Waiblingen

Wirtschaftsministerin zu Besuch bei der Fellbacher Firma Wittenstein

Wirtschaftsministerin
Eine gute Zuhörerin: Nicole Hoffmeister-Kraut im Gespräch mit Wittenstein-Mitarbeiter Dr. Peter Stephan. © Palmizi/ ZVW

Fellbach. Sie wird jetzt allseits neugierig beäugt. Fast niemand hatte Nicole Hoffmeister-Kraut auf dem Zettel, als es darum ging, das Landes-Wirtschaftsministerium zu besetzen – kaum hatte sie den Job, schwärmten alle: verblüffend gute Wahl. Derzeit stellt sie sich Unternehmern landauf, landab vor bei einer Sommerreise. Am Donnerstag war sie bei Wittenstein in Fellbach.

An den richtigen Stellen beeindruckt die Brauen hochziehen, an den richtigen Stellen konzentriert die Stirn runzeln, an den richtigen Stellen interessiert nachfragen, an den richtigen Stellen lachen: Ob jemand seinen Job draufhat, entscheidet sich natürlich nicht daran – gleichwohl, derlei gehört unbedingt zum Portfolio wirtschaftsministerieller Sekundärtugenden. Denn das erwarten die Unternehmer, Tüftler, Innovatoren im Land von diesem Amt: dass da jemand ist, der ihnen das Leben nicht schwermacht, sondern Verständnis zeigt und Hürden wegräumt.

An diesem Donnerstag gastiert Nicole Hoffmeister-Kraut bei der Firma Wittenstein in Fellbach, danach geht sie zu Airbus nach Lampoldshausen, schließlich wird sie den Stadtumbau Schwäbisch Gmünd besichtigen, wo OB Richard Arnold sie gewohnt fulminant zutexten wird, wie genial seine Stadt ist. Mit Männern klarkommen, wichtigen Männern, die es gewohnt sind, dass man ihnen zuhört und nicht dauernd widerspricht – auch das gehört jetzt zu ihrem Job. Am Vortag war sie beim Unternehmer-Storren Martin Herrenknecht, der so ist wie seine Tunnelbohrmaschinen: Es gibt nur einen Gang, den Vorwärtsgang. S-21-Gegner hat er schon als Würstchen bezeichnet. Zur Ministerin sagte er: „Sie sitzen auf einem heißen Stuhl, Madame“, es klang halb nach väterlicher Fürsorge, pass auf dich auf, mein Kind, halb nach jovial getarntem Muskelspiel, Mädel, komm uns Platzhirschen bloß nicht ins Gehege. Hoffmeister-Kraut, so hört man, habe gelächelt.

300 Millionen Jahresumsatz

Jetzt also Wittenstein. Im Foyer schüttelt sie Hände und redet wildfremde Leute gleich mit Namen an. Man fragt sich, wie sie das bloß macht, bis einem einfällt: Ach so, ich hab ja ein Namensschildchen angesteckt bekommen – aber Moment, ich hab gar nicht gemerkt, dass sie draufgeschaut hat! Schnelle Auffassungsgabe offenbar.

Die Wittenstein-Gruppe hat weltweit rund 2000 Beschäftigte, macht 300 Millionen Jahresumsatz, baut elektromechanische Antriebssysteme und fertigt hier in Fellbach Zahnräder, die unter anderem in Luft- und Raumfahrt verbaut werden. Ein Mitarbeiter erzählt von „smart factory“, „cyberphysischen Systemen“, „digitaler Intralogistik“ – und während der Journalist längst erschöpft aufgegeben hat, stellt die Ministerin tatsächlich Fragen, die darauf schließen lassen, dass sie folgen kann.

In der Werkshalle zeigt eine digitale Plantafel an, welche Maschine wann verfügbar ist, wo welche Teile gebraucht werden, welcher Arbeitsauftrag als Nächstes zu erledigen ist. Aber was, wenn eine Maschine ausfällt? Wie erfährt das Planungssystem das? Sind all die Geräte mit Sensoren, Mikroprozessoren ausgestattet, die jede Panne ans digitale Superhirn melden? So hätte man es machen können. Nur hätte es zwei Jahre gedauert, alles aufzurüsten; und eine siebenstellige Summe gekostet.

Also heckten sie bei Wittenstein eine andere Lösung aus. Binnen einer Woche. Für tausend Euro. Das topinnovative Produkt – es handelt sich um einen sagenhaft komplex gebauten Sensor – heißt Mensch: Die Leute an den Maschinen wurden mit iPads ausgestattet, geben, wenn was klemmt, eine Fehlermeldung ein, und die fließt direkt ins Planungssystem.

Wirtschaft und Wissenschaft sollten enger zusammenarbeiten

Das ist jetzt Nicole Hoffmeister-Krauts Klientel: Leute, die gewohnt sind, dass Probleme gelöst werden; und zwar nicht nach dem Motto „Ich kümmer’ mich drum, Chef; in zwei Jahren“. Dr. Manfred Wittenstein allerdings ist ein grundstürzend anderer Typ als der Tunnel-Macho Herrenknecht: sitzt oft einfach bloß da und hört zu, während Mitarbeiter erzählen; macht sich phasenweise quasi unsichtbar. Schließlich sagt er doch was, vornehm leise: Er wünsche sich, dass Wirtschaft und Wissenschaft enger zusammenarbeiten; er hätte es zum Beispiel gerne, dass mal ein Uni-Professor seinen Arbeitsplatz hierher in den Betrieb verlegt für ein Forschungssemester. „Kein einfaches Thema, keine Frage“, sowieso sei da wohl eher das Wissenschaftsministerium zuständig. „Das ist nur so ein Anliegen aus meiner Sicht.“ Hoffmeister-Kraut lächelt. Sie sagt: „Ist angekommen.“

Was erfährt ein Journalist bei solch einem Termin? Natürlich fast überhaupt nichts. Es ist ja alles nur ein Beschnuppern und Vorbeihuschen, durchritualisiert vom Händeschütteln über Häppchen und Werksführung bis zum abschließenden „Ich bin hochbeeindruckt“ hier und „ganz herzlichen Dank, dass Sie sich interessiert gezeigt haben“ da. Hat CDU-Personalplaner Thomas Strobl diese Frau ausgewählt, weil sie tatsächlich so gut ist, eine „Rakete“, wie er sagt? Oder weil sie sich schlicht gut macht als waches, modernes, patentes, unideologisches weibliches Gesicht in einer oft immer noch arg männlichen Partei? Keine Ahnung – nur so viel: Null verschüchtert wirkt sie, und nicht die Bohne aufgeblasen; total unmanieriert. Zieht die Brauen hoch, runzelt die Stirn, fragt nach, lacht. Erster Eindruck: stark. Das Weitere wird sich weisen.

Zur Person:

Nicole Hoffmeister-Kraut, 43, aus Balingen, studierte BWL in Tübingen und promovierte an der Uni Würzburg. 2001/2002 war sie Praktikantin bei der Investmentbank Morgan Stanley in London, danach arbeitete sie bis 2005 bei der Unternehmensberatung Ernst & Young in London und Frankfurt. Seit 1998 ist sie Gesellschafterin und seit 2014 Aufsichtsratsmitglied des Waagen- und Kassen-Herstellers Bizerba GmbH & Co KG. Seit 2009 ist Nicole Hoffmeister-Kraut Mitglied der CDU. Sie hat drei Töchter im Alter von acht, zehn und 14 Jahren.