Waiblingen

Weltkunst in der Galerie Stihl

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Die Ausstellungsarchitektur: Alles Biografische steckt im Lichttunnel. © Habermann / ZVW
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Der Flächenzerleger Feininger beim Werk „Kreuzende Segelschiffe“. © Habermann / ZVW
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Silke Schuck stellt die neue Lyonel Feininger Ausstellung in der Stihl Galerie Waiblingen vor © Habermann / ZVW

Waiblingen. Kein großes Kunstmuseum, das einen Epochen-Überblick geben will, kommt an Lyonel Feininger vorbei. Es hat eben seine Gründe, warum er als Liebling der Kunstwissenschaft gelten darf. Was für ein kompletter Mensch bei all diesen musischen Begabungen! Und genau die ganze Spannweite, von Beginn bis Ende des Schaffens, aber auch stilistisch, ist jetzt in der Galerie Stihl Waiblingen zu sehen. Freilich in einer Konzentration aufs grafische Werk.

Video: Galerie-Leiterin Silke Schuck erklärt Lyonel Feiningers Kunst.

Die Galerie Stihl Waiblingen widmet sich wie bekannt vor allem Arbeiten auf Papier. Das muss im Fall von Lyonel Feininger nicht wirklich eine Einschränkung sein, weil er all seine Bildfindungen auch mit allen bildnerischen Mitteln durchdekliniert hat. Feininger stellte die Malerei nicht über die Grafik, betont auch die Galerieleiterin Silke Schuck. Wobei der Feininger, der allen vor Augen steht, der Feininger der transparenten Flächenstaffelung und kristallinen Formzuspitzung hier doch weniger zu finden ist. Dazu brauchte es das Lasierende des Farbauftrags.

Feininger soll Geiger werden

Dafür lernen wir in Waiblingen einen Beitragslieferanten zur Weltkunst kennen, der sich selbst erst einmal finden musste. Der in sich selbst suchte nach einer ihm gemäßen Ausdrucksform. Man sollte wissen, dass er in eine Musikerfamilie geboren wurde, 1871 in New York als Sohn von Deutschstämmigen. Als er 16 ist, nehmen ihn Vater und Mutter mit auf Konzertreise nach Deutschland. In der Erwartung, er lasse sich in Berlin zum Meistergeiger ausbilden. Der junge Feininger aber blieb in Hamburg und meldete sich an der Kunstgewerbeschule an.

Erstes Geld verdient er mit Karikaturen

Sein erstes Geld machte er keineswegs als Maler, schon gar nicht als freier Künstler. Sondern mit Zeichnen für einen sehr speziellen Zweck, für den tagespolitischen Bedarf von Satireblättern. Karikaturen also, das war gefragt aus seiner Hand. Aus den USA ereilte ihn bald darauf der Auftrag, für die Chicago Sunday Tribune zwei Comic-Strip-Serien zu zeichnen. So hätte sein Lebenswerk weitergehen können. Eines, das bestimmt auch einen Menschen nährt.Aber erst seine zweite Frau, eine ausgebildete Malerin, spürte, was in ihm steckt und brachte ihm die klassischen druckgrafischen Verfahren nahe. Die Malerei kam wiederum später dazu.

Form geht über Farbe

Und genau in diesem Prozess gibt es eine Bruchstelle, welche die Kunsthistoriker anschaulich zu beschreiben wissen. Man muss sich ja erklären, wie Feininger letztlich zu seinen für ihn so typischen, prismatischen, kristallin durchscheinenden Bildideen fand, diesen Nahezu-Totalabstraktionen von Häusern, Kirchen und Segelschiffen. Auch zu seinen Farbsinfonien, um in der Sprache der Musik zu bleiben. Wobei für ihn in seinem Schaffen immer „Form über Farbe“ ging, wie er seinem Sohn Andreas später anvertraute. Der sich erst in Deutschland im Bauhaus-Umfeld, damit in Weimar und Dessau, zu einem veritablen Fotografen entwickelte, der später in New York nach der Flucht der Familie vor den Nazis als Fotograf etwa für das Life-Magazin arbeitete.


Wo also ist die Bruchstelle zu suchen zu dem Feininger, der uns so vertraut ist? Die Feiningers leben im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mal in Weimar, dann in Paris, kommen dann wieder zurück nach Berlin. Seine Pariser Verbindungen bringen ihn dazu, 1911 mit sechs Gemälden in Paris aufzukreuzen, sie sollen im Salon der Unabhängigen hängen. Es war die Geburtsstunde der Kubisten.

Ensetzliche Visionen von Narren und Wahnsinnigen

Wir schreiben den Mai 1911. Es ist ein unheimliches Geschiebe und Gedränge im Saal 41. Sensationslüsterne Gaffer, Journalisten und Künstler zerreißen sich das Maul. Ein Zeitungskritiker ruft aus, diese Machwerke der Kubisten müssten als das gesehen werden, was sie sind: „Entsetzliche Visionen von Narren und Wahnsinnigen“. Feininger ist mit seiner Frau Julia aus Berlin gekommen, um nach seinen eigenen Bildern zu schauen. Es sind, wie man es von ihm nicht anders kennt, figürliche Kompositionen. Aber er realisiert schnell, dass jetzt ein Zeiten- und Stilbruch ansteht. Die Biografen behaupten, er sei schon seit einiger Zeit unzufrieden mit seinem Werk, das sich mit der sichtbaren Welt abmüht. Auch wenn er selbst alle möglichen Volten der Perspektivverzerrung und Größenverzeichnung schlägt. Da ist er noch der Karikaturist.

Architektur tritt als Hauptmotiv hervor

Er sucht jetzt aber nach neuen Ausdrucksformen, er will seine Bilder freier gestalten. „Der Kubismus zeigt ihm, wie diese Abweichungen denkbar sind“, schreibt Martin Faass in einem Katalogbeitrag für eine Schau in Karlsruhe. Der Kubismus führe Feininger vor, dass die traditionelle Forderung nach abbildlicher Gestaltung keine zeitlose Gültigkeit besitzt. Die Gegenstände gehören ins Überzeitliche, Allgegenwärtige überführt. Sein neuer Stil ist jetzt geboren. Die Figuren, die bisher seine Kompositionen bestimmt haben, verschwinden aus den Bildern, während die Architektur als Hauptmotiv blockhaft und doch zerlegt hervortritt.


Zurück in Deutschland, und in der Waiblinger Ausstellung ist das durch nebeneinander gehängte Arbeiten aus verschiedenen Sammlungen sehr gut nachzuvollziehen, geht es von Weimar aus auf die Dörfer. Die Dorfkirche von Gelmeroda ist ein Objekt, an dem sich Feininger geradezu abarbeitet – um in neue Höhen einer übersinnlichen Darstellung und Einfühlung zu gelangen. Da war er in seinem Innern der Romantiker, der die Natur und das Landleben verklären wollte; aber in seinem Stilmittel letztlich neu und modern und sämtliche herkömmlichen Darstellungsweisen überschreitend.

Feininger zerschlägt den Gegenstand nicht

Die Kirchen geraten ihm zu durchleuchteten Gebilden. Er überzieht sie mit einem Netz abstrakter Linien, er öffnet die Umrisse und lenkt die perspektivische Linienführung grotesk um. Mal löst sie sich auf in einem Würfelgebilde mit ganz viel Weißraum, so als ob eine kosmische Strahlung sie durchdringt. Dann wieder, in Holzschnitten, steht ein Turm auf dem Blatt isoliert da, als hochaufragendes Element. Extrem harte Schwarz-Weiß-Kontraste suchen die Horizontlinie ab, sehr frei nach Caspar David Friedrich. Aber eines, schreibt Faass zurecht, tut er nie. Er zerschlägt den Gegenstand nicht. Auch nicht im Spätwerk. Er übernimmt nicht einfach die Kubisten-Art.

Das Dunkel im Bild

Und so kommt’s, dass uns Silke Schuck bittet, doch kurz mal die Augen solchermaßen auf einem Werk ruhen zu lassen, dass sich der Sehnerv ans Dunkel im Bild gewöhnen kann. Und wir alle hellsichtiger werden. Da wäre eine Grafik von 1915. Kohle und Kreide auf geripptem Bütten. Feininger braucht gar nicht Farben, um Flächen übereinanderzulegen, und dabei trotzdem Durchsicht zu behalten. Mit dem Lineal gezogene Blitze schwarzer Magie durchkreuzen die Szenerie. Die Einschläge kommen von links, von rechts.

Keine Totalabstraktionen in seiner Kunst

Wir sind schon drauf und dran, das Abkippen des Lyonel Feininger in die totale Gegenstandslosigkeit zu konstatieren. So als ob Malewitsch mit seinem schwarzen Quadrat und Kandinsky mit seinen frei schwebenden Formen und Farben jetzt auch beim Zeichner Feininger eingeschlagen haben. Der doch immer raus in die Landschaft gegangen ist mit dem Zeichenblock. Die Natur-Skizzen waren ihm doch das Wichtigste. Sein Archiv, sein Bildervorrat, aus dem er dann im Atelier schöpfte. Ist er jetzt also auch den Weg der Totalabstraktion gegangen? Nein, wir stellen die Augen schärfer, es wird heller auch in unserem Gemüt. Fürwahr, das Werk trägt nicht nur den Titel „Scheunen“, da zeigt sich doch unten rechts ein Gebilde mit Öffnungen. Es muss etwas von Menschenhand Errichtetes sein. Wir erkennen es.

Extreme Bildsprachen verwendet

Das ist zu beobachten. Und zu beschreiben. Silke Schuck tut es nach monatelanger Befassung in einem zusammenfassenden Satz: „Lyonel Feininger hat extreme Bildsprachen verwendet, aber zugleich ist er der Mensch, der sich ganz stark der Vergangenheit zugewandt hat.“

Das Produktivste, was die Kunstgeschichte kennt

Aus diesem Wettstreit ist mit das Produktivste entstanden, was die Kunstgeschichte kennt. In Waiblingen ist davon jetzt zu erfahren in einer das wahrhaftige Wesen und Wirken durchdringenden Schau.

Öffnungszeiten

Lyonel Feininger, „Zwischen den Welten“ ist zu sehen bis zum 14. Mai in der Galerie Stihl Waiblingen. Geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.