Waiblingen

Wenn Teenager Eltern werden

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Fällt der Schwangerschaftstest positiv aus, ändert sich plötzlich alles. © Monkey Business Images / Adobe S
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Im Raum der Stille unterhalten sich die Schüler und Sozialpädagogin Waltraud Richt über ihre Erwartungen an eine Partnerschaft. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Viele junge Leute träumen von einer eigenen Familie. Besonders Jugendliche aus prekären Verhältnissen möchten schnell ein eigenes Leben beginnen – und fühlen sich im Alltag mit Baby schnell überfordert. Bei einem Projekt der Caritas erfahren Schüler des Berufsbildungswerks schon vorher die Wahrheit über das „Abenteuer Kind“.

Der Wunsch ist nachvollziehbar: Wer in einer instabilen Familie aufgewachsen ist, nimmt sich vor, es eines Tages besser zu machen. Wer in der Schule immer wieder Erfahrungen des Scheiterns macht, möchte endlich etwas Eigenes schaffen. Der Traum von der eigenen Familie als privater Rückzugsort und unbeschwertes Glück – für diese Zielgruppen hat er besonders hohe Anziehungskraft. Und die Werbung beschwört Bilder von Leichtigkeit, emotionaler Geborgenheit und Kuscheligkeit. Wunsch und Wirklichkeit driften mitunter weit auseinander. Mit der Realität des Elternseins wollen die Sozialpädagogin Waltraud Richt und die Psychologin Silvia Friesch von der psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas Jugendliche möglichst früh vertraut machen, und arbeiten zu diesem Zweck schon seit einigen Jahren eng mit dem Berufsbildungswerk Waiblingen zusammen.

Jugendliche sehen den Kurs als „Weichenstellung fürs Leben“

Die zwischen 16 und 18 Jahre alten Schüler, die dort das Vorqualifizierungsjahr für Arbeit und Beruf besuchen, haben Schulkarrieren hinter sich, die alles andere als reibungslos verlaufen sind. Potenziell gehören sie damit zur Gruppe derer, die sich früh ins Abenteuer Familie stürzen. Von 1000 Frauen werden in Deutschland knapp zehn schon im Alter zwischen 15 und 19 Jahren schwanger, wobei Sozialforscher Zusammenhänge mit der Bildungserwartung, Schichtzugehörigkeit und emotionaler Bildung feststellen. Dass Schüler Eltern werden, kommt am BBW tatsächlich immer wieder vor. Der Fall eines werdenden Vaters animierte eine Lehrerin, die Unterstützung der Caritas zu suchen und das Thema präventiv anzugehen. Weniger im Sinne von Verhütung, sondern aufklärend über realitätsferne Vorstellungen zu Schwangerschaft und Elternschaft.

„Vier Stunden Schlaf genügen“ – stimmt das auf Dauer?

Während des Projekts kommen die Expertinnen an vier Tagen in die Klasse, die viele Schüler laut Waltraud Richt als „Weichenstellung für ihr Leben“ erfahren. Zu Beginn und am Ende des Seminars werden Vorstellungen zu Partnerschaft und Familie abgefragt. Tatsächlich trete eine Verschiebung des Wunsch-Alters fürs Elternwerden ein, nämlich auf den Zeitraum zwischen 25 und 32 Jahren. Zum Einstieg gibt’s eine Art Quiz, wobei zum Beispiel nach dem Sinn des Schreiens beim Baby gefragt wird. Noch immer wirken die Lehren von Johanna Haarer nach, der berühmten Erziehungsratgeber-Autorin der NS-Zeit. Stimmt es, dass man ein Baby verwöhnen kann und dass man es schreien lassen soll, damit sich die Lungen kräftigen? Hier beobachten die Caritas-Fachfrauen in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung im Bewusstsein der Jugendlichen, die einen fürsorglichen Umgang bevorzugen und bestätigen: „Der Aufbau einer sicheren Bindung ist der Schlüssel für die spätere Entwicklung und für ein gesundes Selbstwertgefühl.“ Ebenso haben sich Einstellungen zu den Geschlechterrollen verändert: Die meisten Jungs geben an, die Babypflege – etwa das Wickeln – nicht einfach an die Mutter abschieben zu wollen.

Im weiteren Verlauf lernen die Jugendlichen unter anderem, warum es wichtig ist, mit dem Baby zu sprechen, obwohl es selbst noch nicht sprechen kann. Anhand von Fotos sehen sie die körperlichen Signale, mit denen der Säugling kommuniziert. Anhand von Comics sprechen sie über Erfahrungen im Elternhaus. Vor versammelter Klasse reden sie über ihre Erwartungen an eine Partnerschaft. Keine leichte Angelegenheit für 16-Jährige, denen mehrheitlich Werte wie Liebe, Vertrauen und Ehrlichkeit wichtig sind.

Die Wirkungen von Nikotin und Alkohol sind nicht allen bewusst

Weiter diskutieren sie über frühe Schwangerschaften vor Ende der Berufsausbildung und spätere Schwangerschaft mit eigenem Hausstand und einer gewachsenen Partnerschaft. In einem Film über die Entstehung des Lebens werden die – jungen Müttern nicht immer bewussten – schädlichen Wirkungen von Nikotin, Alkohol und ungesunder Ernährung sowie die Bedeutung der psychischen Befindlichkeit der schwangeren Mutter erklärt.

Erstaunlich hoch ist, zumindest in der Theorie, die Opferbereitschaft der Jugendlichen – etwa, wenn es um den Schlafverzicht geht. Dass „vier Stunden genügen“, hören Waltraud Richt und Silvia Friesch öfter. Wobei leicht aus den Augen verloren werde, über welch lange Zeiträume diese Situation besteht. „Gerne wird unterschätzt, wie sehr ein Baby fordert.“ Schon nach kurzer Zeit aber reift bei den Jugendlichen die Erkenntnis, dass für die Familiengründung nicht nur finanzielle Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Am Ende herrscht die Meinung vor: „Erst die Ausbildung, dann die Familie.“

Zum Ende des Kurses besuchen die Jugendlichen die psychologische Beratungsstelle und erfahren von weiteren Unterstützungsmöglichkeiten wie der Frühen Hilfen des Jugendamts. Psychologin Silvia Friesch sieht den Kurs am BBW als ein „Briefing“. Bei Zeiten könnten sich die jungen Eltern daran erinnern und fänden leichter den Weg zur Beratungsstelle, die Basic-Kurse für Eltern anbietet.

Das kostenlose Projekt Akia (Abenteuer Kind im Alltag) wird aus Mitteln des Stärken-Programms des Landes Baden-Württemberg finanziert.

Die psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas ist in Waiblingen in der Talstraße 12 zu finden. Kontakt: 0 71 51/ 17 24 16.