Waiblingen

Wie man mit dem Rauchen aufhört

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Ein ernst gemeinter Austausch. © Gabriel Habermann
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Schreckensbild
Ob die Ekelbilder was nützen? © Gaby Schneider

Waiblingen. Diesen Witz kennt jeder Raucher: Aufhören? Ist ganz einfach. Hab ich schon hundertmal gemacht. Na dann: Viel Erfolg beim 101. Mal. Es kann klappen. So schlimm wie befürchtet fühlt sich der Entzug gar nicht an. Das Leben danach belohnt den Ex-Raucher reichlich.

Treppensteigen gelingt ohne Atemnot. Der Geruchssinn kehrt zurück. Der Körper gesundet. Das Herz regeneriert sich. Nach – zugegeben sehr vielen – Jahren bewegt sich das Lungenkrebsrisiko wieder auf Nichtraucher-Niveau. Das Essen schmeckt intensiver. 42 Euro pro Woche (!) bleiben übrig für Kosmetik, Klamotten, Karotten.

Der Karotten-Hinweis ist sehr ernst gemeint: Die Sorge, mit dem Ende des Qualmens beginne die Gewichtszunahme, ist so unbegründet nicht, räumt Klaus Hage ein. Der Leiter des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr bietet Kurse und Coaching für Raucher an, die sich ein für alle Mal vom Glimmstängel trennen wollen.

Karotten als Zigarettenersatz

Zigaretten gegen Karottenstücke statt Schokolade auszutauschen macht Sinn, sagt der Trainer. Sonst steigt die Kalorienzufuhr zu heftig. Zudem verbraucht das Rauchen an sich Kalorien, weil Nikotin die Herzfrequenz erhöht – daher die Gewichtszunahme nach dem Aufhören. Sie lässt sich vermeiden: bewegen, bewegen, bewegen.

Zigaretten sind sehr viel mehr als nur 4000 in eine Papierhülse gepresste Gift- und Schadstoffe. Zigaretten stiften Gemeinschaft, bieten Anlass für Gespräche, sind immer wieder gern Grund genug für eine Pause, strukturieren den Tag, geben Halt in Form von Ritualen.

Der Psychokram braucht Zeit

Genau deshalb ist es so verdammt schwierig, damit aufzuhören.

Die Nikotinsucht selbst ist schnell überwunden. Der Psychokram braucht Zeit. Klaus Hages Erfahrung nach haben künftige Ex-Raucher am meisten Angst vor der Masse an überschüssiger Zeit. Eine Zigarette vernichtet inklusive Raus- und Reingehen sowie Reinziehen etwa zehn Minuten. Macht bei 20 Zigaretten am Tag...

Gewohnheiten erkennen

„Es ist Arbeit“, sagt Klaus Hage. „Man muss die Zeit verplanen, den Lebensrhythmus anders gestalten.“ Zuvor führen die Kursteilnehmer ein Rauchertagebuch: Zu welchen Gelegenheiten greife ich zur Zigarette? Welche Verknüpfungen stelle ich her – zum Beispiel die Tasse Kaffee morgens ist nur in Kombi mit Zigi denkbar? Ganz wichtig aus Hages Sicht: Raucher sollen erkennen, wie sie sich fühlen, wenn das Feuerzeug klickt. Sind es die typischen Stresssituationen, rennt jemand immer bei Ärger mit Kollegen raus, gelüstet ihn besonders dann nach Rauch, wenn es in der Beziehung knirscht? Oder muss er auf jeden Fall überall mitrauchen, wo sich ein Grüppchen um einen Aschenbecher bildet?

Ein Patentrezept gibt’s nicht. Viel gewonnen hat, wer seinen Suchtdruck realistisch einschätzt, seine individuellen Schlüsselreize fürs Rauchen kennt und die Zigarette gezielt in diesen Situationen durch etwas Sinnvolles ersetzt. Ja, und warum nicht mit einem Karottenstick samt Dip. Oder einer Entspannungsübung.

Zeit bewusst anders verplanen

Die bisher fürs Rauchen reservierte Zeit bewusst anders verplanen, dazu rät Klaus Hage. Sport, gesunde Lebensmittel einkaufen, was Gutes kochen ... der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Erst wenn diese Dinge geklärt sind, setzt Hage in den Kursen den Rauchstopp. Meist an einem Samstagmittag.

Am Ende des Kurses hört er von vielen: So schlimm war es gar nicht, das Aufhören. Meist sind es mehr als 80 Prozent, oft nahe 100 Prozent, die nach dem Kurs rauchfrei sind.

Ein Jahr später sieht es nicht mehr ganz so rosig aus. Um die 30 Prozent führen dann noch immer ein sauerstoffreiches, qualmfreies Leben, schätzt Klaus Hage.

Wer nach mühsam erkämpfter rauchfreier Zeit zurückfällt in alte Gewohnheiten – kann sich vermutlich selbst nicht mehr leiden. Welch eine Schmach, welch ein Versagen. Da hilft nur eins: Gib alles. Nur nicht auf.

Selbst nach vielen Jahren höchst gefährlich: Nur eine Einzige rauchen

Und verfalle nie wieder dem Irrtum: Nur eine wird ja wohl nicht schaden. Selbst nach zehn und mehr rauchfreien Jahren gleitet flugs in alte Muster zurück, wer früher sehr erfolgreich als Kettenraucher tätig war.

Tabak-Lobbyisten leisten unterdessen ganze Arbeit: Der Zigarettenkonsum ließe sich deutlich reduzieren, sagt Klaus Hage, sofern nicht den Interessen der Tabakkonzerne so viel Gewicht verliehen würde.

Ob die Fotos von Babysärgen, von bleich geschminkten Gesichtern, von Schlaganfallopfern oder von vergammelten Zähnen auf den Zigarettenpackungen irgendjemanden vom Qualmen abhalten – man weiß es nicht. „Es ist schwer, einen wissenschaftlichen Beweis zu führen“, sagt Klaus Hage. Zumindest habe die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung deutlich mehr Anrufe bei der Raucher-Hotline registriert, nachdem die Zigarettenpackungen zum Horror-Foto-Kabinett mutiert waren. Allerdings, so Hage: Es waren auch jede Menge Spaß-Anrufe darunter.


Früher tot

In Deutschland rauchen laut der „Studie zur Gesundheit Erwachsener“ circa 30 Prozent der Erwachsenen, das entspricht ungefähr 20 Millionen Menschen. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommen andere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Raucherquote liege bei Männern bei 33 Prozent, bei Frauen bei 27 Prozent.

Das Image der Raucher unter Jugendlichen hat sich deutlich verändert: Sie gelten eher als Loser (deutsch: Verlierer) denn als cool. Die Raucherquote bei Jugendlichen im Alter von elf bis 16 Jahren hat sich laut AOK auf unter zehn Prozent halbiert, bei den 15- bis 16-Jährigen testen noch circa 20 Prozent das Rauchen.

50 Prozent der Raucher sind spätestens mit 70 verstorben, sagt Klaus Hage, der Leiter des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr.

In den skandinavischen Ländern liegt der Raucheranteil bei nur sieben bis acht Prozent. Die Zugangswege zu Tabak sind dort laut Klaus Hage „extrem erschwert. Das hilft schon was.“

Mit am teuersten sind Zigaretten in Großbritannien. Dort kostet eine Packung um die zehn Pfund (11,26 Euro).

Hilfsmittel bei der Entwöhnung, etwa Nikotinpflaster oder Nikotinkaugummis, können in der ersten Zeit helfen, weil sie Entzugserscheinungen mildern. Doch warnt die AOK: „Falsche Erwartungen sollten Sie an diese Produkte nicht haben. Die Lust nach der nächsten Zigarette verschwindet durch Nikotinersatz nicht vollständig.“

Hypnose kann unterstützend wirken, ebenso Akupunktur. Allerdings übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten dafür nicht, weil eine dauerhafte Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist. „In Einzelfällen lösen sie lediglich einen Placebo-Effekt aus und geben zudem keine Antworten auf das Verlangen nach einer Zigarette in kritischen Situationen“, so Klaus Hage.

In Waiblingen, Schorndorf und Backnang beginnen demnächst Kurse der AOK mit dem Titel „Ich will Nichtraucher werden!“ Für jeden Kurs sind sechs Abendtermine vorgesehen. Beginn ist in Waiblingen am 22. Januar, in Schorndorf am 11. April und in Backnang am 19. Februar. Anmeldung und Info unter der Telefonnummer 0 71 51/1 39-3 00.

Eine Fülle guter Infos zum Thema findet sich unter www.rauchfrei-info.de. Auf dieser Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt’s ein Online-Ausstiegsprogramm: „Wer wirklich aufhören will, der schafft das auch.“

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