Waiblingen

Wieder auf Russisch singen? Keine Chance, sagt ein "Don Kosake" vor der Tournee

Kossaken
Konzert der „Don Kosaken Serge Jaroff“ in der Michaelskirche in Waiblingen 2015 - im Jahr nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland. © Benjamin Büttner

Im September singen die „Don Kosaken Serge Jaroff“ in Waiblingen - zumindest diejenigen, die älter als 60 Jahre sind und die Ukraine deshalb verlassen dürfen. Oder die schon vor dem russischen Überfall auf ihr Land im Ausland waren und geblieben sind. Oder die es sonst irgendwie geschafft haben. Manche haben durch Beschuss ihr Hab und Gut verloren, sind vor der Tournee als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Um ihre Chorkollegen in der Heimat machen sie sich große Sorgen. Und um ihre Familien.

Einer hat einen 24 Jahre alten Sohn, der an einer Straßensperre vor dem Wohnort Wache schieben muss. Natürlich habe er Angst um sein Kind, sagt Igor Ponomarenko. Er ist 63 Jahre alt. Seit Mai ist der Ukrainer in Deutschland. Er hilft nun bei der Vorbereitung der Tournee, kümmert sich um die Garderobe der „Kosaken“, sucht nach weiteren Sängern.

Weil sein Sohn wehrdienstpflichtig ist und nicht ausreisen darf, ist auch Ponomarenkos Ehefrau in der Ukraine geblieben. Sie leben bei Kiew. Butscha, das zum Symbol für russische Kriegsverbrechen in der Ukraine geworden ist, ist nicht weit weg. Bis zum Wohnort von Ponomarenkos Familie kamen Putins Truppen aber nicht. Sein Haus steht noch.

Nicht alle wollen zurück in die Ukraine

Der 63-Jährige ist mit Chormitgliedern im Kontakt, die noch in der Ukraine sind. Die, die über 60 sind, kommen für die Tournee, sagt er. Er glaubt auch, dass sie nach den Auftritten wieder zurückkehren. „Die haben da ihre Häuser.“

Von denen, die schon in Deutschland sind, wollen manche aber hierbleiben, sagt die Frau, die die Sänger bei sich zu Hause aufgenommen hat. Bei ihr im Rhein-Neckar-Kreis sammeln sich die Männer, proben in der örtlichen Kirche, bereiten sich auf die Konzerte vor – und sprechen natürlich auch viel über die Situation in ihrer Heimat. Ihre Gastgeberin möchte namentlich nicht genannt werden.

Während Igor Ponomarenko schon seit ein paar Monaten vor Ort ist, sind andere erst vor einigen Tagen angekommen. „Einer hat alles verloren, sein Haus, sein Auto – der hat nur noch das, was er am Körper trägt“, sagt die Helferin. Der wolle in Deutschland bleiben. Ebenso wie ein anderer, der noch keine 60 Jahre alt. Ein weiterer Sänger ist mit seiner minderjährigen Tochter da. Auch er wolle nicht zurück.

Und dann gibt es die jüngeren Chormitglieder, die die Ukraine nicht verlassen dürfen und fürchten müssen, zur Armee eingezogen zu werden. Um sie sorgen sich alle, die es rausgeschafft haben. „Die sitzen auf gepackten Koffern“, sagt Petra Fischer-Reitmayr. Sie führt die Firma aus Bayern, die die Konzerte der „Don Kosaken Serge Jaroff“ organisiert. Ursprünglich kommt sie aus Waiblingen. Zusammen mit Chorleiter Wanja Hlibka hält sie den Kontakt zu den Ukrainern. „Wir versuchen natürlich, noch weitere Sänger rauszukriegen.“

Von anderen Veranstaltern weiß Fischer-Reitmayr, dass die Ausreiseerlaubnis sehr kurzfristig kommen kann. „Ganz wichtige Sänger“ seien darunter. Und auch für die „Kosaken“ sind die Auftritte in Europa nicht nur künstlerisch von Bedeutung. Sie brauchen laut Fischer-Reitmayr die Gagen, um sich und ihre Familien zu versorgen.

Um Bewegung in die Dinge zu bringen, haben die Organisatoren nach eigenen Angaben an mehrere Spitzenpolitiker geschrieben: an Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kiew und den früheren Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk. An Bundeskanzler Olaf Scholz, Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Antworten hätten sie bislang nicht bekommen, sagt Petra Fischer-Reitmayr.

„Die wollen auf Tournee, das ist deren Leben“

Zehn Sänger sind für die anstehenden Konzerte aber gesichert. Die, die schon in Deutschland sind und sich hier vorbereiten, „brennen alle für die Konzerte“, wie ihre Gastgeberin aus dem Rhein-Neckar-Kreis sagt. Und die in der Ukraine auch. „Die wollen auf Tournee, das ist deren Leben.“ Klar, sie bräuchten das Geld, erhielten in der Heimat oft keine finanzielle Unterstützung – außer von den Chororganisatoren. „Aber sie wollen auch die ukrainische Kultur rüberbringen und sind stolz, dass sie in Deutschland singen dürfen.“

Sprachwechsel wegen des Kriegs: Früher Russisch, jetzt Ukrainisch

Gesungen wird auf Ukrainisch und auf Deutsch, sagt „Kosaken“-Mitglied Igor Ponomarenko. Russisch habe „keine Chance“ mehr. Der Angriffskrieg des Kreml hat auch hier seine Zerstörungsspur hinterlassen. Lieder wie „Still ruht der See“ oder „Abendglocken“, die sie sonst auf Russisch gesungen hätten, tragen sie jetzt auf Ukrainisch vor. Untereinander sprechen die Sänger ukrainisch, auch schon vor dem Krieg, sagt er. Er selbst hat in der Schule Russisch gelernt. Zu früheren Chormitgliedern aus Russland, die schon vor Jahren altersbedingt ausgeschieden sind, hat Igor Ponomarenko keinen Kontakt.

Der 63-Jährige hofft jetzt, dass bald noch weitere Sänger zu ihnen stoßen. Und wenn dieser Krieg irgendwann endet und auch die jüngeren Musiker wieder dabei sein können, „dann machen wir große Konzerte“.

Im September singen die „Don Kosaken Serge Jaroff“ in Waiblingen - zumindest diejenigen, die älter als 60 Jahre sind und die Ukraine deshalb verlassen dürfen. Oder die schon vor dem russischen Überfall auf ihr Land im Ausland waren und geblieben sind. Oder die es sonst irgendwie geschafft haben. Manche haben durch Beschuss ihr Hab und Gut verloren, sind vor der Tournee als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Um ihre Chorkollegen in der Heimat machen sie sich große Sorgen. Und um ihre

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