Waiblingen

Wie wachsen Kinder artgerecht auf?

1/2
Kind Farben Schule Kindergarten Symbol_0
Symbolbild. © Christine Tantschinez
2/2
_1
Buchautorin Nicola Schmidt zu Gast im Waiblinger Schlosskeller.

Waiblingen. Der Merksatz, den die Sachbuchautorin Nicola Schmidt am Freitag den Besucherinnen und Besuchern des Schlosskellers mit auf den Weg gab, lautete: „Sag deinem Kind einmal am Tag, wie lieb du es hast. Wenn es dir richtig auf die Nerven geht, sag es ihm zweimal.“

„Artgerecht aufwachsen – wie Kleinkinder richtig begleitet werden“ lautete der Titel der Veranstaltung, zu der Familienbildungsstätte Waiblingen und Buchhandlung „Taube“ eingeladen hatten. Dass die „richtige Begleitung“ von Kleinkindern nach wie vor ein Thema ist, mit der sich vor allem junge Frauen befassen, dieser Eindruck drängte sich zumindest auf, wenn man den Blick über die fast vollständig besetzten Stuhlreihen wandern ließ.

Junge Frauen waren es auch, die ihr Herz ausschütteten mit Fragen wie: „Was mache ich, wenn mein dreijähriger Sohn seit drei Wochen nur noch trockene Nudeln mit nichts dazu isst?“, „Wie muss ich damit umgehen, wenn meine drei und sieben Jahre alten Kinder miteinander streiten?“, „Ich bin ein durch und durch entspannter Mensch und dachte immer, ich würde bestimmt auch ein total entspanntes Kind bekommen. Nun habe ich einen einjährigen Sohn und bin total fertig. Ich schlafe keine Nacht mehr durch ...“, „Bis zu welchem Alter soll ich mein Kind stillen und bei mir im Bett schlafen lassen?“,„Meine zwei und vier Jahre alten Kids stecken mitten in der Trotzphase. Sie wälzen sich nur noch auf dem Boden herum, weinen, motzen. Ich weiß nicht, wie ich meine Aufmerksamkeit zwischen ihnen verteilen kann.“

Antworten darauf erhofften sie sich von der Diplompolitologin, Wissenschaftsjournalistin und Begründerin des „Artgerecht-Projekts“ Nicola Schmidt. Sie schreibt Bücher, gibt Seminare und hält Vorträge zu der Frage, was biologisch gesehen das Beste ist, damit Kinder „artgerecht“ gesund und stark aufwachsen. Selbst zweifache Mutter, zitierte Schmidt an diesem Abend aus ihrem „Artgerecht. Kleinkinderbuch“ und beantwortete die Fragen der Besucherinnen: „Warum kochen Sie seit drei Wochen nur trockene Nudeln? Wechseln Sie einfach den Speiseplan, kein normales Kind verhungert freiwillig vor einem gedeckten Tisch. Spätestens am zweiten Tag isst es auch Reis oder Kartoffeln.“ „Der einfache Zank ist notwendig, damit die Kinder lernen, ihre Interessen zu vertreten und durchzusetzen. Beim echten Streit, also in Situationen, die Kinder selbst nicht mehr lösen können, sich verbal oder körperlich verletzten, greifen wir ein und sagen Stopp!“ „In Costa Rica erwartet niemand von Kindern, dass sie durchschlafen, bevor sie fünf Jahre alt sind“, und zum Thema Stillen und Schlafplatz: „So lange, wie eine Großkatze das schlafende Kind im Maul wegtragen könnte. In Kuba hat man mich gefragt, ob es tatsächlich stimmen würde, dass in Europa die Kinder nachts tatsächlich in Käfige gesperrt werden?“

Trotzphase? Gibt es bei Naturvölkern nicht, sagt Nicola Schmidt

Zudem bemühte sich Schmidt, auf die Lebensverhältnisse in der modernen postindustriellen Stadtkultur zu verweisen: Es sei nicht artgerecht, zusammen mit ein, zwei Kindern in einer Zwei- oder Dreizimmerwohnung zu leben und darin mit ihnen nachts allein zu sein. Vor hundert Generationen seien die Menschen noch Jäger und Sammler gewesen, die in Gruppen umherzogen, heute stellten wir die erste Generation dar, die mit unseren Kindern vollkommen allein lebe. Kinder, so Schmidt, würden trotzen, wenn man von ihnen Dinge verlange, die nicht artgerecht seien; bei Naturvölkern würden Kinder nicht trotzen.

Wir hingegen würden ihnen Individualität beibringen, und das Trotzen sei eine Bewegung weg von der Bindung hin zur Autonomie, zur Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, von der totalen Bedürfnisbefriedigung hin zu sozialen Regeln und Frustrationstoleranz. Wenn ein Kind ausflippe und auf dem Boden liege, sei es sowieso nicht ansprechbar. Daher sei es das Beste in dieser Situation, keinen weiteren Druck aufzubauen und abzuwarten, bis es sich beruhige. Es sei wichtig, ihm zu vermitteln, dass es nicht allein sei, wenn möglich auch durch Körperkontakt, und nachdem es sich beruhigt hat, mit ihm gemeinsam nach einer Problemlösung zu suchen.

Dorfgemeinschaft

Konsequent in der Erziehung bedeute, so Nicola Schmidt, sich konsequent nach der Verfassung des Kindes zu richten.

Artgerecht sei, die Kinder mit drei Jahren in die „Dorfgemeinschaft“ zu überführen. Ursprünglich sei es nicht der „Job“ der Mütter gewesen, Kinder allein zu erziehen.