Waiblingen

Wie Migranten mein Auto flott machten

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Wer sein Auto liebt, der schiebt Wache über die Innereien. Oder lässt den Fachmann ran für 16 Jahre alte Autos. Dann geht es in die Hinterhöfe. Dort sitzen Möglichmacher mit erstaunlicher Flexibilität. © Gabriel Habermann

Ein Erfahrungsbericht von Jörg Nolle.

Waiblingen.
Ich musste dieses Auto haben. 200 Meter vor dem Tiefgaragenloch zur Arbeit stand da dieser tiefblaue Renault Kangoo, der mich mit seinen chromblauverspiegelten Augen anschaute. Kangoos sind diese praktischen Teile, die sich zu Minimal-Wohnmobilen ausbauen lassen. Wenn die Vordersitze nach vorne geschoben sind, Rücklehnen gen Armaturenbrett geklappt, zudem das eigens gebaute Holzgestell aufgeklappt, dann lassen sich 1,90 Meter Schlaffläche rausholen. Jedenfalls bei einem erhöht gebauten Gestell, den Camping-Krimskrams unter das Gestell geschoben.

Freier Blick in den Sternenhimmel

Und das Beste an der Karre: ein Faltdach, aufschiebbar über die halbe Wagenlänge. Wer solchermaßen erhöht liegt, wird als irdisches Wesen doppelt erhöht. Weil freier Blick in den Sternenhimmel. Wie sprach schon Immanuel Kant: „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“ – Halbbildung muss man zur Einbildung nutzen können.

Damit also, mit dem Gefährt, einmal nach Andalusien. Und wenn man Glück hat wieder zurück. Denn das Auto der Träume hat 205 000 Kilometer drauf, kostet aber auch nur 1000 Euro.

Ganz prima bei der Probefahrt

Es gab ihn beim Türken. Ich werde ihn hier den Türken meines Vertrauens nennen. Ich will da streng sein: Niemand soll mich schon an dieser Stelle der Geschichte vertrauensselig nennen.

Kangoo, das praktische blaue Wunder, fuhr sich ganz prima bei der Probefahrt. Wie ein junger Hirsch geschwind auf 140, obwohl man auf der B 29 nur 120 darf. Kangoo, das geräumige Beuteltier, bekam ein Wechselkennzeichen angeschraubt. Denn Winter tragen nicht zur Lebensverlängerung bei.

Kaltstartprobleme

Kangoo macht seine Sprünge. Leider mehr und mehr auch real, denn er will nur nach längerer Orgelei anspringen. Und auch, nachdem die Qualmwolken hinten raus sich verdünnen, braucht es drei Minuten, bei ständigem Fuß auf dem Gas und zugleich auf der Bremse, bis schluckbeschwerdenfrei gefahren wird. Hat er Blasen in der Kraftstoffleitung? Ist der Franzose psychisch nicht stabil? Kaltstartprobleme? Denn wenn er mal fährt, fährt er immer noch wunderbar.

Gut: Wenn man ihn abstellt, tröpfelt er für ein Weilchen unten raus. Machen alte Männer auch. Die Kupplung kommt auf den letzten Millimetern. Jede Ehe, auch die zwischen Motor und Getriebe, sollte mehr Reibung haben. Aber wo ist das Risiko, wenn die 4000 Kilometer Spanien meist auf der Autobahn runtergeritten werden?

Gehst du zum Albaner

Mein nur mittelbarer, aber auch vertrauenverdienender Nachbar kommt aus Bosnien, ist Handwerker und fährt einen Kangoo. Er spricht mich auffallend oft an, wenn ich am Auto bastle. Irgendwann wird klar: Er ist auf meine Anhängerkupplung scharf. Ob ich die denn brauche?

Ja, brauch ich. Aber hey, frag ich ihn, was mach ich mit meinem Motor. So alt, leckend, die bald blanke Kupplungsscheibe.

Gehst du zum Albaner, sagt er. Der habe bei ihm für 500 Euro einen neuen alten Motor eingebaut. Motor und Arbeit für 500 Euro, wohlgemerkt. Sagenhaft.

Mehrere Schrauber teilen sich einen Hof

Der Kreis erweitert sich. Jetzt kenn ich schon einen Albaner meines Vertrauens. Hier im Hinterhof, gleich neben der Waiblinger Ditib-Moschee, teilen sich Schrauber einen Hof und den großen Schuppen dazu. Jeder hat 50 Quadratmeter. Eine Hebebühne muss Platz haben. Gut, der Grieche kommt auf drei Hebebühnen. Es ist labyrinthisch eng, weil Autoleichen aller Orten der Wiederauferstehung harren. In die Reparatur-Boxen führt ein Autoweg, durch den früher bei diesem zweckentfremdeten Gebäude nur ein Gabelstapler passen musste. Wer in Marrakesch im Straßencafé sitzt und gerne ambulanten Kfz-Heilemachern an der Straßenkandel zuschaut, der kommt auch hier auf seine Kosten.

Der Albaner hat immer noch mein Vertrauen. Das freilich auch nicht richtig geprüft wird. Der Autoverwerter seines Vertrauens kommt einfach nicht mit einer alten 1,4-Liter-Maschine rüber. Also auch kein Tausch.

Schluckbeschwerden sind wie weggezaubert

Macht nichts, weil der Franzose meines wackeligen Vertrauens inzwischen seine psychischen Probleme überwunden hat. Spontanheilung. Die Schluckbeschwerden sind wie weggezaubert. 1001 Nacht, potzblitz.

Einen neuen Motor will ich nicht mehr, freilich wachsen jetzt die Ansprüche.

Der Motor des Faltdaches dreht sich, aber er macht nur ratter-ratter. Recherchen in den Tiefen der Autoschrauber-Blogs machen einem Angst: Unter 800 Euro geht da bei Renault nichts. Aber man kann den Motor ausbauen, dann geht was mit Handbetrieb. Das Vertrauen in den Auto-Odyssee-Ursprungstürken bekommt nochmals einen Sprung, als sich bei schwüler Sommerluft zeigt: Auch die Klimaanlage muss in blauer Vorzeit ihren letzten Hauch getan haben.

Nie ein Nein gehört

Der Türke meines Rest-Vertrauens wird aufgesucht. Ja, sagt der, ein langgestrecktes Jaaa, er habe keine Kältemittel-Befüllungsanlage. Aber der Pole um die Ecke habe eine. Nie habe ich übrigens bei den hier abgehandelten Personen meines Vertrauens ein Nein gehört. Es fehlt in dieser Parallelwelt des Dienstleistungsgewerbes einfach das kalte, harte, deutsche Nein. Es geht immer etwas.

So komme ich zum Polen meines Vertrauens. Der schraubt zwei Schläuche an die Rohre der Klima und lässt das Gerät pumpen. Man muss Zeit mitbringen, wird dann aber auch entschädigt. Es geht jetzt zu wie in einer ambulanten Mach-Auto-Heile-Werkstatt in Wrozlaw. Auch dort hat man ja immer mal sein wollen. Sie sind einfach sehr geschickt.

Der ist jetzt gerade dabei, mich abzuzocken, denk ich

Die Schläuche werden abgeschraubt. Ich zück den Geldbeutel, zieh den einzigen Schein raus, den ich habe, einen Fünfziger.

Der Zeigefinger des Polen macht den Scheibenwischer. 80 Euro mache das. Der Lieferant des Kältemittels habe über Nacht um 100 Prozent aufgeschlagen, geht die Begründung.

Der ist jetzt gerade dabei, mich abzuzocken, denk ich.

Seltsamer Gleichklang

Zurück zum Türken. Zu dem, der mein Urvertrauen hat, trotz alledem. Ja, sagt der wieder, er war schon drauf und dran, auch ein Gerät für die Befüllung zu kaufen. Aber über Nacht hätten sich die Preise fürs Kältemittel verdoppelt. Er sehe nicht, wie er von seinen Kunden bei einem 1000-Euro-Auto 80 Euro nehmen kann. 80 Euro hier, 80 Euro dort – seltsamer Gleichklang.

Aber noch lang kein Grund, Menschen das Vertrauen zu entziehen. Ich trag die 30 Euro am anderen Tag tapfer zum Polen.

Und: Es soll mich immer noch keiner naiv nennen.