Waiblingen

Was tun gegen das Ladensterben in Waiblingen?

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Leerstände an der Langen Straße. © ZVW/Alexandra Palmizi
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Schon lang kein Kleiderladen mehr. © ALEXANDRA PALMIZI
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Ein Leerstand, an den man sich bereits gewöhnt hat. Dem Vernehmen nach zieht bald ein Friseur ein. © ALEXANDRA PALMIZI
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Pop-up-Weinbar beim früheren Rosenladen. © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen. Vor einem halben Jahr hat Messerschmied Eisele zugemacht, seitdem stehen die Räume in der Langen Straße leer. Im Laden an der Passage daneben herrscht seit Jahren gähnende Leere. Doch wenn die Geschäfte leer stehen, verödet irgendwann die Innenstadt. Den Leerständen einerseits, aber auch unliebsamen Nutzungen wie Wettbüros, Goldankauf, Handyläden und immer weiteren Filialen von Optikerketten entgegenzuwirken, ist eine der großen Aufgaben der Kommunalpolitik.

Ist das überhaupt zu schaffen? Was kann die Stadt ausrichten? Darüber sprachen wir mit Oberbürgermeister Andreas Hesky und Wirtschaftsförderer Marc Funk.

Herr Hesky, Herr Funk, dieses Problem gibt es nicht nur in Waiblingen: In Zeiten von Internetkäufen, Megaketten und Einkaufszentren drohen Innenstädte zu veröden. Was tut Waiblingen aktuell, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Hesky: Wir sind in Waiblingen weit davon entfernt, von einer verödeten Innenstadt zu sprechen. Die Stadt hat in den vergangenen Jahren insbesondere über die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft verschiedene Maßnahmen zur Förderung der Innenstadt umgesetzt und dazu beigetragen, dass Projekte Dritter verwirklicht werden konnten.

Funk: Nun wird es darauf ankommen, diese Entwicklung in den angrenzenden Bereichen fortzusetzen, wie etwa am Stadtgraben, am Güterbahnhof, in der Fronackerstraße oder am Marktplatz. Das geht natürlich nur, wenn die Immobilieneigentümer bereit sind mitzumachen. Natürlich ist es so, dass es Leerstände gibt. Man muss auch fragen, warum das so ist. Deshalb sucht die Wirtschaftsförderung stets den Kontakt zu den Immobilieneigentümern und bietet Unterstützung bei der Vermarktung der Flächen an. Es ist beileibe auch nicht so, dass nichts Neues nachkommt. Wollgefühl, Buchhandlung Taube, Café Pilu, Mamma Roma, Tegut und das neue Café der Bäckerei Maurer in der Bahnhofstraße sind Beispiele für Neueröffnungen und zum überwiegenden Teil Beleg für die erfolgreiche Wiederbelegung von Flächen. Selbstverständlich steht der Waiblinger Handel angesichts des wachsenden Online-Handels sowie der Nähe zur Landeshauptstadt und anderen Mittelstädten mit großen Verkaufsflächen unter Wettbewerbsdruck. Der Handel wird nicht verschwinden, er wird sich aber weiter verändern.

Hesky: Mittlerweile sind Immobilien wie das ehemalige Fotogeschäft Saur, Messerschmied Eisele oder der Laden im Scheuernwinkel verkauft. Die neuen Inhaber modernisieren. Dabei halte ich es für richtig, dass wir den Charme unserer Innenstadt auch bewahren. Unsere Fachwerkinnenstadt mit den vielen denkmalgeschützten Gebäuden zeichnet uns aus. Das soll so bleiben.

Funk: Wir möchten gemeinsam mit dem BdS und dem Verein Innenstadtmarketing noch stärker die Besonderheiten der Innenstadt herausarbeiten. Waiblingen hat viel in die Innenstadt investiert. Auch die Investitionen in die Gartenschau werden dazu führen, dass die Aufenthaltsqualität der Stadt noch weiter verbessert wird.

Stichwort hohe Mieten: Manch Einzelhändler, der einen attraktiven Laden hätte, schafft es nicht mehr, die geforderten Mieten aufzubringen. Die Folge sind Leerstände, Handyläden oder auch die x. Optikerkette. Kann die Stadt regulierend eingreifen, beispielsweise mit einer Unterstützung bei der Miete?

Hesky: Nein. Das geht nicht. Das wäre geradezu eine Aufforderung, hohe Mieten zu verlangen, weil es die Stadt bezahlen würde. Es würde auch diejenigen benachteiligen, die durch vernünftige Mieten und durch die Suche nach qualitätsvollen Mietern dazu beitragen, dass unsere Innenstadt funktioniert. Wir müssen die Spielregeln der sozialen Marktwirtschaft einhalten. Eigentum verpflichtet. Wer Eigentum in der Innenstadt hat, hat meiner Meinung nach auch die Verpflichtung, mit dazu beizutragen, dass die Ladengeschäfte gut belegt sind und gastronomische und andere Dienstleistungen vorhanden sind, was gemeinsam den Wert der eigenen Immobilie sichern hilft. Die Stadt vermietet ihre eigenen Immobilien oft günstig, damit wir gute und interessante Ladengeschäfte bekommen. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg, um Betrieben gute Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Die Stadt subventioniert übrigens auch keine Handwerksbetriebe oder das produzierende Gewerbe.

Funk: Mittlerweile ist unserer Einschätzung nach bei den Vermietern die Erkenntnis vorhanden, dass Mieten moderat sein müssen. Wenn Ladengeschäfte aufgeben, liegt es häufig am falschen Betriebskonzept und nicht unbedingt an den Mieten und selten am Standort. Jeder Leerstand hat auch seine eigene Geschichte. Betten Eisele, Stoff Eisele und der Rosenladen sind Beispiele für Betriebsaufgaben, die privater, respektive altersbedingter Natur waren.

Versuche, die Innenstadt lebendig zu halten oder wiederzubeleben, gibt es auch anderswo. In der oberbayerischen Stadt Schrobenhausen zum Beispiel werden neue Gründer unterstützt, um attraktive Geschäfte anzuziehen. Hilfe erhalten die Neugründer bei der Standortwahl, bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee oder bei der Ausarbeitung eines Businness-Plans. Viele Gründer bekommen zudem einen Mietzuschuss von bis zu 60 Prozent für die ersten drei Jahre. Ein Modell für Waiblingen?

Funk: Existenzgründer erhalten auch in Waiblingen Unterstützung beim Gründungsvorhaben und werden auf öffentliche Förderprogramme hingewiesen. Das ist ureigene Aufgabe der Wirtschaftsförderung und es kommt uns zugute, dass die Existenzgründungsberater der Kammer am Ort sind, so dass auf deren Sachverstand bei Bedarf zurückgegriffen werden kann.

Können sogenannte Pop-up-Stores, also provisorischen Einzelhandelsgeschäfte und Läden ein Mittel gegen den Leerstand und dessen Begleiterscheinungen sein?

Funk: Genau. Die Pop-up Weinbar im ehemaligen Rosenladen am Lindenplatz ist ein gutes Beispiel dafür, dass solche Konzepte auch in Waiblingen Erfolg haben können. Vielleicht sogar zu einem dauerhaften Angebot werden.

Kleine verwinkelte Ladenschäfte sind für viele Einzelhändler keine Option mehr, wenn sie überleben wollen. Muss die Politik - vorsichtig - das Bau- und Planungsrecht modifizieren, etwa um Geschäfte zusammenzulegen oder Schaufenster zu vergrößern?

Hesky: Ein Abbau von Verordnungen und Regularien hilft immer. Die Waiblinger Bauverwaltung ist bereits heute offen, wenn es um die Umsetzung neuer Konzepte geht. Ich kenne kein Vorhaben, das an der Bauverwaltung gescheitert ist, auch wenn das ab und zu kommuniziert wird. Nochmals: Wir sind eine Innenstadt mit vielen denkmalgeschützten Gebäuden. Diese erfordern etwas mehr Kreativität. Aber eine sehenswerte Innenstadt ist eine Grundvoraussetzung für eine lebendige Innenstadt.

Das Angebot ist das eine, das andere sind die Kunden, die diese Angebote auch nutzen müssen. Mit günstigen Parkplätzen und verkaufsoffenen Sonntagen können die Menschen in die Innenstadt gelockt werden. Gibt es weitere Strategien, die in Waiblingen verfolgt werden?

Funk: Ich verweise auf den City-Check des Einzelhandelsverbands Baden-Württemberg. Waiblingen hat 2016 in Bezug auf sein Parkplatzangebot, die Parkgebühren und die Aufenthaltsqualität hervorragend abgeschnitten. Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Veranstaltungen benötigen. Allein die WTM kommt mittlerweile auf 60 Veranstaltungstage. Hinzu kommen 100 Tage Wochenmarkt und weitere Angebote Dritter.

Hesky: Nicht zu vergessen, unsere günstigen Parkgebühren und die erfolgreich umgesetzte Brötchentaste mit der kostenfreien halben oder ganzen Stunde Parken. Vermutlich geht es aber vielmehr darum, den Kunden immer wieder aufzuzeigen, warum es sich lohnt, nach Waiblingen zu kommen. Daher wollen wir den Fokus verstärkt auf PR und Kommunikation richten und besonders die sozialen Medien im Blick haben.

Heimat bedeutet für viele Menschen auch, zu Hause in ihren gewohnten Geschäften einkaufen zu können. Andererseits ist es bequem, online einzukaufen. Brauchen wir noch mehr als bisher eine öffentliche Debatte über dieses Thema?

Funk: Ich halte nichts davon, zu lamentieren oder die Kunden zu ermahnen, in der Innenstadt einkaufen zu müssen. Wir müssen Argumente für den Besuch in Waiblingen liefern. Da gibt es mit vielen Fachgeschäften, dem Kulturangebot, dem Stadtbild, zig Gastronomiebetrieben mit Außenbewirtung, Dienstleistern und last but not least einem vier km langen Grüngürtel, der an die Stadt grenzt, viele Gründe. Wir müssen diese lediglich nennen.

Hesky: Wir müssen unsere Städte attraktiv halten, so dass die Kunden Gründe haben, sie zu besuchen. Das Thema „Veränderungen im Einzelhandel“ wird uns weiter beschäftigen. Waiblingen hat eine hohe Qualität und wird auch in Zukunft ein attraktiver Marktplatz, Wohn- und Arbeitsort bleiben, aber nur, wenn alle, die eine Mitverantwortung tragen, an einem Strang ziehen.