Waiblingen

Wie lebt es sich auf der Korber Höhe?

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Hochhaus
Zimmer mit Aussicht. © ZVW/Benjamin Büttner
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Hochhaus
Viel Nachbarschaft. © Benjamin Büttner
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Sabine Raetzel in ihrem Wohnzimmer.

Waiblingen. Eins war klar, als Rolf und Sabine Raetzel vor fast 50 Jahren eine Wohnung suchten: Jedes ihrer Kinder sollte ein eigenes Zimmer haben. Während ihre Bekannten damals eher Reihenhäuser kauften, entschieden sie sich für eine 100 Quadratmeter große Wohnung auf der Korber Höhe. In einer Hochhaussiedlung! Was viele ihrer Freunde nicht verstehen konnten, haben Raetzels nie bereut. Nur einmal haben sie überlegt, wegzuziehen.

„Was - ihr wohnt auf der Korber Höhe? Das habt ihr doch gar nicht nötig.“ Sätze wie diese haben Raetzels in den vergangenen 45 Jahren immer wieder gehört. Dass die ehemalige Steuerberaterin und der EDV-Systemprogrammierer freiwillig und bewusst in der Hochhaussiedlung wohnen, konnten sich viele nicht vorstellen. Doch Sabine und Rolf Raetzel stammen aus Berlin – einer Stadt, in der Hochhaussiedlungen zum Stadtbild gehören und die Menschen laut Raetzel entweder in Riesenvillen oder Hochhäusern wohnen.

Sie gingen es an. Vier Zimmer, Küche, Bad – eine große Wohnung sollte es werden - egal in welcher Höhe, nur nicht ganz oben unterm Flachdach. 1974 zog die Familie mit ihren beiden kleinen Kindern von Korb auf die Korber Höhe. Tochter Anja war drei, Sohn Dirk ein Jahr alt. Der neue Stadtteil war im Entstehen, Kindergarten und Schulen schon vorhanden oder geplant. Viel Grün gab es und gibt es zwischen den Häusern und am Rande der Bebauung. „Unsere Kinder hatten eine wunderbare Kindheit“, erinnert sich die ehemalige SPD-Stadträtin. Ein junges Viertel war die Korber Höhe, Familien mit Kindern zogen in die Häuser, die nach und nach gebaut wurden. Raetzels wurden Mitglieder der soeben gegründeten Bürgeraktion Korber Höhe, sie feierten Feste, organisierten die Wandergruppe, lernten neue Freunde kennen. Aus dem provisorischen Kirchenraum wurde das ökumenische Haus der Begegnung. Man kann sagen: Es lief auf der Korber Höhe.

Was sind die Vor- und Nachteile der Waiblinger Hochhaussiedlung?

Ein halbes Leben später sagt Sabine Raetzel: „Ich würde jederzeit wieder hier herziehen.“ Zwischendurch hätten sie mal mit dem Gedanken gespielt, wegzuziehen, die Idee aber schnell verworfen. Auf einer Liste hatten sie die Vorteile und Nachteile der Waiblinger Hochhaussiedlung notiert: „Da hat Waiblingen gut abgeschnitten.“ In der Tat: Mit dem Mikrozentrum, Ärzten, der Apotheke, Kindergärten, dem Salierschulzentrum und einer guten Busverbindung ist die Korber Höhe gut versorgt. Die Sauberkeit sei okay, findet Sabine Raetzel, keiner vergleiche den Stadtteil noch wie früher mit Berlin-Marzahn. Schade findet sie’s aber, dass die Zugänge zu den Häusern meist alles andere als barrierefrei sind. Und auch, dass sich heute viele schwertun, andere Menschen kennenzulernen. Vielleicht, meint sie, sei es schwerer, Kontakte zu finden, wenn so viele Leute auf kleinem Raum zusammenleben. Vielleicht hätten sich aber auch die Menschen geändert. Früher sei es jedenfalls normal gewesen, dass sich neue Bewohner den Nachbarn vorstellten – heute nicht mehr. „Obwohl man dicht beieinander wohnt, weiß man heute nicht wirklich, wer neben einem wohnt.“ Sie selbst hat Glück: „In unserem Haus kennen sich alle. Man hilft sich beim Annehmen von Paketen, Blumengießen und leiht sich auch mal ein Ei. Aber noch wichtiger: Man kümmert sich um die Nachbarn.“

Urban Gardening wie in Großstädten

Mehr als 5000 Menschen wohnen heute auf der Korber Höhe. Wie viele es genau sind, darüber gehen die Schätzungen auseinander – je nachdem, wo man die Grenze des Stadtteils zieht. Die Bewohner haben sich verändert. Aus den jungen Familien wurden ältere Ehepaare, die Kinder zogen weg. In den 80er Jahren ließen sich viele Spätaussiedler nieder. „Die sind wieder weggezogen, haben irgendwo anders was gekauft. Die wollten einen Garten“, weiß Sabine Raetzel. Einen Gemüsegarten hat sie übrigens auch mal bewirtschaft. Auf einem Grünstreifen, wo heute die Korber Höhe II steht, bauten Raetzels neben anderen deutschen, russischen und ungarischen Familien ihr Gemüse an: „Das war toll.“ Blumen wachsen inzwischen aber auch in versteckten Ecken zwischen den Häusern. Wie in Berlin und anderen Großstädten fangen die Menschen mit Urban Gardening an: Auf Gemeinschaftsflächen werden Stauden gesetzt und Blumenzwiebel gesteckt, damit es vor der Haustür schön blüht. „Das wird wohl jetzt auch bei unserem Projekt Quartier 2020 vorangetrieben“, meint Raetzel. Der Sinn: Vieles auf der Korber Höhe ist in die Jahre gekommen, auch das Engagement der Ehrenamtlichen. Mit dem Programm soll es angekurbelt werden.

Manchmal trifft Sabine Raetzel Waiblinger, die noch nie in ihrem Leben auf der Korber Höhe waren. Denen sagt sie dann: „Ich bin Sabine Raetzel. Ich komme von der Korber Höhe und ich bin ein Urgestein.“ Denn eins ist ihr wichtig: Die Leute sollen wissen, dass sie gerne und bewusst hier oben lebt.


Neues Wir-Gefühl

Die Korber Höhe wurde vor einem Jahr ins Landesprogramm Quartier 2020 aufgenommen. Damit soll das ehrenamtliche Engagement ausgebaut werden. Für ältere Menschen aller Kulturen sollen Angebote entwickelt und nachbarschaftliche Strukturen gestärkt werden, um ein Wir-Gefühl mit Begegnungsmöglichkeiten zu erzeugen.

Wie das Zusammenleben der Generationen verbessert werden kann und Ältere möglichst lange zu Hause leben können, soll die Zukunftswerkstatt auf der Korber Höhe weisen.