Waiblingen

Yvans Mörder kommt erstmal nicht frei

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Stetten  Karl - Mauch - Sporthalle Eingang
Gedenken an den getöteten Schüler und begeisterten Handballer Yvan Schneider. © Pavlovic / ZVW
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mord - platz  Yvan Schneider  obstwiese  - vila rustica  - rommelshausen am 31-08-2007
"Warum?" steht auf einer Karte, abgelegt an der Stelle an der Streuobstwiese, an der Yvan kaltblütig ermordet wurde. © Pavlovic
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Mordprozess
Februar 2008, Verhandlung am Landgericht Stuttgart: Zur Erinnerung an Yvan trugen seine Freunde Pullover mit der Rückennummer des talentierten Handballers © Schneider
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Bei der ersten Gedenkfeier 2008 zum Todestag von Yvan Schneider stiegen weiße und schwarze Luftballons in den Himmel auf.

Kernen. Der Mörder von Yvan Schneider hat seine zehnjährige Haftstrafe verbüßt. Freigekommen ist er aber nicht. Er ist am 15. August in die Psychiatrie verlegt worden. Parallel dazu hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart seine nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt. Kann dies das zutiefst verletzte Gerechtigkeitsempfinden von Hinterbliebenen und Freunden des am 21. August 2007 brutal aus den Leben gerissenen Yvan Schneiders zumindest ein wenig heilen? Der grundstürzende Schmerz, die Trauer bleiben.

Deniz E., der nach Jugendstrafrecht zu zehn Jahren Haft rechtskräftig verurteilte Haupttäter des brutalen Mords an Yvan Schneider, kommt nicht auf freien Fuß. Darin sind sich alle mit dem Fall befassten Gerichte und die Staatsanwaltschaft einig.

„Ich gehe davon aus, dass der Verurteilte nach vollständiger Strafverbüßung auch ohne rechtzeitige Entscheidung der Strafvollstreckungskammer Pforzheim von der Staatsanwaltschaft in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden wird“, so Jochen Herkle, Vorsitzender Richter am Landgericht Karlsruhe vor wenigen Tagen. Und so kam es denn auch. Am 15. August wurde Deniz E. aus der JVA in die Psychiatrie verlegt.

Nachträgliche Sicherheitsverwahrung beantragt

Das Landgericht Stuttgart hatte im März 2008 Deniz E. nicht nur zu einer Haftstrafe verurteilt, sondern auch seine Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. „Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ist grundsätzlich unbefristet. Sie endet erst, wenn sie von der zuständigen Strafvollstreckungskammer für erledigt erklärt wird. Ein rechtskräftiger Beschluss der Strafvollstreckungskammer Pforzheim hierzu steht bislang noch aus“, erläutert ein Gerichtssprecher. „Also musste nach Verbüßung der Haft auf jeden Fall die Verlegung in eine psychiatrische Einrichtung folgen“, ergänzt Jan Holzner, Erster Staatsanwalt in Stuttgart.

Parallel dazu hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart aktuell in einem neuen Verfahren beim Landgericht Stuttgart beantragt, nachträgliche Sicherungsverwahrung gegen Deniz E. anzuordnen, bestätigen Herkle, Holzner und auch Benjamin Bäßler, Richter am Landgericht Stuttgart. „Wir sind der Auffassung, dass E. eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt und nicht frei gelassen werden sollte, ganz unabhängig von seinem psychiatrisch zu bewertenden Zustand“, sagt Jan Holzner.

Ist der Täter psychisch krank - oder nicht?

Nach seiner Verurteilung war Deniz E. 2008 bereits einmal in die Psychiatrie gekommen, aber die Ärzte dort hatten bald Zweifel gehegt: Man müsse „davon ausgehen“, dass der junge Mann „nicht psychisch krank“ sei. Bereits während des Prozesses hatten viele Beobachter gemutmaßt, E. spiele der Öffentlichkeit nur etwas vor, um ein milderes Urteil zu erwirken. In der Untersuchungshaft vor der Verhandlung hatte er einem Zellengenossen erzählt, er wolle „im Notfall auf psychisch machen“. Jedenfalls: Ende 2009 wurde er in normale Haft verlegt. Oder hat er eben doch eine psychische Störung und ist aufgrund dieser Krankheit nach wie vor eine Gefahr für andere? Im Juni 2017 hatte sich die Strafvollstreckungskammer Pforzheim mit dieser Frage zu befassen und kam zur Antwort: Ja. Das Gericht ordnete an: E. sei nach Haftende in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung unterzubringen.

Deniz E. legte „sofortige Beschwerde“ ein, und Mitte Juli 2017 entschied das Oberlandesgericht Karlsruhe: Die zuständige Pforzheimer Kammer müsse den Fall noch einmal neu aufrollen. Es sei nach wie vor „infrage gestellt“, ob wirklich „ein psychischer Defektzustand“ vorliege. Auf Beschluss des Oberlandesgerichts Karlsruhe wurde deshalb ein kriminalprognostisches Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses steht noch aus.

 

Zwei laufende juristische Vorgänge verhindern erstmal die Freilassung

Das bedeutet salopp gesagt: Zwei laufende juristische Vorgänge verhindern die Freilassung des Deniz E.. Einmal die ausstehende psychiatrische Begutachtung, einmal der Antrag auf nachträgliche Sicherheitsverwahrung. Fakt ist jedenfalls: Deniz E. ist nach Verbüßung seiner zehnjährigen Haftstrafe, nicht frei, sondern wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Dort bleibt er vorerst, bis das kriminalprognostische Gutachten vorliegt und verhandelt wird. Wird er als nicht psychisch krank und/oder therapierbar eingestuft – die (Neu-)Einstufung könnte dann jeweils jährlich erfolgen –, so könnte eine nachträgliche Sicherheitsverwahrung greifen.

 

Das letzte Quäntchen Unsicherheit

Ein letztes Quäntchen Unsicherheit bleibt also und reißt neue Wunden in die Seelen der Hinterbliebenen und Freunde des brutal ermordeten Yvan Schneider. Sie gedenken seiner am zehnten Jahrestag der Ermordung, dem 21. August. Es findet ein Gedenkmarsch zum Tatort bei der Villa Rustica statt. Treffpunkt ist um 19 Uhr wie immer an der Rumold-Sporthalle (Realschule Rommelshausen). „Wir werden Yvan gedenken, Luftballons steigen lassen, besinnlicher Musik lauschen und danach in Stetten im Vereinsheim zusammensitzen“, teilen die Organisatoren um Clemens Koch mit.


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Der Fall Yvan Schneider

Der damals 19-jährige Schüler und Handballer Yvan Schneider wurde am 21. August 2007 im Streuobstwiesengebiet nahe der Villa Rustica in Rommelshausen von einer 16-jährigen Bekannten unter einem Vorwand in einen Hinterhalt gelockt und brutal ermordet. Die 16-Jährige war in einer von Eifersucht und Besessenheit gekennzeichneten Beziehung zum Haupttäter Deniz E. (damals 18) gefangen. Deniz E. glaubte, dass die 16-Jährige mit Yvan Schneider eine intime Beziehung gehabt habe. Zusammen mit einem russlanddeutschen Freund (18) schlug Deniz E. unvermittelt mit dem Baseballschläger auf Yvan Schneider ein. Sie töteten ihn in einer wahren Gewaltorgie.

Am 27. August 2007 alarmierte die Bewohnerin eines Mehrfamilienhauses in Stuttgart-Gablenberg die Polizei, weil sie sich über den zunehmenden Verwesungsgeruch wunderte. Die Polizei fand in der verdreckten und verwahrlosten Wohnung im Untergeschoss die Blutspuren und Hinweise, dass eine Leiche zerstückelt und die Teile in Zement einbetoniert worden waren. Die Polizei nahm vier Tatverdächtige fest; aufgrund ihrer Hinweise entdeckten am 29. August 2007 Polizeihunde den Tatort in Rommelshausen. Am 30. August 2007 bargen Taucher die in Beton eingegossenen Leichenteile von Yvan Schneider aus dem Neckar.

Die Urteile vom März 2008: Zur Jugend-Höchststrafe, nämlich zehn Jahre Haft, hat das Landgericht den Haupttäter Deniz E. verurteilt.

Der russlanddeutsche Mitangeklagte bekam ebenso nach Jugendstrafrecht neun Jahre Haft.

Die 16-Jährige, die Yvan Schneider in den Hinterhalt gelockt hatte, wurde zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt – genauso wie ein weiterer Mitangeklagter, der bei der Strafvereitelung geholfen hatte.

Alle Mitangeklagten sind bereits auf freiem Fuße, bestätigt die Staatsanwaltschaft Stuttgart.