Waiblingen

Wie Eltern ihren Kindern Corona gut erklären: Kinderschutzbund und Landratsamt geben Tipps

Corona
Auch die Maskenpflicht können Eltern ihrem Nachwuchs kindgerecht erklären. © Pixabay CCO

Wie gehen Mädchen und Jungs mit Corona um – und wie sollen Eltern dem Nachwuchs erklären, was das für ein Virus ist? Die Gefahr ist schließlich groß, unbeabsichtigt bei den Kindern Ängste zu wecken. Eva-Maria Schäfer, die frühere Rektorin der Waiblinger Staufer-Gemeinschaftsschule, ist ehrenamtliche Bereichsleiterin im Kreisverband Schorndorf/Waiblingen des Deutschen Kinderschutzbundes. Sie ist dort für den Bereich Elternkurse verantwortlich und hat unsere Fragen beantwortet. Auch das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises, das Beratungsstellen für Familien und Jugendliche unterhält, gibt Tipps.

Was sollte man tun, wenn Kinder große Angst haben, sich mit dem Virus anzustecken, und infolgedessen ihr Verhalten stark ändern?

Eva-Maria Schäfer: Eltern müssen immer mit eigenem Vorbild vorangehen: Sprechen Eltern ständig von ihrer Angst, auch wenn sie noch so berechtigt ist, dann übernehmen kleinere Kinder unbewusst dieses Verhalten und entwickeln Ängste. Außerdem ist es doch für das Kind signifikant, dass sich alle ihr Verhalten ändern; warum darf es dann das Kind nicht? Daher: auf alle Fälle die Ängste des Kindes thematisieren, die Ängste nicht runterspielen, die eigene Unsicherheit auch zugeben. Man darf aber nicht im Bedauern stehenbleiben, sondern muss das Kind in die eigenen Aktivitäten und Schutzmaßnahmen miteinbeziehen. Zum Beispiel: „Wir gehen heute raus, ich darf meine Maske nicht vergessen. Holst du auch deine?“ Das Nach-Hause-Kommen wird dahingehend ritualisiert, dass man gemeinsam ins Bad geht, um die Hände zu waschen. Auch Begrüßungsrituale mit Freunden müssen mit dem Kind neu eingeübt werden, vielleicht hat das Kind ja eine eigene tolle Idee. Grundsätzlich gilt, die Kinder in das eigene Tun immer aktiv miteinzubeziehen und die Vorschläge des Kindes, und seien sie noch so absurd, ernsthaft zu prüfen und auch anzunehmen. Im schlimmsten Fall muss man sich natürlich professionelle Hilfe für das Kind holen.
Landratsamt: Zunächst ist es wichtig, die Angst des Kindes ernst zu nehmen und diese nicht kleinzureden. Angst steuert das Verhalten und umgekehrt beeinflusst das Verhalten die Angst. Wenn wir ein Kind dabei unterstützen, sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen, kann es diese besser verstehen, und dann auch leichter Möglichkeiten finden, mit der eigenen Angst besser umzugehen. Hierzu gehören auch Informationen darüber, wie mögliche Ansteckungen verhindert werden können, beispielsweise über das Tragen von Alltagsmasken, regelmäßiges Händewaschen und Abstandhalten. Kinder lernen so, dass sie auch selbst etwas tun können, um das Risiko einer Infektion oder Weiterverbreitung zu reduzieren. Hat das Kind vorrangig Angst, seine Großeltern zu infizieren, kann überlegt werden, wie ein Kontakt mit den Großeltern künftig gestaltet werden kann.

Wie sollte man Kindern das Coronavirus so erklären, dass sie das Thema verstehen, aber gleichzeitig keine zu große Angst entwickeln?

Eva-Maria Schäfer: Das Virus muss zuerst einmal einen Namen für die Kinder bekommen, wie „Karies und Baktus“ beim Zahnarzt. Der Name kann mit den Kindern gemeinsam gefunden werden, zum Beispiel indem man sich gemeinsam das allgemein bekannte Bild des Virus anschaut. Die Kinder sollen sagen, was ihnen zu dem Bild alles einfällt und schon spricht das Virus in der Fantasie vielleicht mit dem Kind. So wird das Virus personalisiert, es kann dann reden, es kann dann sagen, was es mag, wie es sich verhält.
Landratsamt: Das hängt sehr vom Alter des Kindes ab. Beim Erklären ist es hilfreich, auf Situationen und Erfahrungen des Kindes Bezug zu nehmen. So wissen schon kleine Kinder, dass auch ein Schnupfen ansteckend ist und dass es bei einem Schnupfen wichtig ist, sich regelmäßig die Hände zu waschen und Abstand zu halten. Kinder machen hier auch die wichtige Erfahrung, dass sie durch ihr eigenes Handeln etwas zur Bekämpfung des Virus beitragen können, sie erleben sich als selbstwirksam. Ergänzt wird das dadurch, wenn Kindern mitgeteilt wird, dass Erwachsene weltweit alles dafür tun, die Krankheit zu heilen.

Was sollte man tun, wenn Kinder partout keine Maske tragen wollen?

Eva-Maria Schäfer: So eine Situation ist immer ein Appell an das elterliche Vorbild: Es hilft keine Drohung, kein Schreien, es hilft nur Klarheit: „Ich setze die Maske auf und du auch.“ Gegebenenfalls muss man das Kind auf den Einkauf mit Maske frühzeitig vorbereiten, ankündigen, dass man jetzt zusammen rausgehen will, vielleicht wurde das Kind unvermittelt aus seiner Welt herausgerissen. Außerdem: Auch wir Erwachsenen mögen die Masken nicht, das dürfen wir den Kindern gegenüber ruhig zugeben. Ich halte nichts von Drohungen: „Dann musst du allein zu Hause bleiben, dann wirst du aber krank.“ Das wäre grausam! Lieber gemeinsam überlegen, was man tun kann, damit die Maske nicht stört, vielleicht gefällt ja auch nur das Muster der Maske nicht, weil eine Freundin eine schönere Maske hat.
Landratsamt: Eltern sind wichtige Vorbilder für ihre Kinder, es ist also davon auszugehen, dass Kinder, für deren Eltern es selbstverständlich ist, eine Maske zu tragen, dies auch tun werden. Sollten sich Kinder dennoch weigern, die Maske zu tragen, können Eltern mit den Kindern überlegen, woran es liegen könnte, dass diese sich partout weigern, eine Maske zu tragen. Vielleicht liegt es an der jeweiligen Maske, dann könnte ein anderes Modell eher akzeptiert werden. Hilfreich ist es auch, mit dem Kind zu überlegen, welche Folgen das Nichttragen der Maske für das Kind haben könnte. Folgt auf die Weigerung, eine Maske zu tragen die logische Konsequenz, an der einen oder anderen Aktion nicht teilnehmen zu können, entscheidet sich das Kind womöglich gerne für das Tragen der Maske.

Im harten Lockdown haben die Kinder jetzt weniger Kontakte. In den Ferien können sie nicht mit jedem spielen. Wie sollte man damit umgehen, wenn Kinder sich langweilen?

Eva-Maria Schäfer: Eine feste Tagesstruktur mit Ritualen ist das Wichtigste. Die Struktur darf ruhig mit dem Kind erarbeitet werden. Eltern müssen sich überlegen, wie sie den Haushalt organisiert bekommen, müssen das Kind miteinbeziehen, ihm sinnvolle Aufgaben zuteilen, die leistbar für das Kind sind. Vielleicht erlebt das Kind zum ersten Mal, was es heißt, im Haushalt zu arbeiten und Freude zu haben, aber auch müde und erschöpft zu sein. Eltern wissen, dass Tätigkeiten, die sie alleine ausführen, natürlich schneller gehen, aber dass Tätigkeiten, die sie mit dem Kind langsamer ausführen, immer einen Mehrwert an Beziehung mit sich bringen und damit auch weniger Langeweile für das Kind. Es muss feste Essenszeiten geben, Pausenzeiten mit einem kleinen Snack zwischendurch, Lesezeiten für die Großen, gemeinsame Spielzeiten mit dem Kind, Alleine-Spielzeiten des Kindes, Frische-Luft-Zeiten, Action-Zeiten, Telefonier- und Facetime-Zeiten mit Freunden und Großeltern, Erzählstunde, Märchenstunde. Vielleicht kann man auch eine Stille-Zeit einführen, gemeinsame Kochzeiten, Vorlesezeiten, Putzzeiten, Aufräumzeiten, Kuschelzeiten. Vielleicht kann man auch mit den Großeltern und Tanten feste Online-Chats ausmachen, in denen die Kinder alleine mit den jeweiligen Personen reden dürfen. Die Gestaltung solcher Sitzungen kann sehr kreativ sein: zusammen malen, beim Kochen in der anderen Küche zuschauen, zusammen singen, Kunststücke aus dem Sport vorführen. Man kann sich in der Familie eine Art Stundenplan mit Bildern und Symbolen mit den Kindern erarbeiten.
Landratsamt: Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern den Tag planen. Eine Tagesstruktur mit festen Schlaf- und Essenszeiten gibt Orientierung und Sicherheit und gemeinsame Aufgaben und Projekte unterstützen bei der Tagesgestaltung. Gesunde Ernährung und Bewegung an der frischen Luft sind jetzt besonders wichtig und sollten von Eltern gefördert und unterstützt werden. Eine solche Tagesstrukturierung sollte aber nicht ihrerseits Stress und Druck erzeugen durch zu hohe Ansprüche an die Struktur selbst, dann verliert sie ihre orientierende Funktion.

Was ist ein gutes Rezept, um als Eltern das Streitrisiko mit den Kindern in der Wohnung zu reduzieren?

Eva-Maria Schäfer: Es ist zuerst einmal normal, dass sich Kinder streiten! Meist streiten Kinder jedoch, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen. Dann sind Eltern genervt, weil sie gestört wurden, hören nur mit einem halben Ohr zu, meinen, sie müssten der Schiedsrichter sein, aber das geht meist schief. Es ist nie ratsam, den Kindern zu sagen „Jetzt geht mal schön spielen oder macht Hausis, ich muss kurz telefonieren.“ Die Kinder merken sofort, dass sie ruhiggestellt werden sollen, das akzeptieren sie meist nur schwer. Besser ist es, den Kindern unmissverständlich die eigene Situation/Notwendigkeit zu erklären und sie um Mithilfe zu bitten: „Was könntet ihr machen in dieser Zeit, ich werde euch jetzt nicht helfen können.“ Kommt es in anderen Situationen zum Streit, sollte man versuchen, erst mal die Kinder zu beruhigen und zu hören, was tatsächlich vorgefallen ist und nicht zu urteilen. Je mehr Rituale und Absprachen, desto besser!
Landratsamt: Ein höheres Konfliktrisiko ist in Zeiten, in den Menschen mehr Zeit auf engem Raum miteinander verbringen, völlig normal. Mit dieser Grundhaltung kann es Eltern gelingen, mit den Streitereien der Kinder gelassener umzugehen. Dieses Mehr an Gelassenheit und Verständnis kann Wunder bewirken. Darüber hinaus gibt es konkrete Dinge, die Familien tun können: Um einem Lagerkoller vorzubeugen kann es helfen, wenn jede Person in der Familie auch Zeit für sich alleine verbringt – zum Beispiel bei einem Spaziergang alleine. Vielleicht ist aber auch gerade jetzt die Zeit, wieder mehr voneinander zu erfahren. Jedem fehlt gerade etwas, jeder hat derzeit vermutlich Bedürfnisse die nicht erfüllt werden können. Manchmal ergeben sich im Gespräch darüber kreative Strategien, Bedürfnisse anders zu erfüllen. Und wenn keine andere Strategie gefunden wird, kann zumindest ein verständnisvolles und offenes Gespräch sehr verbindend sein. Generell gilt, dass ein respektvoller Umgang untereinander gerade in Krisenzeiten wichtig ist. Wenn es doch zum Streit kommt, kann und sollte sich derjenige entschuldigen, der ihn ausgelöst hat, und der andere offen sein, diese Entschuldigung anzunehmen.

Ist es okay, den Kindern in der Corona-Zeit mehr Medienkonsum zu erlauben?

Eva-Maria Schäfer: Medienkonsum hängt grundsätzlich vom Alter ab, keinesfalls sollen Kinder bis sechs Jahren Sendungen alleine ansehen, auch wenn es sogenannte Kindersendungen sind. Medienzeiten kann man in den Tagesablauf einbauen, man kann mit den Kindern vereinbaren, wie viel und genau welche Sendungen sie am Tag sehen dürfen. Immer müssen die Eltern die Übersicht über den Medienkonsum behalten, nicht nur in der Corona-Zeit. Besser: kurze Sequenzen (zehn Minuten) gemeinsam, niemals lange Sendungen (mehr als 30 Minuten) allein. Gerne gemeinsam geschaute Sendungen am nächsten Tag wiederholen, dann kann man das Kind die Sendung gegebenenfalls auch mal alleine ansehen lassen. Anregung: Das Kind soll ein Bilderbuch zu der Sendung malen und beim nächsten Chat der Oma zeigen.
Landratsamt: Grundsätzlich ist es in Ordnung, Kindern in Zeiten reduzierter persönlicher Kontakte mehr Medienkonsum zu erlauben. Gerade Jugendliche können auf diese Weise mit ihren Freundinnen und Freunden im Kontakt bleiben. Eltern sollten jedoch mit ihren Kindern auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen den Medienkonsum bewusst gestalten und gezielt medienfreie Zeiten einplanen.

An welche Stellen können sich überforderte Eltern wenden, wenn die Konflikte mit den Kindern überhandnehmen?

Eva-Maria Schäfer: Lehrer, Erzieherinnen, Pfarrer, Erziehungsberatungsstellen, Pro Familia, Sorgentelefone, Jugendamt: Der Kinderschutzbund kann immer vermitteln.
Landratsamt: Während des Lockdowns und natürlich auch danach können sich Eltern, Kinder und Jugendliche an die Beratungsstellen für Familien und Jugendliche des Kreisjugendamtes im Landratsamt in Backnang, Waiblingen und Schorndorf wenden, in Waiblingen auch an die Psychologische Lebens- und Familienberatung der Caritas. Außerhalb der Dienstzeiten finden Eltern und Jugendliche Unterstützung unter www.bke-beratung.de. Onlineberatung und telefonische Hilfe bietet zum Beispiel die Nummer gegen Kummer (www.nummergegenkummer.de). Außerdem bieten Hilfen an: der Soziale Dienst des Kreisjugendamtes bei Fragen zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien bei der Alltagsbewältigung sowie bei Problem- und Krisensituationen und die Frühen Hilfen des Jugendamtes bei Fragen zur Unterstützung in der frühen Kindheit.

Haben Sie ein paar gute Tipps, wie Kinder jetzt während des Lockdowns zu Hause in den eigenen vier Wänden eine tolle Zeit verbringen können?

Eva-Maria Schäfer:

  • Zu Hause sollten Kinder immer eine gute Zeit verbringen können!
  • Alte Bilder anschauen, alte Spiele aus der eigenen Kindheit ausgraben
  • Gemeinsam ein Tagebuch über die Corona-Zeit schreiben, jeden Abend eine gemeinsame Schreib-/Malstunde einführen
  • Gemeinsame Sportstunde einplanen
  • Sich einmal am Tag verkleiden mit den Kleidern der Geschwister/Mutter/Vater
  • Die Kinder den Speiseplan für einen Tag in der Woche bestimmen lassen und wenn dieser nur Pommes besteht
  • In der Wohnung verreisen, zum Beispiel in die Berge: Kinder bauen mit den Spielsachen eine Gebirgslandschaft auf, man richtet Vesper – und los geht es
  • Einen „Tag am See“ verbringen: Badesachen packen und ab in die Badewanne mit Liegematten, Schwimmring, Eis, Sonnenbrille im Kinderzimmer
  • Verkehrte Welt spielen: Die Kleinen sind groß und dürfen alles, die Großen sind klein. Oder nur rückwärts in der Wohnung gehen oder nur kriechen
  • Eine „neue Sprache lernen“: sich mit Pantomime unterhalten, eigene Wörter für bestimmte Gegenstände ausdenken.
  • Model spielen: sich schminken lassen, Schminktipps aus dem Netz holen
  • In der Wohnung umziehen: einen neuen Schlafplatz finden, unterm Tisch, in der Badewanne, in der Küche
  • Das Zimmer umräumen und mit Bruder/ Schwester tauschen
  • Beim Spaziergang einen Hindernislauf/Parcours einplanen
  • Reporter spielen: Kinder führen ein Interview mit Schwester/Bruder/Freund/Oma, nehmen es auf, am Abend ist gemeinsame Nachrichten-Zeit

Landratsamt: Ein gelassener Umgang mit den aktuellen Beschränkungen und Einschränkungen gelingt in Familien am ehesten, wenn Eltern einerseits Verständnis für das Einhalten der Schutzmaßnahmen zeigen und gleichzeitig ehrlich mit eigenen Belastungen und Frustrationen in Bezug auf die Einschränkungen umgehen können.

Wie gehen Mädchen und Jungs mit Corona um – und wie sollen Eltern dem Nachwuchs erklären, was das für ein Virus ist? Die Gefahr ist schließlich groß, unbeabsichtigt bei den Kindern Ängste zu wecken. Eva-Maria Schäfer, die frühere Rektorin der Waiblinger Staufer-Gemeinschaftsschule, ist ehrenamtliche Bereichsleiterin im Kreisverband Schorndorf/Waiblingen des Deutschen Kinderschutzbundes. Sie ist dort für den Bereich Elternkurse verantwortlich und hat unsere Fragen beantwortet. Auch das

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