Waiblingen

Zeitreise durch Waiblingen: die Fronackerstraße

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Kinderparadies Fronackerstraße vor der Gärtnerei Winkler. © Winkler / Albrecht

Waiblingen. Neben manchem Haus dampfte der Misthaufen, im Hof des Metzgers wurde geschlachtet, und auf der wenig befahrenen Straße spielten die Kinder Treibball: Das war die Fronackerstraße in den fünfziger Jahren. Bei unserem Zeitreise-Rätsel schwelgen Leser in Erinnerungen und stellen fest: Schöner geworden ist die Straße nicht.

Obwohl im Vergleich zu unserem Rätselbild nur noch wenige Häuser stehen, hat die ganz große Mehrheit der Teilnehmer an der „Zeitreise“ richtig erkannt: Bei der „ruhigen Straße in Waiblingen“ handelt es sich um die Fronackerstraße, die heute für Parkplatz-Suchverkehr und Parken in zweiter Reihe fast schon berüchtigt ist. Markant findet sich auf dem Rätselbild im Hintergrund die alte AOK. Deren Chef namens Käser hat mit Familie oben drin gewohnt, erinnert sich Eugen Bauer. Aber fangen wir vorne links an: „Das Gebäude mit dem Holz neben dem Rebstock gehörte Gusti und Helmut Fischer“, weiß Bistro-Chef Bernard Begue und bestätigt, was auch von anderen zu hören ist: „In Fischers Haus gab es einen riesigen Gewölbekeller als Partykeller ausgebaut, den man mieten konnte. Wir feierten dort tolle Feste.“ Helmut Fischer war Vollerwerbs- und später Nebenerwerbs-Landwirt und Feldschütz bei der Stadt Waiblingen. Werner Fischer ist ein Patenkind des Hausbesitzers, hat dort quasi „innerhalb von Waiblingen Urlaub gemacht“ und kann sich an den Traktor noch gut erinnern: Ein alter Porsche war’s, mit 14 PS, einmal hat sich der Bauer damit überschlagen, aber wie durch ein Wunder ist ihm nichts passiert dabei.

Aus der Landwirtschaft wird der Spediteur „Boten-Gleich“

Das nächste Haus trug früher ebenfalls den Namen Fischer, wurde 1912 von Paul Fischer erbaut. Dessen Ur-Enkel Ronald Gleich vermutet, dass es zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits seiner Großmutter Martha Gleich (geborene Fischer) gehörte. Mitte der fünfziger Jahre gab die Familie die Landwirtschaft auf und betrieb von dort aus ein Fuhrunternehmen – die Spedition Hermann Gleich, umgangssprachlich bekannt als „Boten-Gleich“. Die Spediteure nahmen am Bahnhof die Post in Empfang und lieferten sie in der Stadt aus, außerdem verteilten sie die Zeitung. Das Büro des Unternehmens befand sich gegenüber auf der anderen Straßenseite. WKZ-Leser Hans Sauer schaffte 30 Jahre als Fahrer für die Spedition.

Schlachttag im Freien und der erste Fernseher

Natürlich weiß Ronald Gleich auch über das Nachbarhaus Bescheid, welches der Familie Kurt Seyerle gehörte. Dieser habe im Zweiten Weltkrieg erhebliche Verletzungen erlitten. „Er brauchte seinen Mittagsschlaf, den wir, sein Enkel Markus Schneider und ich, ihm oft genug durch diverse lärmbehaftete Spielereien raubten.“ Die Rabauken waren damals um die acht Jahre. Bis in die Siebziger fuhr Seyerle einen Zweitakt-DKW – „schon damals ein Unikum“. Außerdem in der Straße ansässig: die Glaserei Elsässer. „Die Firma Klingler übernahm diese Glaserei und siedelte später als Fenster-Klingler in den Ameisenbühl über“, schreibt uns Ingeborg Kuppinger. Die Straße hinauf folgten die Gärtnerei Winkler, die Häuser Grüninger und Winkler sowie vorne an der Ludwigsburger Straße der Metallbetrieb Reutter. An der Kreuzung geschah einst ein schwerer Unfall: Ein Landwirt kam mit seinem Sohn und mit dem Futterwagen die Ludwigsburger Straße herunter, in der Kurve gingen die Pferde durch oder scheuten – Vater und Sohn starben. Ingeborg Kuppinger und eine Freundin waren Zeugen des Unfalls: „So was vergisst man das ganze Leben nicht.“

Der erste Fernseher, den er zu Gesicht bekam

Erwähnt werden in den Rückmeldungen unserer Leser außerdem Bäcker Hönes, die Metzgerei Benhelm und die Flaschnerei Röger: Dort vor der Werkstatt-Tür hat Fotograf Schwarzmaier vermutlich gestanden. Axel Müller wohnte mit Familie in diesem Haus. „Außerdem wohnten noch die Familie Schwarz sowie die Eheleute Knapp im selben Gebäude. Der Heizungsbauer Knapp hat heute seinen Sitz im Eisental.“ Im Haus nebenan war ein Landwirt namens Bubeck ansässig, heute ein Spielcasino. Auch die Bubecks hatten hinter dem Haus einen Misthaufen. Da trafen sich bäuerliche Vergangenheit und Moderne, denn: Nachbarsfamilie Schulz hatte den ersten Fernseher, den Axel Müller zu Gesicht bekam. „Der war aber nicht gekauft, sondern man musste eine oder zwei Mark einwerfen – das war damals die Sensation für uns.“

Rätselbild: Ende der 50er?

Ebenfalls in der Fronackerstraße aufgewachsen ist Roland Merz, der sich an die „Kammerza“ (Weinranken) an den Häusern und an die Strohreste im Kandel erinnert. Durch die Gärtnerei führte ein Weg zur Marienstraße, von dort ging’s weiter zum Kindergarten in der Karlstraße. „Gruselig wurde es immer am Schlachttag, wenn im Metzgershof gearbeitet und die Sauen unter freiem Himmel abgebrüht wurden.“ Süße Stückle gab’s beim Hönes, im Kohlenhof hinter der Straße konnte man toben und sich tief einschwärzen. Wie die Kinder die Straße im Griff hatten, zeigt ein Bild, das uns Gerlinde Albrecht (geborene Winkler) schickt. Das Rätselbild muss Ende der Fünfziger gemacht worden sein, vermutet sie. „Der Ladenanbau der Gärtnerei Winkler ist bereits zu sehen.“