Waiblingen

Weltreisen eines Waiblinger Rockers

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Bernd Kleiner mit zwei Rucksack-Reisenden aus Sibirien, die er mitnahm zum Campingplatz am Mount Cook, dem höchsten Berg Neuseelands. © Jamuna Siehler
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Spontan-Session: Bernd Kleiner mit Joschi Nebl, dessen Schwiegersohn und Nachbar Graham (v. r.) © Jamuna Siehler
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Peter Renz mit seinem Kumpel Jamal. © Jamuna Siehler
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Joschi kocht Spätzle. © Jamuna Siehler

Waiblingen/Adelaide. Vor 60 Jahren waren sie Erstklässler an der Karolingerschule. Früh teilten die Waiblinger Bernd Kleiner und Joschi Nebl ihre Leidenschaft für Gitarren und Rockmusik. Doch kaum erwachsen, verdünnisierte sich Joschi nach Australien. 47 Jahre später nun das Wiedersehen am anderen Ende der Welt. Klar, dass dabei gerockt wurde.

15 000 Kilometer und fast ein halbes Jahrhundert trennen die beiden Schulfreunde, doch beim Treffen im Februar, in sommerlich kurzen Hosen in Strathalbyn bei Adelaide, störte das nicht die Bohne. Bernd Kleiner über Joschi: „Er ist immer noch derselbe Vogel wie vor 43 Jahren, etwas grauer und etwas fülliger, aber mit ungebremstem Elan.“ Neben dem Musikgeschmack und der Erinnerung an die schmerzhaften Tatzen der Karolinger-Lehrer haben sie noch etwas gemeinsam, nämlich Flüchtlingskinder zu sein. Die Kleiners kamen aus Serbien, die Nebls aus Ungarn. Vielleicht deshalb wurden die Buben nie so richtige Heimatmenschen. Während Joschi sein Glück „down under“ suchte und fand, lebte Bernd seinen Mangel an Sesshaftigkeit in unzähligen Weltreisen aus.

Ob Botswana, Swasiland oder der karibische Inselstaat St. Kitts and Nevis: 56 Länder hat er auf seiner Liste, und über jedes Anekdoten auf Lager, die er lebhaft erzählt, mit unterhaltsamen Umwegen über Neben-Anekdoten aus je anderen Reisen, bevor der Seitenarm der Erzählung wieder im Hauptstrom mündet. Im chilenischen Puerto Varas hatte er das zweifelhafte Vergnügen, mit Ex-Diktator Pinochet am Nebentisch zu Abend zu essen. „Mir hat’s nicht geschmeckt.“ Angenehmer war die Begegnung mit einem echten Indianer-Häuptling und Schamanen in British Columbia. Das Kompendium der Kleiner'schen Reiseerlebnisse, zumindest von denen aus der digitalen Ära, steht gebloggt auf der Seite „travelwithoutagelimit“ (Reisen ohne Altersgrenze). So heißt heute das Lebensmotto des 65-jährigen Musikers und seiner 62-jährigen Frau Jule Stöwe. Seit der Remstal-Rocker nach Jahrzehnten bei Stihl in Ruhestand ging, gibt’s erst recht keine terminlichen Grenzen mehr. Wobei von Ruhe kaum die Rede sein kann, schon gar nicht von Altersruhesitz. Wer braucht ein Eigenheim, wenn ohne Ende das Fernweh plagt?

„Dirty Old Men“ und Waiblinger Rindviecher

Nach 43 Jahren also wieder Joschi alias Josef Nebl – jetzt von Kleiner getauft auf den Spitznamen „Crocodile Joe“. Er konnte kaum Englisch, als er nach siebenwöchiger Schiffsfahrt in Freemantle von Bord ging. Radio- und Fernmeldetechnik hatte er gelernt, doch in Australien wechselte er zigmal den Beruf: Stahlkocher, Fernmelder, Masseur und Lehrer war er. Außerdem betrieb er mit seiner Frau Karin einen Coffeeshop mit Frühstück und Mittagstisch. Nebenbei zogen sie noch zwei Kinder und etliche Hunde groß. Anfang der 70er hatte Joschi einmal die Rückkehr nach Waiblingen versucht, aber: „I han’s ned ausg’halte, älles so eng, ned bloß die Häuser, au die Leut send engstirnig.“ So erklärte Joschi nun seinem alten Kumpel auf Schwäbisch, warum er damals für immer fortging. Und irgendwann schnappten sie sich die Gitarren, wovon Joschis Nachbar Graham eine stolze Sammlung nebst Studio besitzt. Joschis Schwiegersohn war auch dabei, sie stöpselten ein, spielten drauflos – und beschlossen, dass da mehr drinsteckt. Nächstes Jahr, so die Abmachung, kehren Kleiner-Stöwes zurück, und dann gibt’s ein Konzert von „Crocodile Joe & the Boyz“ in der Town Hall. Bernd Kleiner glaubt fest an die spontan entstandene Idee: „Die machen das, die sind so bekloppt.“

Ihm selbst fehlt es nicht an der nötigen Erfahrung, um einfach dazuzustoßen. Schon in den Sechzigern mischte er die Waiblinger Musikszene mit auf. Wurde, ungeachtet von Standesgrenzen, als Volksschüler für die Band des Staufer-Gymnasiums rekrutiert. Seine späteren Bands, ob Dandies, Rosa Fussel oder Dirty Old Men, pflegten und coverten unermüdlich das klassische Liedgut des Rock. Auf „Schwabenkrawall“, einem eigenen Album, das er vor ein paar Jahren machte, hat er der Fuggerstraße und den „Waiblinger Rindviechern“ – „richtige Rinder, die hat der Bauer dort über die Straße getrieben“ – eine gebrochene Liebeserklärung gewidmet.

Schlagzeuger in Kleiners allererster Band Graveguards war: Peter Renz, noch so ein Waiblingen-Auswanderer. Acht Jahre älter brachte er dem jungen Gitarristen das Zusammenspiel in einer Band bei. Seit den Achtzigern lebt Renz in Agadir, wo er eine Reiseagentur für Trekking- und Abenteuer-Touren betrieb und in den 80ern Mick Jagger samt Familie zu Gast hatte. Jule Stöwe hatte den Sänger der Rolling Stones mal als Physiotherapeutin behandelt. Peter Renz und Jule Stöwe waren sich einig: Die legendäre Rampensau ist uneitler, gebildeter Gentleman mit überraschend guten Manieren. Im Gegensatz zum mit 72 gleichaltrigen Mick Jagger ist Peter Renz im Ruhestand. Ein Glück, dass in Marokko der Respekt vor dem Alter viel größer zu sein scheint als in Deutschland, erzählt Kleiner. So kümmern sich gleich mehrere Freunde um den Lebenskünstler aus Schwaben.

In alle Welt verstreute Waiblinger bringt das Internet wieder zusammen im globalen Dorf. Als Bernd Kleiner und Jule Stöwe voriges Jahr im holländischen Alkmaar urlaubten, kam von einer Freundin die eine Nachricht: „Wie wär’s auf einen Kaffee?“ Eine interkontinentale Überraschung, denn Maggie und Heinz Eichenbrenner, er ebenfalls alter Waiblinger, leben ebenfalls in – Australien. Natürlich bekamen sie, wieder daheim in Townsville an der Nordostküste des roten Kontinents, anlässlich der Kleiner'schen Reise wieder Besuch aus der alten Heimat. Den gab’s außerdem für Jule: Bei der neuseeländischen Halbinsel Coromandel traf sie ihre Schwester, die vier Jahre zuvor mit ihrem Mann per Segelboot aus Flensburg gestartet war.

Ohne Altersgrenze

Seit 2008 reist Bernd Kleiner mit seiner Frau Jule, die für die Fotos verantwortlich zeichnet. Er selbst schreibt von allen Stationen Texte im eigenen Blog unter https://travelwithoutagelimit.wordpress.com.

Bei Dirty Old Men, „der wahrscheinlich ältesten Boygroup westlich des Ural“, ist Bernd Kleiner Sänger und Gitarrist. Das Repertoire: „Pure, ehrliche, handgemachte Rockmusik der 60er und 70er Jahre, ein paar 80er und ein oder zwei 90er sind auch dabei.“ Am 23. April mal wieder im „Bobby’s“.