Waiblingen

Zahnarzt Szkudlarek übergibt die Praxis - als er Zahngold von Patienten einschmelzen lässt, kann er den Wert kaum glauben

Dr. Szkudlarek
Der Noch-Inhaber der Praxis: Friedrich Szkudlarek. © Benjamin Büttner

Generationen von Waiblingern lagen in der Zahnarztpraxis Szkudlarek auf dem Behandlungsstuhl, ließen sich Weisheitszähne ziehen, Kronen setzen – oder entfernen. Noch verabschiedet sich Dr. Friedrich Szkudlarek nicht ganz in den Ruhestand, tritt aber kürzer. Aus Anlass der nahenden Praxisübergabe ließ er alles von Patienten gespendete Zahngold einschmelzen. Als er am Telefon vom hohen Wert des reinen Goldes erfuhr, konnte er es nicht glauben: „Können Sie das bitte wiederholen?“, lautete seine erste Reaktion.

1991 übernahm Friedrich Szkudlarek die Praxis in der Heinrich-Küderli-Straße von seiner Mutter Charlotte, die sie 1952 gegründet hatte. Im Lauf der knapp 30 Jahre kam es immer wieder vor, dass Patienten, denen Zahnkronen entfernt wurden, von sich aus fragten, ob es denn in der Praxis nicht eine Spendenbüchse gäbe, damit das Gold für einen guten Zweck verwendet werden kann. Die gab es – und dort sammelten sich mit der Zeit Zahnkronen mit einem Gewicht von mehr als drei Kilo. Was aber tun mit diesen leicht muffelig riechenden Klumpen von Zähnen und Edelmetall?

So manches glücklich geschiedene Paar weiß: Eine Scheidung kostet Geld, kann sich in manchen Fällen aber lohnen. In jedem Fall trifft das bei größeren Mengen Zahngold zu. Die Scheidungskosten werden vom Erlös weit übertroffen. Die Spezialfirma Heraeus-Kulzer verspricht das Beste aus dem Scheidgut – laut Internetseite samt „Altgold, Gekrätz und Feilung“ – herauszuholen. Im Fall Szkudlarek verzichtete sie obendrein auf die Scheidungskosten, zumal es sich ja um Patientenspenden für soziale Zwecke handeln sollte. Als der 61-Jährige den Endbetrag erfuhr, konnte er es kaum fassen: 75 000 Euro für rund anderthalb Kilo reines Gold!

Mit „Zahnärzte ohne Grenzen“ unterwegs im Himalaya

Seine Praxis übergibt Friedrich Szkudlarek zum Jahreswechsel an seinen jungen Kollegen Cezar Radoi. Dieser ist kein Unbekannter mehr in der Praxis, arbeitet bereits seit April mit. Der bisherige Inhaber zieht sich noch nicht vollends zurück, sondern bleibt an drei Tagen pro Woche halbtags verfügbar für die Patienten, „die unbedingt zu mir wollen“. Froh macht ihn die Perspektive, unliebsame Büroarbeit und Verwaltung loszuwerden und sich voll seiner eigentlichen, dentistischen Arbeit an den Patienten widmen zu können.

Viel Empathie wurde ihm seit Bekanntwerden der Praxisübergabe entgegengebracht: „Ich habe viele liebe und treue Patienten.“ Neben professioneller Arbeit sei Einfühlungsvermögen auch ihm selbst stets wichtig gewesen. Den Patienten auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch anzusprechen, könne die Angst vor dem Zahnarzt lindern. So zu verfahren, „als ob ich selbst auf dem Behandlungsstuhl sitzen würde“, war sein medizinischer Imperativ. Glücklich konnte er sich schätzen, ein gutes Mitarbeiterinnen-Team zu haben. Ein Highlight war, als er bei einer Frau, die zwei Jahre unter mysteriösen Kopfschmerzen litt, ihren Biss so einstellte, dass die Beschwerden verschwanden.

Unvergesslich auch seine Zeit mit „Zahnärzte ohne Grenzen“ in Nepal. Zusammen mit einer Mitarbeiterin betrieb er einen „Dental Point“. Aus Dörfern des Himalaja-Gebirges kamen Menschen und nahmen zum Teil Tagesmärsche auf sich, um sich behandeln zu lassen. An einem Tag an einem entlegenen Außenposten hat er rund 200 Zähne gezogen und Menschen von quälenden Schmerzen befreit. An diese Organisation fließt eine größere Spende. Außerdem werden weitere Vereine und Institutionen bedacht, die persönlichem Bezug zu ihm selbst oder zu Waiblingen haben, namentlich die Jugendfarm, die Tafel, die Interessengemeinschaft „Das herzkranke Kind“, der Kinderschutzbund, das evangelische Jugendwerk und die Kirchengemeinde sowie das SOS-Kinderdorf, die Jugend-Anlaufstelle Schlupfwinkel Stuttgart und die Stiftung Lebenszeit zur Unterstützung der Hospizstiftung.

Nachfolger als Praxis-Inhaber wird im Januar der 33-jährige, in Stuttgart aufgewachsene Cezar Radoi sein, der nach einer Zeit als junger Pianist auf Top-Niveau am Mozarteum in Salzburg eine Ausbildung zum Zahntechniker absolviert, Zahnmedizin studiert und zuletzt bei einer zahnärztlichen Praxisklinik in Bietigheim-Bissingen gearbeitet hat. Beide haben sich seit ihrem Kennenlernen fachlich und menschlich „super verstanden“. Der jüngere Kollege will die Praxisräume renovieren lassen und einige neue Geräte nachrüsten – dann geht’s weiter. Nicht ohne Friedrich Szkudlarek, wie dieser betont: „Ich bin nicht weg.“

Generationen von Waiblingern lagen in der Zahnarztpraxis Szkudlarek auf dem Behandlungsstuhl, ließen sich Weisheitszähne ziehen, Kronen setzen – oder entfernen. Noch verabschiedet sich Dr. Friedrich Szkudlarek nicht ganz in den Ruhestand, tritt aber kürzer. Aus Anlass der nahenden Praxisübergabe ließ er alles von Patienten gespendete Zahngold einschmelzen. Als er am Telefon vom hohen Wert des reinen Goldes erfuhr, konnte er es nicht glauben: „Können Sie das bitte wiederholen?“, lautete seine

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