Waiblingen

Wirtschaft: Gewerbeflächen werden knapp

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Gewerbegebiete wie in Welzheim-Breitenfürst sind rar. Im Remstal können viele Städte und Gemeinden selbst erweiterungswilligen Unternehmen am Ort keine Flächen anbieten © Palmizi/ZVW
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Dr. Walter Rogg.

Waiblingen. Die Region wird Opfer ihres Erfolges. Lästige Staus und viel Lärm, dreckige Luft und drohende Fahrverbote, extrem teurer Wohnraum ... und kaum noch Reserven mehr bei Gewerbeflächen. Die Wirtschaftsförderung des Verbandes Region Stuttgart schlägt Alarm und warnt vor einem Engpass.

Die Wirtschaft boomt, vor allem örtliche Unternehmen wollen sich vergrößern. Sie suchen Bauplätze – und finden keine. Sind die Grenzen des Wachstums erreicht?

In der vor acht Jahren mit zwei Mann gegründeten Winterbacher Maschinenbaufirma Kluma GmbH geht es heute mit zwölf Mitarbeitern recht eng zu. Das Unternehmen, das Maschinen und Anlagen zur Automatisierung von Montage- und Prüfprozessen entwickelt und realisiert, wächst und sucht neues Personal. Schon vor drei Jahren hatten die Geschäftsführer Jürgen Maurer und Uwe Kleinert die Fühler ausgestreckt, wo sie in der näheren Umgebung erweitern könnten. Die beiden Chefs haben die kommunalen Wirtschaftsförderer abgegrast. Jürgen Maurer erhielt zwar gute Ratschläge und Tipps, aber kein Angebot für ein Grundstück. Dabei sind die Ansprüche von Kluma mit 1500 bis 2000 Quadratmeter geradezu bescheiden. Letztlich bot die Heimatgemeinde Winterbach ihnen ein Grundstück an. „Wir hatten keine Wahl“, sagt Maurer. Er ist gleichwohl froh über den Zuschlag. 2018 soll der erste Spatenstich für das Gebäude erfolgen.

Digitale Zukunft braucht mehr Fläche

„90 Prozent der Nachfrage kommt von Firmen aus der Region“, sagt Dr. Walter Rogg. Der Chef der regionalen Wirtschaftsförderung sieht sich in einer ungewohnten Rolle. Als Mahner. Digitalisierung und Elektromobilität werden zu einem dramatischen Umbruch führen, den gerade die vom Auto stark abhängige Region treffen werde. „Wir müssen umdenken, solange es gut läuft!“, fordert Rogg die Wirtschaft auf. Leichter gesagt als getan, weiß Matthias Lutz, Leiter des Standortmanagements bei der WRS. Die Anforderungen der Zukunft werden übertüncht von hervorragenden Zahlen in der Gegenwart. Rogg erinnert deshalb an die 80er Jahre, als die Krise der Autoindustrie die Region unerwartet überrollte und erschütterte.

Mit Blick in die Zukunft ist sich Rogg sicher, dass die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor noch auf lange Sicht benötigt und produziert werden. Parallel werde jedoch an neuen Produkten und Verfahren der Zukunft getüftelt. Die digitale Produktion der Zukunft benötige im Vergleich zu heute mehr Fläche mit weniger Beschäftigten. „Die kurz- und mittelfristigen Flächenbedarfe, die mit dem industriellen Wandel zu Digitalisierung, Elektromobilität und anderen Technologiesprüngen im Automobilsektor einhergehen, können nicht auf den vorhandenen Bestandsflächen realisiert werden“, betont Rogg. Flächenfreisetzungen im Bestand, möglicherweise durch den Wegfall nicht mehr wettbewerbsfähiger Produktionsbereiche, kämen aber zu spät für Standortentscheidungen zum Auf- und Ausbau neuer Technologien und Geschäftsfelder. Diese Entscheidungen fallen in zwei bis fünf Jahren, ergänzt Standortmanager Lutz. Wenn die Unternehmen im Umkreis von 15, 20 Kilometern keine Erweiterungsflächen beispielsweise für die Entwicklung der Elektromobilität finden, suchen sie ganz anderswo. „Dann ist die Produktion weg“, befürchtet Lutz. Dies habe die Studie der WRS zu „Gewerbe- und Industrieflächen in der Region Stuttgart 2017“ ergeben. Und diese Fertigung komme nie mehr zurück. Dabei liegt die Stärke der Region gerade in seiner industriellen Basis mit hoher Wertschöpfung im Vergleich zu reinen Dienstleistungen.

Der Strategiewechsel der Wirtschaftsförderer: Bestandspflege

Wenn Wirtschaftsförderer über knappe Flächen klagen, tun sie es nicht, weil sie von der Ansiedlung neuer Unternehmen träumen. Der Strategiewechsel hat vor Jahren eingesetzt, als die Bestandspflege in den Vordergrund rückte. Ihre Klientel sind die Unternehmen am Ort. Wie die Studie gezeigt hat, zeichnet sich der Mangel an Gewerbeflächen seit längerem ab. Ungewöhnlich lange läuft die Konjunktur auf Hochtouren. Erfahrungsgemäß wird in den Unternehmen zunächst Personal eingestellt, wenn die Nachfrage steigt. Ein paar Jahre später platzt die Firma aus den Nähten – und es muss dringend erweitert werden. In den Jahren 2011 bis 2015 stieg im Rems-Murr-Kreis die Beschäftigung um 7,3 Prozent – die Bevölkerung aber nur um 2,6 Prozent. Die Prognosen von vor einem Jahrzehnt, dass die Bevölkerungszahl in der Region stagniere oder gar rückläufig sei, sind längst Makulatur. Die drastisch steigenden Mieten wie auch die längeren Staus auf den Straßen und überfüllte S-Bahnen spiegeln diese Entwicklung wider.

Sind in der Region die Grenzen des Wachstums bereits erreicht?

Sind angesichts der Verkehrs- und Umweltprobleme in der Region die Grenzen des Wachstums erreicht? Walter Rogg kann diese Überlegung nachvollziehen und ist überzeugt, dass viele Einwohner in der Region Stuttgart genauso denken. Aus diesem Grund scheuen sich Rathäuser, neue Wohngebiete oder Gewerbeflächen auf den heute noch grünen Wiesen auszuweisen. Obwohl auf dem Papier – genannt Regionalplan – eine ganze Menge Flächen für Industrie und Gewerbe reserviert seien.

Zukunftsfähig durch mehr Fläche

Wer heute Grenzen des Wachstums beschwört, gibt Rogg zu bedenken, der blockiere womöglich „eine ökologisch vernünftige Entwicklung“. Und darum gehe es bei neuen Technologien und Geschäftsfelder im Zusammenhang beispielsweise mit den Umbrüchen im Automobilsektor: um weniger Verkehr mit weniger Autos, aber auch um nachhaltige Wohnformen und um ressourcenschonende Produktion. Voraussetzung für eine derartige Wirtschaftsweise sei, dass diese Unternehmen heute die dafür notwendigen Flächen bekommen. „Wenn die Region Stuttgart als Industriestandort zukunftsfähig bleiben will, brauchen wir eine gemeinsame regionale Anstrengung, um den Unternehmen das dringend benötigte Flächenangebot für großflächige Produktion und Logistik und für strategische Projekte des technologischen und ökonomischen Wandels bereitzustellen“, fordert Rogg gemeinsame Anstrengungen der Region, seiner Wirtschaftsförderung und aller Kommunen in der Region.


Waiblingen.
Im Vergleich zur Landeshauptstadt Stuttgart waren Gewerbeflächen zwischen Rems und Murr geradezu üppig vorhanden. Nicht zuletzt deshalb sind in den vergangenen Jahren viele Firmen aus Stuttgart in die Nachbarkreise umgezogen. Nicht zuletzt deshalb ist auch im Rems-Murr-Kreis sowohl die Zahl der Einwohner als auch die der Arbeitsplätze gewachsen. Darüber hinaus haben viele örtliche Unternehmen investiert und sich an ihren Standorten erweitert, weist Timo John, Wirtschaftsförderer des Rems-Murr-Kreises, beispielsweise auf das neue Logistikzentrum des Autozulieferers ZF TRW in Alfdorf hin, auf die Firma Riva in den Lerchenäckern in Backnang oder die Elektrofirma Löffelhardt, die von Fellbach nach Schorndorf umzieht.

Investitionen der größten Arbeitgeber

Auch die Firmen Stihl in Waiblingen und Kärcher in Winnenden, die zu den größten Arbeitgebern im Kreis zählen, haben in den vergangenen Jahren ebenfalls ihre Standorttreue unter Beweis gestellt und kräftig investiert. Der Motorsägenhersteller Stihl erweiterte das Entwicklungszentrum in Neustadt und baute eine neue Produktionslogistik. Der Reinigungsspezialist Kärcher konnte sich über die Bahngleise hinweg vergrößern und Jobs am Ort erhalten.

In den vergangenen fünf Jahren (2012-2016) lag der Eigenbedarf an Gewerbeflächen im Rems-Murr-Kreis bei 84 Hektar, von denen 54 Hektar realisiert werden konnten. Umgesetzt wurden hauptsächlich Flächen in der Größenordnung von 0,5 bis zwei Hektar (68 Prozent) sowie zwei bis fünf Hektar (22 Prozent). Die Nachfrage nach Flächen über fünf Hektar konnte nur selten gedeckt werden.

Hohe Nachfrage nach Flächen

  • In der Region Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis ist die Zahl der Arbeitsplätze stärker gestiegen als die der Einwohner. Das ist ein Hinweis dafür, dass die neuen Beschäftigten hier oft keine Wohnung finden – oder aufgrund des knappen Angebots sowie der hohen Mieten und Immobilienpreise schon gar nicht auf Suche gegangen sind. Wer hier arbeitet, pendelt von immer weiter her in die Region. Die Folge ist mehr Verkehr auf der Straße wie auch auf der Schiene.
  • Die Nachfrage nach Gewerbeflächen, insbesondere von Betrieben am Ort, ist weiterhin hoch. 2012-2016 betrug deren Nachfrage 85 Hektar, zehn Hektar pro Jahr, von denen 54 Hektar verwirklicht werden konnten.
  • In der Region Stuttgart liegt die prognostizierte Nachfrage an Gewerbeflächen bei 110 Hektar pro Jahr. Die größten Reserven haben die Kreise Böblingen (227 Hektar), Esslingen (189 Hektar) und Ludwigsburg (174 Hektar). „In den industriellen Kernzonen um Stuttgart, Ludwigsburg/Kornwestheim und Waiblingen/Fellbach steht selbst bei Umsetzung aller geplanten Gebiete absehbar kein ausreichendes Flächenangebot für die nächsten fünf Jahre zur Verfügung“, so WRS-Geschäftsführer Walter Rogg. „Wenn die positive Entwicklung so weitergeht, und die Konjunkturprognosen sprechen dafür, dann wird es auch im Rems-Murr-Kreis bei den Gewerbeflächen in den nächsten Jahren knapp.“
  • Der Regionalplan weist im Rems-Murr-Kreis ein Potenzial von 147 Hektar an Industrie- und Gewerbeflächen aus. Sofort verfügbar sind aber lediglich 17 Hektar. Dieses Potenzial auch auszuschöpfen, ist das Ziel der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Die größten Flächenpotenziale gibt es im Mittelbereich Schorndorf (60 Hektar) sowie in Waiblingen/Fellbach (50 Hektar). Im Raum Waiblingen/Fellbach war die Nachfrage in den vergangenen fünf Jahren am höchsten.
  • Den größten Bedarf an Gewerbeflächen in der Region melden die Betriebe für Logistik (33 Prozent) und Produktion (20 Prozent) an. Auf Verwaltung inklusive Forschung und Entwicklung entfielen 14 Prozent. Die größte Nachfrage nach Flächen stammt von Betrieben am Ort und aus der näheren Umgebung bis zu 14 Kilometer im Umkreis, wie eine Auswertung der WRS aus den vergangenen Jahren zeigte.
  • WRS-Standortmanager Matthias Lutz fordert die 31 Kommunen im Kreis auf, ihre regionalen Gewerbeschwerpunkte „jetzt schnellmöglichst umzusetzen.“ Das seien vor allem „Lerchenäcker 3“ in Backnang, „Weiler-Nord“ in Schorndorf. „Hertmannsweiler’“ in Winnenden sowie „Waiblingen West“ in Waiblingen. „Außerdem müssen wir uns verstärkt mit Innenentwicklungsthemen beschäftigen, das heißt Wiedernutzung von Brachen und die Aufwertung ganzer in die Jahre gekommener Gewerbegebiete.“
  • Probleme bei der Umsetzung dieser Forderungen sieht Matthias Lutz in folgenden Punkten: Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung und in den Gemeinderäten, sehr geringe Arbeitslosenquote und damit ein scheinbar geringer Handlungsdruck, sehr hohe Gewerbesteuereinnahmen sowie Eigentümer, die ihre Grundstücke nicht verkaufen wollen.