Waiblingen

Wie ein Waiblinger gerade noch mit dem Leben davonkam

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Auf diesem Sportplatz in Neustadt wäre Rouven Gesierich beinahe gestorben. © Tobias Sellmaier

Waiblingen.
Der Waiblinger Rouven Gesierich ist gut trainiert, als er am 27. September 2017 auf dem Sportplatz in Waiblingen-Neustadt beim 3000-Meter-Lauf für das Deutsche Sportabzeichen startet. Bis eineinhalb Runden vor Schluss läuft alles nach Plan, dann bricht er plötzlich zusammen: Herzstillstand.

Seine Frau Birgit kann sich noch genau erinnern. Sie steht im Zieleinlauf und unterhält sich mit einer Bekannten, als ihr Mann auf der gegenüberliegenden Seite der Laufbahn plötzlich wie vom Blitz getroffen umfällt. Zusammen mit einer Betreuerin vom TSV Neustadt rennt sie zu ihrem Mann. Der röchelt, dann setzt seine Atmung aus: „Seine Augen waren offen, aber es war, als wenn er durch mich hindurchschaut“, erzählt Birgit Gesierich.

Die Betreuerin, die als Bademeisterin im Freibad arbeitet, reagiert goldrichtig: Während Gesierichs Frau den Rettungsdienst alarmiert, beginnt sie mit der Herzdruckmassage, zwei gelernte Krankenschwestern, die zufällig auf dem Sportplatz sind, lösen sie ab. Ein junger Mann, der auf dem Feld nebenan Beachvolleyball gespielt hat, holt aus der Sporthalle einen Defibrillator. Gemeinsam halten die Ersthelfer den Blutkreislauf aufrecht, bis nach etwa fünf Minuten die Rettungskräfte eintreffen.

45 Minuten lang schlägt sein Herz nicht

Der Notarzt spritzt Medikamente und setzt weitere Elektroschocks, doch das Herz des damals 45-Jährigen will nicht schlagen. Wieder und wieder setzen die Rettungskräfte den Patienten unter Strom, um das Kammerflimmern zu unterbrechen und das Herz wieder in seinen normalen Takt zu bringen. Doch es gelingt ihnen nicht.

„Die hatten schon Sorge, wie lange der Akku noch hält“, erinnert sich Birgit Gesierich. Irgendwann fordert der Notarzt in der Leitstelle ein Spezialgerät an, mit dem die Reanimation während des Transports ins Klinikum fortgesetzt werden kann. Das DRK hat diese Maschine erst kurz zuvor angeschafft.

Rouven Gesierichs Leben hängt am seidenen Faden. Als er im Winnender Krankenhaus auf dem OP-Tisch liegt, pumpt das Herz zwar wieder, aber die Prognosen sind düster. „Länger als eine halbe Stunde wird normalerweise nicht wiederbelebt“, sagt Kardiologe Thomas Eul, der an diesem Abend Dienst hatte. Bei Rouven Gesierich hat die Reanimation 45 Minuten gedauert: „Ich hätte nicht mehr viel auf ihn gegeben“, sagt Eul, die Überlebenschance beziffert er im Rückblick auf höchstens fünf Prozent.

Schwerer Herzinfarkt lautet die Diagnose: Zwei Hauptarterien und ein weiteres Herzkranzgefäß sind verschlossen. Fünf Stents setzen die Ärzte bei Rouven Gesierich ein, damit das Blut wieder fließen kann. Über den Berg ist der Familienvater damit aber noch lange nicht, denn sein Herz ist geschwächt. Per Helikopter wird er deshalb am nächsten Tag in die Tübinger Uniklinik verlegt und verbringt dort zehn Tage im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Zwei weitere Male muss Rouven Gesierich in dieser Zeit reanimiert werden, ehe sich sein Zustand endlich stabilisiert.

Zwei Wochen später erst wieder bei Bewusstsein

Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen für seine Frau und die beiden Töchter, die damals 10 und 13 Jahre alt sind. Wird der Ehemann und Papa wieder aufwachen? Und, wenn ja, in welchem Zustand? Schon nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff wird das Gehirn irreparabel geschädigt. Dass ein Patient nach einem so langen Herzstillstand ohne bleibende Schäden davonkommt, ist für Thomas Eul bis heute „ein medizinisches Wunder“ – und das Ergebnis einer perfekten Rettungskette, bei der vor allem die Ersthelfer alles richtig gemacht haben.

Zwei Wochen nach seinem Herzinfarkt kommt Rouven Gesierich wieder zu Bewusstsein, nach vier Wochen verlässt er das Krankenhaus – auf eigenen Beinen, wie er betont. Von da an geht es schnell bergauf. Mitte Januar ist er wieder an seinem Arbeitsplatz bei einer Versicherung in Stuttgart: „Ich dachte mir: Je schneller wieder der normale Alltag einkehrt, desto besser ist das für meine Familie.“

Er geht nicht mehr alleine joggen

Rouven Gesierich weiß, dass er unglaubliches Glück gehabt hat. Hätte er den Herzinfarkt beim Waldlauf bekommen, hätte ihm keiner helfen können. Hätten die Ersthelfer nicht sofort mit der Herzdruckmassage begonnen, wäre er heute vielleicht ein Pflegefall: „Ich bin unheimlich dankbar“, sagt der 47-Jährige. Am Jahrestag seines Herzinfarkts hat er deshalb alle, die damals an seiner Rettung beteiligt waren, zum Essen eingeladen: die Ersthelfer, den Notarzt, die Rettungssanitäter und auch Thomas Eul, der ihn im Winnender Krankenhaus operiert hat. „Das war ziemlich emotional“, erinnert sich Gesierich.

Heute führt der Waiblinger wieder ein normales Leben, auch wenn ihn sieben Tabletten jeden Tag daran erinnern, dass er nicht völlig gesund ist. Einen Defibrillator trägt er mittlerweile im Körper: Bei einem Kammerflimmern wird das Gerät automatisch aktiviert. Die Frage, warum er bereits mit Mitte 40 einen Herzinfarkt hatte, hält Gesierich für müßig. Zwar hat er schon seit jungen Jahren Bluthochdruck und das eine oder andere Kilo zu viel auf den Rippen, dafür raucht er nicht, trinkt keinen Alkohol und hat immer viel Sport gemacht.

Wie ein Asket will der 47-Jährige auch künftig nicht leben, ein paar Dinge hat er in seinem Leben aber geändert: „Ich gehe zum Beispiel nicht mehr alleine joggen.“ Und er hat einen Erste-Hilfe-Kurs besucht: „Denn es wäre ja ein Unding, wenn ich in diese Situation kommen würde und dann nicht helfen könnte.“


Waiblingen.
Der Waiblinger Rouven Gesierich ist gut trainiert, als er am 27. September 2017 auf dem Sportplatz in Waiblingen-Neustadt beim 3000-Meter-Lauf für das Deutsche Sportabzeichen startet. Bis eineinhalb Runden vor Schluss läuft alles nach Plan, dann bricht er plötzlich zusammen: Herzstillstand.

Seine Frau Birgit kann sich noch genau erinnern. Sie steht im Zieleinlauf und unterhält sich mit einer Bekannten, als ihr Mann auf der

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