Waiblingen

Wegen Corona: Reanimation ohne Beatmung - geht das überhaupt?

DRK Herz 2
Bereitschaftsleiter Carsten Magunia erklärt: Die Herzdruckmassage ist das Wichtigste. (Archivfoto) © Gabriel Habermann

„Reanimation durch Ersthelfer in Zeiten von Covid-19“ lautet die Überschrift des Schaubilds, das als an Corona angepasster Erste-Hilfe-Leitfaden vielerorts an den Wänden hängt. Auf den ersten Blick zeigt das vom Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) erstellte Bild Schritt für Schritt das ganz normale Vorgehen eines Ersthelfers im Ernstfall. Nur ein Satz macht stutzig: „Gegebenenfalls keine Mund-zu-Mund-Beatmung.“ Wiederbelebung ohne Beatmung? Geht das überhaupt? Und ist dieser Verzicht „nur“ wegen Corona nicht vielleicht übertrieben?

Eigentlich sehen die verschiedenen Schritte bei einer Reanimation nämlich so aus (laut Internetseite des Deutschen Roten Kreuzes, DRK): Wer eine Person findet, bei der vermutlich ein Kreislaufstillstand vorliegt, soll erst mal testen, ob die Person auch wirklich nicht reagiert. Dafür soll derjenige die Person ansprechen und vorsichtig an der Schulter rütteln. Erfolgt darauf keine Reaktion, sollte geprüft werden, ob der Bewusstlose atmet. Wenn keine normale Atmung vorhanden ist oder daran Zweifel bestehen, dass er oder sie normal atmet, muss sofort ein Notruf veranlasst werden, falls das noch nicht geschehen ist.

Pro 30-mal Herzdruckmassage zweimal Atemspende

Ab diesem Moment geht es für Ersthelfer darum, den Betroffenen so lange am Leben zu halten, bis der Rettungsdienst eintrifft und die Reanimation übernehmen kann. Das bedeutet normalerweise: im Wechsel Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Das Rote Kreuz schreibt hierzu auf seiner Internetseite: „Herzdruckmassagen und Atemspenden im Wechsel so lange durchführen, bis der Rettungsdienst eintrifft und die Maßnahmen vor Ort übernimmt und fortführt oder der Betroffene wieder normal zu atmen beginnt.“ Die Faustregel zur Reihenfolge lautet: 30-mal Herzdruckmassage, zweimal Atemspenden, und wieder von vorn.

Im Blut ist viel Sauerstoff gespeichert

Aber was passiert, wenn der Ersthelfer es bei der Herzdruckmassage belässt und aufs Beatmen verzichtet? Stirbt der Bewusstlose dann nicht an Sauerstoffmangel? Carsten Magunia, Bereitschaftsleiter beim Ortsverein Waiblingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), kann Entwarnung geben: „Prinzipiell sagt man bei uns schon länger, dass zur Not die Herzdruckmassage erst einmal ausreicht.“ Der medizinische Hintergrund dazu: Im menschlichen Blut sei genug Restsauerstoff enthalten, um den Körper in so einer Notfallsituation ungefähr zehn Minuten lang zu versorgen. Bis dahin sollten die Sanitäter eigentlich angekommen sein: Die gesetzlich geregelte Hilfsfrist für Baden-Württemberg sieht nämlich vor, dass der Rettungsdienst in zehn bis maximal 15 Minuten vor Ort sein muss (nachlesbar im Landesrecht Baden-Württemberg, Rettungsdienstgesetz (RDG), 2. Abschnitt, Paragraf 3, Absatz 2).

Wichtig sei, dass Ersthelfer auf jeden Fall die Herzdruckmassage anwenden, wenn ein begründeter Verdacht auf Kreislaufversagen besteht, so der DRK-Bereitschaftsleiter. Ohne diese zirkuliert das Blut nicht mehr im Körper. „Es ist natürlich am besten, wenn der Ersthelfer beides macht“, sagt Carsten Magunia. Allerdings hätten viele Menschen, die davor noch nie Erste Hilfe geleistet hätten, eine sehr hohe Hemmschwelle, wenn es um die Atemspende gehe, so der Rotkreuzler aus Erfahrung: „Die Leute ekeln sich und haben Angst, etwas falsch zu machen – und helfen unter Umständen deswegen gar nicht.“

Lieber nur „Prüfen, rufen, drücken“ statt gar nicht helfen

Die vereinfachte Methode „Prüfen, rufen, drücken“, wie der GRC die Reanimation für Laien-Helfer ohne Atemspende schon lange vor Corona betitelte, hat also durchaus seine Daseinsberechtigung. Es könne Leben retten, wenn Ersthelfer im Zweifelsfall aus Ekel oder aus der Angst heraus, sich mit Corona anzustecken, zwar auf die Mund-zu-Mund-Beatmung verzichten, aber die Herzdruckmassage konsequent durchziehen.

Sollte der Rettungsdienst allerdings länger als zehn Minuten auf sich warten lassen, sollte man schon damit anfangen, dem Bewusstlosen Sauerstoff zu spenden. Für diesen Fall empfiehlt der Corona-Reanimationsleitfaden, den Mund der leblosen Person mit einem Tuch abzudecken – eigentlich eine naheliegende Hygiene-Maßnahme, gerade für Ersthelfer, die sich ein bisschen ekeln.

Selbstschutz hat Priorität

Dass die Hemmschwelle jetzt während der Pandemie bei manchen vielleicht noch höher ist als davor, hält Carsten Magunia durchaus für möglich. Selbstschutz sei wichtig, selbst wenn es um Reanimation geht. Das betreffe jetzt während Corona auch seine Mannschaft: „Wir müssen im Moment schauen, dass wir unsere Rettungskräfte schützen.“

Die Helfer vom DRK Waiblingen rücken demnach deshalb zurzeit auch nur aus, nachdem sie einen leichten Schutzanzug, eine FFP2-Maske und einen Gesichtsschild angelegt haben – auch wenn das etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt als sonst.

„Reanimation durch Ersthelfer in Zeiten von Covid-19“ lautet die Überschrift des Schaubilds, das als an Corona angepasster Erste-Hilfe-Leitfaden vielerorts an den Wänden hängt. Auf den ersten Blick zeigt das vom Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) erstellte Bild Schritt für Schritt das ganz normale Vorgehen eines Ersthelfers im Ernstfall. Nur ein Satz macht stutzig: „Gegebenenfalls keine Mund-zu-Mund-Beatmung.“ Wiederbelebung ohne Beatmung? Geht das überhaupt? Und ist dieser Verzicht

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper