Waiblingen

Zeitungen stecken bei Minus-Graden

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Roswitha Brazel mit ihrem roten Zeitungs-Mobil: Bei der Eiseskälte in der Nacht hält Bewegung die Austrägerin warm – und gesund. © Schechinger / ZVW

Kerne-Rommelshauen. Dick eingepackt muss eine Zeitungszustellerin dieser Tage sein. Bei Temperaturen unter null knirscht der gefrorene Schnee unter den Sohlen. Die Finger werden klamm. Roswitha Brazel, die früh um drei Uhr in der Wiesenstraße ihre sieben Kilometer lange Tour antritt, will trotzdem keine Handschuhe tragen. Die behindern sie nur. Und beim Stecken der 160 Tageszeitungen bleiben die Finger eh schön warm.

WKZ-Zusteller, die nachts in totenstillen Straßen unterwegs sind, damit andere morgens am Frühstückstisch behaglich ihre Zeitung lesen können, müssen dieser Tage mit Kälte, Schnee und Eis leben. Die Wetterlage ist nicht ungefährlich. Ein Zeitungsausträger in Bittenfeld, der auf spiegelglatter Fläche ausrutschte, brach sich die Schulter, ein anderer in Korb den Ellenbogen.

Sieben Kilometer lang ist ihre Tour

Heimtückisch sind Eisplatten, über denen Neuschnee liegt. Roswitha Brazel, deren Rommelshausener Bezirk sich zwischen Friedrichstraße und Bussardstraße erstreckt, kennt ihr Terrain. In Garageneinfahrten und Stichsträßchen, die nicht gestreut werden, stapft sie zielstrebig, aber mit Bedacht über den knirschenden Schnee. Sieben Kilometer lang ist ihre Tour, Hauseingänge, Zufahrten und Passagen eingeschlossen. Rund 160 Tageszeitungen, davon die Hälfte Exemplare der WKZ, muss sie an diesem klirrend kalten Morgen in Briefkästen und Röhren stecken.

Leggins, Skihose, zwei, drei Pullover und darüber ein Anorak: Roswitha Brazel hat sich gegen die Kälte gewappnet. Hingefallen ist sie schon, hat sich grüne und blaue Flecken geholt, aber zum Glück nie etwas gebrochen. „Toi, toi, toi“, sagt sie. Ihr kleines rotes Zeitungsmobil, ein Handwagen mit regensicheren Plastiktaschen, in denen sie die verschiedenen Tagszeitungen separat lagert, steht auf dem Gehweg der Bussardstraße. Prospekte stecken in einem Seitenfach. Festgefrorene Reifenspuren markieren die Fahrbahn. Auf den Fußwegen liegt verharschter, dreckiger Schnee.

Richtig erkältet hat sich Roswitha Brazel noch nie

„In der Stichstraße da vorne, da ist auch nicht gestreut“, warnt sie, „da ist es glatt.“ Sie nimmt eine Handvoll Exemplare untern Arm, schreitet forsch voran. Niemals würde sie bei der Kälte, die anderen klamme Finger macht, Handschuhe anziehen, denn die behindern nur beim Stecken der Blätter in die oft von Werbung verstopften Briefkästen. Erkältet hat sich Roswitha Brazel, die 1996 als Vertretung anfing, im Winter noch nie. „Kenne ich nicht“, sagt sie trotzig und lächelt. „Man ist ja immer in Bewegung.“ Über die Jahre gerechnet war es eine Wegstrecke von Tausenden Kilometern.

Seit zehn Jahren trägt die gebürtige Rommelshausenerin hauptberuflich Zeitungen aus. Ihr Bezirk, in dem sie auch wohnt, ist einer von 15 in Rommelshausen. Immer gegen drei Uhr in der Früh holt sie ihr Zeitungsbündel in einer Tiefgarage in der Wiesenstraße ab. Etwas mehr als zwei Stunden ist sie dann unterwegs. Und Pünktlichkeit geht für sie über alles.

Couragierter Service schätzen, der Wind und Wetter trotzt

„Um halb fünf muss ich in der Jägerstraße sein“, sagt sie „Dort will ein Kunde, dass er bis zu diesem Zeitpunkt seine Zeitung hat. Im Amselweg steht eine Frau, die wartet und will fünf Zeitungen für ihr Haus entgegennehmen. Da weiß ich, ich muss für sie kurz vor fünf Uhr da sein.“

Dass die Zeitungs-Abonnenten ihren couragierte Service schätzen, der Wind und Wetter trotzt, merkt sie immer an den Weihnachtsgeschenken. Tüten mit Gutsla drin und Pralinen waren es am Anfang. „In letzter Zeit sind es auch Kuverts mit Scheinen drin“, sagt sie stolz. „Das kommt daher, dass sie mich kennen und dass ich pünktlich bin. Das ist das A & O“. So passiert es, dass die Kundschaft sie anruft und um einen Gefallen bittet: „Wir fahren morgen um vier Uhr in den Urlaub. Kommen Sie bitte vorher noch mit der Zeitung vorbei, damit wir sie einpacken können.“

Zeitungs-Zustellerin – eigentlich unersetzlich

Glücklicherweise zählt ihr Bezirk nicht zu denen, wo, wie in Richtung S-Bahnhof, freitags und montags gerne Tageszeitungen aus den Briefkästen und Rohren verschwinden. „Die werden geklaut“, sagt Roswitha Brazel. „Am Montag interessieren die Leute die Sportergebnisse.“ Röhren zieht sie Briefkästen trotzdem vor: Wenn mittwochabends das Kernener Mitteilungsblatt ausgetragen wird, Werbung und das Fellbacher Wochenblatt noch dazukommen, läuft ein Briefkasten schnell über. „Ich ziehe die raus, schiebe meine Zeitung rein und fülle den Briefkasten dann wieder auf.“

Eine Zeitungsausträgerin ist, vor allem jetzt, wo es an verfügbaren Aushilfskräften mangelt, eigentlich unersetzlich. Zwei Wochen vor Weihnachten, als Roswitha Brazel eine Magen-Darm-Grippe eingefangen hatte, lag sie abends krank und matt im Bett. Sie musste sich übergeben. Es ging ihr spätabends so übel, dass es ihr völlig unmöglich schien, in wenigen Stunden wieder auf die Straße zu gehen. Doch sie hatte keine Wahl – den Zeitungskunden zuliebe. „Mein Mann musste mich dann begleiten“, sagt sie.
 

Zusteller dringend gesucht

  • Bedarf an Zeitungszustellern gibt es immer: Der Pressevertriebs-Service des Zeitungsverlags sucht Aushilfskräfte, die später einmal auch einen Bezirk übernehmen können. 15 Zustellbezirke hat Rommelshausen, elf Stetten. Aushilfskräfte werden immer dann herangezogen, wenn ein hauptberuflicher Zeitungsausträger erkrankt oder in Urlaub geht. Grundsätzlich gilt: Mitarbeiter werden nach Zeitaufwand und Mindestlohn bezahlt. Das sind seit dem 1. Januar 8,84 Euro je Stunde.
  • Die Bezahlung hängt auch von der Größe des Bezirks ab. Schwierigere Reviere wie Industriegebiete bekommen eine Zulage. Auch Fahrgeld wird bezahlt.
  • In Vollzeit arbeitet ein Zeitungszusteller, ob Frau oder Mann, rund 60 Stunden im Monat. Gerade als Aushilfskraft können Einsteiger das tägliche Brot dieser Beschäftigung kennenlernen und später bei Befähigung und Bedarf einen Bezirk übernehmen. In Rommelshausen bestehen die 15 Bezirke aus großen und kleinen, von denen zwei, wie im Fall von Roswitha Brazel, zusammengefasst werden können.