Waiblingen

Wenn ein Fremder Kinder anspricht

Belz
Kriminalhauptkommissar Uwe Belz gehört der Kriminalpolizeidirektion Waiblingen an. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Das ist eine tief verwurzelte Ur-Angst aller Eltern: Ein böser Fremder spricht ein Kind an, lockt es ins Auto. Warnungen vor ominösen Fremden kursieren immer wieder, und aus einer harmlosen Begebenheit entwickelt sich leicht eine furchterregende Geschichte. Kriminalhauptkommissar Uwe Belz warnt davor, eigenmächtig Informationen zu verbreiten.

Der jüngste Fall spielte sich in Kirchenkirnberg ab. Ein unbekannter Autofahrer habe am Abend bei Dunkelheit ein junges Mädchen verfolgt, hieß es zunächst. Die 13-Jährige bekam es mit der Angst zu tun und rannte weg. Uwe Belz fuhr hin, sprach mit Beteiligten, rekonstruierte die Situation. Sein Resümee: Der fremde Autofahrer hat keinerlei Anstalten gemacht, sich dem Mädchen zu nähern. Ihre Angst hat der 13-Jährigen eine Geschichte vorgespiegelt, die nichts mit der Realität zu tun hatte.

Informationen werden oft ungeprüft weitrerverbreitet

Solche Fälle erlebt Uwe Belz oft. Er zeigt größtes Verständnis dafür, dass ein Kind oder eine Jugendliche eine Situation fehlinterpretieren kann. Das ist nicht schlimm, und die Polizei prüft jeden einzelnen Fall vor Ort, verspricht der Kriminalhauptkommissar. Was ihm allerdings missfällt, ist die Tatsache, dass Eltern oder andere Erwachsene allzu oft Informationen ungeprüft einfach weiterverbreiten. Via Facebook und Twitter erreichen Nutzer sehr schnell sehr viele Leser, die eine Nachricht immer noch weiter verbreiten. Allzu leicht verschlimmert sich auf diese Weise eine Geschichte immer mehr, warnt Uwe Belz: Binnen kurzem habe sich vor einiger Zeit die Nachricht, zwei Mädchen seien auf dem Schulweg angesprochen worden, ausgewachsen zur Behauptung: Ein Kind ist auf dem Schulhof entführt worden. Nichts davon stimmte.

Real bleibt die Angst. Und die überträgt sich auf Kinder. Sie sehen dann leicht in jedem, dessen Blick ihnen auffällig erscheint, einen Verdächtigen.

Rat: Der Polizei die Verbreitung der Nachricht überlassen

Uwe Belz appelliert an Eltern und Lehrer, jeden Fall eines verdächtigen Ansprechens der Polizei zu melden – und der Polizei zu vertrauen. Wenn es nötig und sinnvoll ist, werde die Polizei die Bevölkerung informieren respektive Warnungen herausgeben. In fast allen Fällen besteht aber keine Gefahr, das ist Belz’ Erfahrung. Dass das Polizeipräsidium Aalen solche Fälle zentral bearbeitet und jedem einzelnen Hinweis vor Ort nachgeht, sei eine Besonderheit. Es bedarf besonderer Kenntnisse und besonderen Fingerspitzengefühls, um ein Kind richtig zu befragen. Diese Aufgabe übernehmen deshalb Beamte, die darin speziell geschult sind.

Gefährdungspotenzial im direkten Umfeld deutlich höher

Die Gefahr, dass ein Kind von einem Fremden belästigt wird oder ein Fremder ihm Schlimmeres antut, ist vergleichsweise gering. Statistisch betrachtet liegt das Gefährdungspotenzial im direkten Umfeld des Kindes deutlich höher. Sexueller Missbrauch spielt sich in einem großen Teil der Fälle innerhalb der Familie ab, oder Freunde der Familie oder sonstige Bekannte entpuppen sich als Täter. Ein 28-jähriger Mann ist kürzlich vom Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung von Kindern zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Mann hatte in einer Schwäbischen-Wald-Gemeinde Buben zu sich in einen Wohnwagen gelockt, Vertrauen zu ihnen aufgebaut und sie dann missbraucht.

„Ich verurteile die Tat. Aber nicht den Menschen.“

In einem Nebenraum seines Büros spricht Uwe Belz mit Kindern, die Vergleichbares erlebt haben. Täter sitzen auch vor ihm. „Ich verurteile die Tat. Aber nicht den Menschen.“ Mit dieser Haltung geht der Beamte an solche Fälle heran.

„Das am besten geschützte Kind ist das selbstbewusste Kind“, betont Uwe Belz. Kinder vertrauen sich Bezugspersonen nur an, wenn sie das Gefühl haben, der Erwachsene hört wirklich zu, nimmt sich ernsthaft Zeit für das Anliegen. Zeit haben fürs Kind – das hält Uwe Belz für zentral wichtig, „und das ist heutzutage nicht selbstverständlich“. – „Ich muss mein Kind grundsätzlich starkmachen, dass es sich richtig verhält, dann ist es sehr gut geschützt“, fasst Uwe Belz zusammen. Kinder sollten altersgerecht aufgeklärt sein und wissen, „was normal ist und was nicht“. Das spüren Kinder ohnehin recht gut. Erwachsene sollten Kindern deutlich klarmachen, dass sie Nein sagen dürfen. Erwachsene dürfen nicht alles. Geheimnisse darf man weitererzählen, vor allem dann, wenn sie sich schlecht anfühlen.

Täter darf nicht unerkannt bleiben

Wünscht sich jemand wie Uwe Belz härtere Strafen für Menschen, die Kinder missbraucht haben? Der Kriminalhauptkommissar hält nicht das Strafmaß fürs Wichtigste, sondern „dass der Täter nicht unerkannt bleibt“. Ermittler und Richter verrichten ihre Arbeit getrennt voneinander, und das sei gut so. „Prinzipiell mache ich den Erfolg meiner Arbeit nicht davon abhängig, ob und wie hoch jemand verurteilt wird.“