden – und diese selbst frisch kochen.


 

Weniger ist oft mehr

Laut einem Bericht aus dem Jahr 2017 des Bundesinstituts für Risikobewertung greift in Deutschland jeder dritte Erwachsene regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln.

Weiter heißt es, aus ernährungsphysiologischer Sicht seien Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen nicht notwendig. Dies gelte umso mehr, als diese Präparate eher von Menschen mit einem ohnehin gesünderen Lebensstil und ausgewogener Ernährung verwendet würden.

Von einer Überversorgung mit Nährstoffen sind demnach keine positiven Auswirkungen auf die Gesundheit zu erwarten. Eher ist das Gegenteil der Fall: Eine langfristige Überversorgung kann zu erhöhten Gesundheitsrisiken führen.