Waiblingen

Was tun gegen Ängste in Zeiten von Corona?

Senioren Corona
Einsam fühlen sich in diesen Tagen wohl viele. © M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com

Ja, wir wissen es: In der Coronakrise müssen wir Abstand halten. Keine gemütlichen Abende mit Freunde, keine Treffen mit der Großfamilie, von einem schönen Essen im Restaurant oder Sport im Verein ganz zu schweigen. Was die einen ganz gut bewältigen, ist für andere ein großes Problem. Immer mehr Menschen Leute leiden unter der Unsicherheit der Krise und unter der Einsamkeit der Kontaktsperre, weiß die evangelische Pfarrerin Antje Fetzer. Die wenigsten allerdings greifen zum Telefon und suchen das Gespräch – auch wenn sie das Bedürfnis nach Kontakt mit anderen Menschen haben.

Die gute Nachricht: Unter Maßgaben des Infektionsschutzes dürfen ab 4. Mai wieder Gottesdienste und Gebetsveranstaltungen stattfinden. Dies haben Landesregierung, Kirchen und Religionsgemeinschaften vereinbart. Doch die Einsamkeit des Einzelnen bleibt. Von außen ist sie schwer zu durchbrechen. Im Kampf gegen die Isolation schreibt Pfarrerin Antje Fetzer Postkarten, geht persönlich bei den Leuten vorbei, hinterlässt ihre Telefonnummer und ruft selbst an, sofern sie die nötigen Telefonnummern hat. Wohl wissend, dass sie derzeit trotzdem nicht viel von dem machen kann, was sie als Pfarrerin eigentlich tun möchte: Menschen verbinden und zusammenbringen. „Wir sind im Ausnahmezustand“, sagt Antje Fetzer. „Aber so waren die Maßnahmen ja auch angelegt.“ Was ihr besonders zu schaffen macht, ist ihre Hilflosigkeit in belastenden Situationen wie Trauerfällen. Gerade dann würde sie die Menschen gern intensiver begleiten, bei ihnen sein, um mit ihnen zu reden.

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren

Nach den Wochen der Kontaktsperre wird die Enge zu Hause für viele immer bedrohlicher. „Die Leute stehen unter Spannung“, sagt Antje Fetzer. In der Krise hätten die Menschen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Urängste kommen auf. Die Angst, etwas falsch zu machen, sei bei den Menschen derzeit besonders ausgeprägt, glaubt die Pfarrerin und erzählt ein Beispiel, das sich jüngst in einem Lebensmittelgeschäft abgespielt habe. Eine gehbehinderte Frau, die sich kurz setzen wollte, sei vom Personal im Geschäft daran gehindert worden. Erst das Einschreiten eines Security-Mannes machte es möglich, dass sich die Frau kurz ausruhen konnte. Ganz allgemein nimmt die Pfarrerin zunehmend eine Art Blockwart-Mentalität wahr: die Grundhaltung, mit der das vermeintliche Fehlverhalten anderer angeprangert wird. Das aber führt zu weiteren Spannungen.

Als Pfarrerin kennt Antje Fetzer Kranke, für die es derzeit lebenswichtig ist, die Regeln einzuhalten. Viele wollten jetzt aber auch vorbeugen und verhindern, dass sie bei einer noch länger anhaltenden Kontaktsperre in ein Loch fallen. Nicht jeder habe dieselben Bedürfnisse, weiß Fetzer, die derzeit über ihren Glauben besonders froh ist. Ob aber ein Partner zum Spaziergehen gesucht wird, Telefongespräche geführt werden oder der digitale Austausch gesucht wird: „Zuhören ist das Wichtigste“ ist die Pfarrerin überzeugt. Die Menschen bräuchten Resonanz für das, was sie fühlen. Das Gespräch und der Austausch über die Angst seien wesentlich.

Jetzt treten unterschwellige Ängste zutage

Auch für Stefanie Strietz, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Waiblingen, wird in ihrer täglichen Arbeit während der Corona-Krise immer deutlicher, mit welchen Ängsten die Menschen zu kämpfen haben. „Zusätzlich zu den schon vorhandenen seelischen Probleme kommen nun sehr viele bisher unterschwellige Ängste zutage“, so die Heilpraktikerin. Zu der Angst vor der Krankheit kämen durch die Ausgangssperre Verlust- und Existenzängste und längst überwunden geglaubte Depressionen zum Vorschein. „Viele Leute mit Kindern sind total überfordert“, sagt Stefanie Strietz. Alleinstehende litten vor allem unter ihrer Einsamkeit. Das Hauptthema der meisten Menschen sei aber die Unsicherheit, wie das Leben in und nach der Krise weitergehen wird.

Das meint auch die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN) Sabine Köhler. Die dramatische Lage rund um das Corona-Virus mache vielen Menschen Angst, weil vieles noch unklar und alles in Bewegung ist, sagte sie im Gespräch mit der dpa. Die Menschen seien es aber gewohnt, mit einer gewissen Sicherheit zu agieren. Horrornachrichten könnten nicht ignoriert werden. Bevor die Angst um sich selbst oder um Angehörige einen aber lähme, rät Köhler zu einem Realitätscheck: „Wie ist meine Gefahrenlage, wie sieht mein Alltag aus, mit wem habe ich Kontakt?“ Wichtig sei, auch in der Krise handlungsfähig zu bleiben. Bei aller Vorsicht dürfe das soziale Zusammenleben nicht komplett aufgegeben werden - denn das fördert dann die Ängste nur.

Ja, wir wissen es: In der Coronakrise müssen wir Abstand halten. Keine gemütlichen Abende mit Freunde, keine Treffen mit der Großfamilie, von einem schönen Essen im Restaurant oder Sport im Verein ganz zu schweigen. Was die einen ganz gut bewältigen, ist für andere ein großes Problem. Immer mehr Menschen Leute leiden unter der Unsicherheit der Krise und unter der Einsamkeit der Kontaktsperre, weiß die evangelische Pfarrerin Antje Fetzer. Die wenigsten allerdings greifen zum Telefon und

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