Waiblingen

Wo bist du? Vermisstenfälle im Rems-Murr-Kreis

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Welche Qualen Angehörige durchleiden, ist schwer nachfühlbar. © Pixabay/CC0 Public Domain

Waiblingen. Vermisstenfälle bewegen die Menschen. Vor allem dann, wenn es um Kinder geht. Ganz Stuttgart geriet in Aufruhr, als diese Woche ein sechsjähriger Junge verschwand. Er ist wohlbehalten wieder da. Die meisten Vermisstenfälle klären sich schnell, und einige wertet die Polizei gar nicht als solche. Denn Erwachsene dürfen einfach weggehen, auch wenn ihre Familie das kaum aushält. Im Schnitt hat es die Polizei im Rems-Murr-Kreis mit einem Vermisstenfall pro Tag zu tun.

„Viele Fälle erledigen sich sofort“, sagt Polizei-Pressesprecher Rudolf Biehlmaier. Ein Kleinkind taucht ganz schnell wieder auf, ein Jugendlicher meldet sich telefonisch: Möglich ist alles.

Im Fall des sechsjährigen Stuttgarter Jungen dauerte es eine ganze Nacht, bis seine Angehörigen aufatmen konnten. Am Montag war der Grundschüler nicht zur Verabredung mit seiner Mutter erschienen. Es folgte ein Großeinsatz der Polizei; mit Hunden und Hubschrauber suchte eine Vielzahl von Einsatzkräften, unterstützt von Anwohnern, nach dem Buben. Am Morgen danach fand ihn eine Erzieherin schlafend in seiner früheren Kindertagesstätte. Dort hatte der Junge wohl einen Besuch gemacht und war dann versehentlich eingeschlossen worden.

Inga ist seit drei Jahren verschwunden

Etwa gleich alt wie Lucas war Inga, als sie verschwand. Das Foto des Mädchens ist seit langer Zeit auf den Internetseiten des Bundeskriminalamts zu sehen. Im Mai werden es drei Jahre, seit das Mädchen verschwunden ist. Eine Belohnung von 25 000 Euro ist ausgesetzt für Hinweise, die zum Auffinden des Mädchens führen.

Ebenfalls noch immer vermisst ist die achtjährige Lara – zumindest offiziell. Der Fall hat sich als Entführungsdrama nach einem Sorgerechtsstreit der Eltern entpuppt.

Tragischer Vermisstenfall in Backnang

Im Rems-Murr-Kreis betraf der jüngste Vermisstenfall mit schlimmem Ausgang eine 22-jährige Frau aus Backnang-Strümpfelbach. Familienmitglieder hatten die Frau Mitte November 2017 vermisst gemeldet, nachdem sie nicht mehr erreichbar gewesen war. Eine Woche später fand man die Leiche der ermordeten Mutter auf einem Gartengrundstück im Kreis Ludwigsburg.

In diesem Fall hatten sich die Hinweise schnell verdichtet, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handeln könnte. Wird ein Erwachsener vermisst gemeldet, gibt es eine Reihe von Fragen zu klären – aus Polizeisicht vor allem diese: Braucht der Mensch Hilfe, könnte er sich selbst oder andere gefährden – oder ist er verschwunden, weil er verschwinden wollte? So selten kommt das gar nicht vor. Erwachsene dürfen gehen, wohin sie wollen, und sie müssen keinem Tschüss sagen. Erst neulich, erzählt Rudolf Biehlmaier, erschien ein Mann einfach nicht in seinem Betrieb. Es gab keinen Brief, kein Zeichen, nichts. Tage später stand der Mann vor der Tür und erklärte, er habe einfach mal Luft gebraucht.

1000 Fälle pro Jahr

Im Schnitt hat es die Polizei im Rems-Murr-Kreis laut Sprecher Rudolf Biehlmaier mit einem Vermisstenfall täglich zu tun. Etwa 1000 Vermisstenfälle pro Jahr kommen im Polizeipräsidium Aalen zusammen, das für die Landkreise Rems-Murr, Ostalb und Schwäbisch Hall zuständig ist.

Öfter finden beispielsweise an Demenz erkrankte Senioren nicht ins Heim zurück. Polizeihubschrauber werden angefordert, Wärmebildkameras genutzt – Eile ist geboten, besonders im Winter.

Zu einer Öffentlichkeitsfahndung entschließen sich die Behörden in solchen Fällen vergleichsweise schnell. Öffentlichkeitsfahndung bedeutet, die Polizei gibt ein Foto und den vollen Namen des Gesuchten heraus. Ein Staatsanwalt wird sein Okay dafür nur geben, wenn der Fall es rechtfertigt. Eine Öffentlichkeitsfahndung bedeutet einen tiefen Einschnitt in die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen; aus dem Internet werden Foto und Name später nicht mehr zu tilgen sein.

„Streuner“ nehmen sich regelmäßig eine Auszeit

Bei Jugendlichen dürften die Behörden zurückhaltender mit Öffentlichkeitsfahndungen umgehen. Handelt es sich um „Streuner“, wie die Polizei sie nennt, wird die Öffentlichkeit nichts von diesem Fall erfahren. Streuner sind Jugendliche, die regelmäßig eine Zeit lang verschwinden, etwa aus Einrichtungen der Jugendhilfe.

Auf welche Weise die Polizei mit Vermisstenfällen umgeht, ist individuell ganz verschieden. Freunde, Angehörige, andere Menschen im Umfeld abklopfen, „Hinwendungsorte“ abchecken, konkrete Suchaktionen starten – „ein bunter Strauß von Maßnahmen“ kommt zum Einsatz, wie Ulrich Heffner sagt, Sprecher am Landeskriminalamt. Der älteste nicht geklärte Vermisstenfall datiert aus dem Jahr 1958, berichtet der Sprecher.

Seit vielen Jahren fehlt jede Spur

Auf den Internetseiten der Polizei Baden-Württemberg sind mehrere Vermisstenfälle beschrieben. Ein Mann, 1972 geboren, wurde letztmals im August 1997 gesehen. Seit zwölf Jahren fehlt eine Frau aus dem Ortenaukreis, die 1983 geboren ist. Am Heiligen Abend 2011 hat ein damals 25-Jähriger seine Wohnung verlassen – und kam nicht zurück. Von einem damals nicht ganz dreijährigen Jungen aus Oftersheim fehlt bis heute jede Spur: Sein Vater hatte das Kind nach einem Besuchswochenende nicht zur Mutter zurückgebracht. Der Vater wurde später tot in einem Waldstück gefunden. Er hat sich mutmaßlich das Leben genommen.

All diese Fälle gehen zu Herzen. Anlässlich von Jahrestagen graben Medien immer wieder gern die alten Fälle aus. Privatsender widmen ganze Sendungen der Suche nach vermissten Menschen.

Das tiefe Leid der Betroffenen selbst hört unterdessen nie auf. Die Mutter des Mannes, der seit 1997 vermisst ist, hat ihrem Sohn eine Homepage gewidmet. Sie halte an der Hoffnung fest, schreibt die Frau – und: „Die Ungewissheit ist schwer zu ertragen.“


Abgleich mit Datenbanken

Der Begriff „Langzeitvermisste“ ist nicht definiert, sagt Ulrich Heffner, Sprecher am Landeskriminalamt. Zum Stichtag 2. Januar 2018 seien in Baden-Württemberg 1415 Menschen vermisst gemeldet gewesen. Die Zahl sowie ein Vergleich von Zahlen zu Stichtagen sagt nicht viel aus: Alle paar Minuten ändert sie sich.

Die Polizei greift beim Abgleich von Personendaten auf eine bundesweite Datei zurück, welche Daten von unbekannten Toten und Vermissten enthält.

Immer mal wieder kommt es laut Ulrich Heffner vor, dass Menschen von einer Bergtour nicht zurückkommen und lange Zeit vermisst gemeldet bleiben, weil die Natur den Leichnam viele Jahre später erst freigibt.

Erst seit Anfang der 1990er Jahre ist die DNA-Analyse „probates Mittel“, um eine Person zu identifizieren.

Zum Stichtag 1. Oktober 2017 waren in Deutschland 14 903 Menschen vermisst gemeldet. In der Zahl enthalten sind auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Die Zahl hat die Deutsche Presseagentur unter Berufung aufs Bundeskriminalamt veröffentlicht.

Diesen Informationen zufolge erledigt sich ungefähr die Hälfte der Vermisstenfälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist erreiche dieser Wert dann schon mehr als 80 Prozent. Der Anteil der Menschen, die länger als ein Jahr vermisst würden, bewege sich bei nur etwa drei Prozent.