Waiblingen

Wohnungen heizen mit Abwasser: Erste Bauprojekte laufen im Rems-Murr-Kreis

Abwasserkanal Wärmetauscher
In einem Abwasserkanal in Fellbach wurden Wärmetauscher installiert. © Firma Uhrig

Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist klar: Wir müssen anders heizen, nicht wie bislang in sehr vielen Häusern mit Erdgas. Die Wärmewende muss viel schneller gehen. Oft liegt der Fokus dabei auf Wärmepumpen, deren Hersteller sich vor Aufträgen kaum retten können. Oder auf Fernwärme.

Weniger bekannt ist, dass Wärme auch aus Abwasser, aus der Kanalisation gewonnen werden kann. In Fellbach und Winnenden laufen entsprechende Bauprojekte. Und in Waiblingen?

Eine abschließende Antwort dazu kann die Stadtverwaltung derzeit nicht geben. Der Fachbereich städtische Infrastruktur und die Stadtwerke Waiblingen beschäftigten sich aber „immer wieder mit den Themenfeldern“, so das Rathaus. Laut Bernhard Zipp, Bereichsleiter Technik bei den Stadtwerken Waiblingen, wird momentan noch keine Wärme aus Abwasser gewonnen.

Bisherige planerische Ansätze seien „an der technischen Machbarkeit und/oder wirtschaftlichen Realisierbarkeit gescheitert“. Bei jeder Maßnahme werde allerdings die Einbindung regenerativer Energien in die Wärmeerzeugung untersucht.

Wie funktioniert die Technik?

In Winnenden soll im kommenden Frühjahr mit dem Bau von sechs Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 56 Eigentumswohnungen begonnen werden, heißt es auf der Internetseite von Projektbau Pfleiderer. Beheizt werden sollen sie mit Abwasser-Wärme.

Wie das funktioniert? „Die Stadtwerke Winnenden werden hierfür in den neu verlegten Abwassersammler auf einer Länge von circa 130 Metern ein Wärmetauschersystem einbauen, wodurch die im Abwasser enthaltene Wärme (Durchschnittstemperatur circa 10˚C) zurückgewonnen werden kann“, so ein Bericht in „Blickpunkt Winnenden“.

Und weiter: „Bei diesem modularen Kanalwärmetauschersystem fließt zukünftig das warme Abwasser über die Wärmetauscher, die mit einem Arbeitsmedium (Wasser/Frostschutzmittel) gefüllt sind. Dabei gibt das Abwasser Energie an die kühlere Flüssigkeit ab und wärmt sie auf. Diese gewonnene Wärme ist 100 Prozent regenerativ. Mittels einer Wärmepumpe wird die gewonnene Wärme anschließend auf ein Temperaturniveau angehoben, die für das Heizen und den Warmwasserverbrauch im ‘Gerberviertel Plus’ zur Verfügung steht. Die für den Betrieb der Wärmepumpe erforderliche elektrische Energie wird aus den Photovoltaikanlagen auf den Gebäudedächern generiert und ergänzend aus Ökostrom (100 Prozent Wasserkraft) von den Stadtwerken Winnenden bezogen.“

Fellbach: Projekt "Wiesenäcker" der WDF mit Abwasser-Wärme

Auch in Fellbach läuft ein Bauprojekt, bei dem der Abwasserkanal als Wärmequelle genutzt wird. 106 Wohnungen entstehen unter dem Namen „Wiesenäcker“. Die Wärmetauscher sind bereits im Kanal installiert worden. Im Frühjahr 2022 habe man eine Kanalbegehung durchgeführt, „um das Kanalprofil zu ermitteln, da der Abwasserwärmetauscher speziell an die Form des Fellbacher Abwasserkanals angepasst und dementsprechend hergestellt werden muss“, so die Stadt Fellbach auf Anfrage. „Der Abwasserwärmetauscher wurde im Juli dieses Jahres in den Kanal eingebracht. Die Installation kann nur durchgeführt werden, wenn es einige Tage lang keinen nennenswerten Niederschlag gegeben hat und keine großen Abflussmengen vorhanden sind. Dieses Unterfangen war für alle Beteiligten am Projekt sehr spannend, da natürlich nicht jeden Tag ein solch interessantes Wärmeversorgungskonzept umgesetzt wird.“

Denn, so die Stadt: „Es handelt sich um ein sehr komplexes Themengebiet, auf das - nach unserem Kenntnisstand - nur wenige Fachfirmen spezialisiert sind. Aufgrund der hohen technischen Anforderungen haben wir uns dafür entschieden, das Projekt gemeinsam mit der Uhrig Energie GmbH durchzuführen. Das Unternehmen hat bereits mehrfach Projekte mit Abwasserwärme umgesetzt. Wir sind bereits seit über einem Jahr mit dem Unternehmen in Kontakt, um eine optimale Planung und Auslegung der Abwasserwärmetauscher zu gewährleisten.“

Das Abwasser muss auch in der Kläranlage noch warm genug sein

Rein theoretisch, so die Verwaltung weiter, reiche die Wärme aus dem Abwasser „locker für die Wärmegewinnung des Gebäudes aus“.

Allerdings müsse das Abwasser, das in der Kläranlage ankommt, weiterhin eine bestimmte Temperatur haben, damit die verschiedenen Prozesse dort ablaufen können. „So wird für die Wärmegewinnung das Abwasser nur um etwas weniger als ein Grad abgekühlt. Wir nutzen in den Gebäuden daher außerdem Wärmepumpen, die ihren Strom über Photovoltaikanlagen bekommen. Im Gebäude wird auch eine thermische Solaranlage im Sommer für warmes Wasser sorgen. Bei der Versorgung wird komplett auf fossile Energie verzichtet.“

Andere Bauprojekte mit Abwasser-Wärme gibt es auch in Fellbach noch nicht. „Die Möglichkeit wird aber immer mitgeprüft, und sollten die Voraussetzungen zutreffen, sicher wieder realisiert“, so die Stadt. Die Stadtwerke Fellbach erarbeiteten bei jedem Bauprojekt des städtischen Wohnbauunternehmens WDF ein individuelles Energiekonzept. „Die Zielsetzung ist immer, möglichst wenig fossile Energie zu verwenden und auf regenerative Alternativen zu setzen.“

Da bisher aber kein Wohnprojekt in der Nähe der Hauptabwasserleitung geplant ist, könne man auch das Abwasser nicht nutzen. „Die Gewinnung von Wärme aus Abwasser ist von bestimmten Faktoren abhängig. Grundsätzlich muss der Abwasserkanal auch in trockenen Zeiten genügend Flüssigkeit enthalten, um Wärme gewinnen zu können, und außerdem sollten kurzen Wege möglich sein. Der Weg von der Wärmequelle zum Verbraucher ist hier idealerweise möglichst gering. Das Bauprojekt Wiesenäcker ist für diese alternative Wärmegewinnung prädestiniert: Das Bauprojekt liegt nur wenige Meter vom Hauptwasserkanal entfernt, der immer genügend Flüssigkeit transportiert - also sehr gute Voraussetzungen.“

Waiblingen: Biogas aus der Kläranlage

Aus dem, was das Abwasser so mit sich führt, wird auch in Waiblingen schon heute Energie erzeugt. In den Kläranlagen in Waiblingen und in Hegnach „wird im Faulturm Klärschlamm ausgefault“, so die Stadt. Mit dem gewonnenen Gas werden Blockheizkraftwerke betrieben, die Strom beziehungsweise Wärme für das Fernwärmenetz erzeugen.

Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist klar: Wir müssen anders heizen, nicht wie bislang in sehr vielen Häusern mit Erdgas. Die Wärmewende muss viel schneller gehen. Oft liegt der Fokus dabei auf Wärmepumpen, deren Hersteller sich vor Aufträgen kaum retten können. Oder auf Fernwärme.

Weniger bekannt ist, dass Wärme auch aus Abwasser, aus der Kanalisation gewonnen werden kann. In Fellbach und Winnenden laufen entsprechende Bauprojekte. Und in

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