Waiblingen

Wie Waiblinger Muslime mit den Corona-Regeln umgehen - ein Besuch in der Ditib-Gemeinde

Corona Moschee
Am Eingang werden die Besucher an die Regeln erinnert. © ZVW/Benjamin Büttner

Wer in der Nähe arbeitet, weiß: Jeden Freitag um die Mittagszeit wird es voll im Gewerbegebiet Ameisenbühl. Dann treffen sich die Muslime von der Ditib-Gemeinde zum Freitagsgebet. Seit Beginn der Corona-Pandemie jedoch ist es ruhiger geworden als sonst in der unscheinbaren Hinterhof-Moschee in der Max-Eyth-Straße. Wie in den christlichen Kirchen hat der Andrang der Gläubigen nachgelassen und die Besucherzahl ist stark eingeschränkt.

Wo sonst bis 700 Muslime die Predigt des Imams hören und beten, sind aktuell nur 100 Besucher erlaubt. „Vor der Corona-Pandemie standen die Gläubigen an manchen Tagen Schulter an Schulter“, erzählt Mesut Yayla, Sohn des stadtbekannten Gemeindesprechers Kadri Yayla. Nun müssen alle mindestens anderthalb Meter Abstand halten. Eingelassen werden die Gottesdienstbesucher prinzipiell nur nach Online-Anmeldung. Nur für Senioren, die keinen Zugang zu E-Mail und Internet haben, wird in dem Sinn eine Ausnahme gemacht, dass sie sich auch anderweitig anmelden können.

Als Puffer für den Fall, dass doch einmal mehr Leute kommen, hat die Gemeinde in einem Nebenraum, der sonst eher dem geselligen Beisammensein dient, für zehn Leute einen zusätzlichen Gebetsbereich mit Teppich und Abstandsmarkierungen eingerichtet.

Rituelle Waschung am besten zu Hause

Seit dem Frühjahr gilt in den Innenräumen der Sultan-Ahmet-Moschee durchgängig Maskenpflicht – auch dann, wenn die Gläubigen ihre festen Plätze eingenommen haben. Ein Besuch im Gebetsraum zeigt: Die Vorschrift wird konsequent eingehalten. Lässt doch einmal einer die Maske unter die Nase rutschen, werde er von den anderen freundlich gebeten, sie wieder hochzuziehen, sagt Mesut Yayla. „Ihm wird dann gesagt, dass er dadurch die anderen schützt.“

Der Teppich im Gebetsraum, der nicht mit Schuhen betreten werden darf, wird regelmäßig gereinigt. Weil die Gläubigen beim Beten mit der Stirn den Boden berühren, hat sich die Ditib-Gemeinde inzwischen weitere Hygieneauflagen gegeben: Die Besucher des Freitagsgebets bringen entweder von zu Hause saubere Gebetsteppiche mit oder reißen sich vor Ort einen Streifen Einmal-Papier ab, der groß genug ist, dass ein Erwachsener bequem darauf sitzen kann. Die Straßenschuhe – das wiederum hat nichts mit Corona zu tun – müssen alle schon im Vorraum der Moschee ausziehen. Die Räume für die vorgeschriebene rituelle Waschung sollen die Muslime während der Pandemie nur benutzen, wenn nötig – wenn sie etwa direkt von der Arbeit kommen. Die anderen sind aufgerufen, die rituelle Waschung bereits zu Hause vorzunehmen.

So wie Christen nicht auf eine Kirche angewiesen sind, um zu beten, so brauchen Muslime nicht ihre Moschee dazu – sondern können dies überall tun. Mesut Yayla erzählt eine Geschichte, wonach der Prophet Mohammed zur Zeit einer grassierenden Seuche einem Glaubensbruder sagte, es sei besser, wenn beide zu Hause für sich beteten, als gemeinsam. Tatsächlich verzichten dieses Jahr viele Muslime in Waiblingen und Umgebung schon aus Vorsicht auf den Moscheebesuch. Es verhalte sich unter den Muslimen so, wie auch sonst in der Bevölkerung: Manche hätten Angst vor dem Virus, andere nicht. Die meisten aber hätten Respekt – und versuchten, sich so gut wie möglich zu schützen.

Von Großhochzeiten ist nichts bekannt

Von türkischen Großhochzeiten in Waiblingen und Umgebung in diesem Jahr weiß er nichts. In Hamm war im September eine türkische Hochzeit zum Superspreader-Event geraten. Mesut Yayla kennt indes Paare, die ihre Hochzeit wegen Corona verschoben haben.

Vom Freitagsgebet abgesehen, sind viele Bereiche des Gemeindelebens der Pandemie zum Opfer gefallen, so etwa die gesamte Jugendarbeit. Der Kulturunterricht finde über eine Online-Plattform statt. Pilger- und Bildungsreisen wurden abgesagt.

Seit einiger Zeit läuft die auf Türkisch gehaltene Predigt des Imams immer auch in deutscher Übersetzung über eine Leinwand. Ein Service für Muslime, die nicht aus der Türkei stammen, und für türkischstämmige Deutsche aus der jungen Generation, welche die Muttersprache kaum noch beherrschten, meint Mesut Yayla. An diesem Freitag predigt der Imam über die Pflicht aller Muslime, das „gefährliche Virus“ der Wut unbedingt zu kontrollieren, damit es nicht seine zerstörerische Kraft entfalten könne.

Die Ditib, die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ ist der größte muslimische Verband in Deutschland und wird oft kritisiert wegen ihrer Abhängigkeit von der Türkei. Ihre Imame werden traditionell aus der Türkei geschickt und von der staatlichen Religionsbehörde Diyanet in Ankara finanziert. Anfang dieses Jahres kündigte die Ditib an, mit der Ausbildung deutschsprachiger Imame zu beginnen.

Wer in der Nähe arbeitet, weiß: Jeden Freitag um die Mittagszeit wird es voll im Gewerbegebiet Ameisenbühl. Dann treffen sich die Muslime von der Ditib-Gemeinde zum Freitagsgebet. Seit Beginn der Corona-Pandemie jedoch ist es ruhiger geworden als sonst in der unscheinbaren Hinterhof-Moschee in der Max-Eyth-Straße. Wie in den christlichen Kirchen hat der Andrang der Gläubigen nachgelassen und die Besucherzahl ist stark eingeschränkt.

Wo sonst bis 700 Muslime die Predigt des Imams hören

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