Waiblingen

Wie Inklusion funktionieren kann

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Benedikt Merz arbeitet gerne mit den Kindern. © Gabriel Habermann / ZVW

Waiblingen. Seit 2010 nimmt der mit Down-Syndrom geborene Benedikt Merz über eine Kooperation mit der Diakonie Rems-Murr an der Sportwoche des VfL Waiblingen teil. Nun ist er zum ersten Mal Teil des Betreuer-Teams – und der erste Betreuer mit Behinderung überhaupt.

Ein Junge sitzt startbereit im Kajak. Links und rechts stehen zwei weitere Kinder. Mit Eimern voller Wasser in der Hand warten sie auf die Kommandos von Benedikt Merz. Drei, Zwei, Eins: Die Kinder schütten das Wasser auf eine Rutschbahn. Benedikt gibt dem Kajak einen Schubs. Es rutscht den Abhang hinunter und – platsch – landet in der Rems.

In diesem Jahr darf der 20-Jährige zum ersten Mal mithelfen

Die Sportwoche, kurz „Spowo“, läuft bereits in der vierten Woche. In dieser Woche gibt es zwei Besonderheiten im Programm: Erstens nimmt der Assistenzdienst der Diakonie Rems-Murr mit zwölf behinderten Kindern teil. Zweitens ist seit diesem Jahr Benedikt Merz ein Teil des Betreuerteams.

Der 20-Jährige, der mit Down-Syndrom geboren wurde, war bislang immer als Teilnehmer dabei, erstmals 2010. Über die Jahre hat er sich so gut eingebracht und ist so selbstständig geworden, dass er nun selbst bei der Spowo Kinder der Diakonie unterstützen darf. Vor allem bei den alltäglichen Tätigkeiten: Er hilft, Schuhe zu binden, ist Ansprechpartner bei Fragen und übernimmt als Aufsicht auch Verantwortung.

Auch das Kern-Team unterstützt er tatkräftig bei der Arbeit mit den übrigen Kindern. Er sei ein sehr beliebter Spiel- und Raufpartner, helfe fleißig beim Auf- und Abbau von Stationen und sorge für Ordnung, sagt sein Betreuer Jens Michael Pang.

Pang ist seit 14 Jahren Angestellter der Diakonie. Seit vier Jahren arbeitet er intensiv mit Merz zusammen. Er hat seine Entwicklung der vergangenen Jahre miterlebt und empfindet den Einsatz von Merz als Betreuer als großen Triumph. „Benedikt hat einen unglaublichen Willen zu lernen. Wenn er dann mal eine Sache angepackt hat, will er sie auf jeden Fall durchziehen“, sagt er. Er habe zusammen mit Merz gezielt darauf hingearbeitet, dass er auf Kinder zugehen, offen mit ihnen sprechen und ihnen selbstbewusst begegnen kann.

Pang: „Benedikt hat einen unglaublichen Willen zu lernen“

Auch wenn Benedikt Merz durch seine Behinderung so manche zusätzliche Herausforderung in seinem Alltag zu meistern habe, bringe er sich sehr gut bei seiner neuen Aufgabe ein, findet Pang. Darüber hinaus lerne er, seine Komfort-Zone zu verlassen und neue Erfahrungen zu machen.

Merz werde von allen Kindern mit Respekt und Achtung behandelt. Dass er eine Behinderung hat, spiele für die Jungen und Mädchen keine Rolle. Viele Kinder hätten zwar zunächst Vorurteile und manche sogar etwas Angst vor behinderten Kindern. Durch den intensiven Kontakt mit den Diakonie-Kindern bei der Spowo merkten sie jedoch schnell, dass sie keine Angst zu haben brauchen: Es sind auch bloß Menschen.

„Wir wollen den Kindern mit Behinderung zeigen, dass jeder die Chance hat auch so ein Betreuer zu werden. Und auch den anderen Kindern vermitteln, dass sich cool sein und behindert sein nicht ausschließt. Und vor allem, dass auch Menschen mit Behinderung in der Lage sind, Großes zu leisten“, sagt Marc Brommer, Leiter der Spowo und Hauptamtlicher beim VfL-Waiblingen. „Für uns ist die Zusammenarbeit gelebte Inklusion. Alle reden darüber, aber wo schaffen wir es wirklich, das umzusetzen?“

Wie er berichtet, besteht die Kooperation zwischen dem VfL Waiblingen und der Diakonie Rems-Murr bereits seit vielen Jahren. Sie entwickle sich positiv, sagt er, und solle weiter ausgebaut werden: „Wo ehrenamtliche Einrichtungen irgendwann auf ihre Grenzen stoßen, haben wir durch unser Hauptamt noch weitere Kapazitäten. Diese wollen wir einsetzten und die Inklusion von Behinderten weiter vorantreiben.“

Und Benedikt Merz selbst? Ihm macht die Tätigkeit als Betreuer sehr viel Spaß. Am Abend sei er zwar sehr platt, gibt er zu – doch er wolle auf keinen Fall auf die Zeit mit den Kindern verzichten. Dann zählt er ein weiteres Mal von Drei herunter – und lässt das nächste Kind in die Rems rutschen.