Waiblingen

Zwei junge Männer prügeln sich am Waiblinger Bahnhof – was macht der dritte?

Bahnhof Waiblingen Waiblinger Bahnhof Bahnsteig
Bahnhof Waiblingen. Symbolfoto. © Gabriel Habermann

Was ist auf dem Bahnhofsvorplatz in Waiblingen am 29. Juni vergangenen Jahres um 1.50 Uhr passiert? Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lautet der Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft. Zwei Angeklagte, 26 und 25 Jahre alt, müssen sich vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten. Doch ob der Angriff wirklich so einseitig war oder es sich vielmehr um eine Rangelei zwischen zwei Personen gehandelt hat, konnte in der Hauptverhandlung nicht geklärt werden.

Staatsanwaltschaft lehnt Einstellung des Verfahrens ab

Richterin Figen Basoglu-Waselzada schlug deshalb vor, das Verfahren gemäß Paragraf 153a der Strafprozessordnung (StPO) einzustellen. Danach kann ein Verfahren unter Auflagen eingestellt werden, wenn alle Beteiligten zustimmen und die Schwere der Schuld dem nicht entgegensteht. Das bedeutet, sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Beschuldigte selbst und das Gericht müssen einverstanden sein. Doch die Staatsanwaltschaft lehnte diesen Vorschlag ab. Die Verhandlung ist deshalb unterbrochen worden und wird an einem neuen Termin fortgesetzt.

Auseinandersetzung ereignete sich nach dem Altstadtfest

Bekannt ist über den Vorfall am 29. Juni 2019, dem zweiten Tag des Waiblinger Altstadtfests, bislang Folgendes: Beide Parteien haben das Fest besucht und dort auch Alkohol getrunken – beim Geschädigten, einem Waiblinger, stellt die Polizei später 2,06 Promille fest, auch die Angeklagten, die beide aus Ludwigsburg kommen, haben ordentlich konsumiert. Kurz vor zwei Uhr sind alle auf dem Weg nach Hause, doch auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Darüber, wie der Streit angefangen hat, sind sich die Parteien nicht einig.

Beleidigt und angegriffen

Der 30-jährige Geschädigte behauptete im Zeugenstand, grundlos von hinten angegriffen worden zu sein – und zwar als er „im Gebüsch pinkeln“ war. Zuvor habe er sich von seinen beiden Freunden getrennt, mit denen er gemeinsam auf dem Altstadtfest war und dort mehrere Cocktails getrunken hatte. Auf dem Weg zum Bahnsteig seien diese vorgelaufen, weil er seine Notdurft habe erledigen wollen. „Dann wurde ich von hinten beleidigt – als ‘Schwuchtel’“, berichtete er. Entweder ein Schlag oder ein Tritt habe ihn zu Boden gebracht. Was es genau war und von wem, wisse er nicht.

Fest steht für ihn: „Letzten Endes habe ich die zwei gesehen.“ Als er die beiden mutmaßlichen Angreifer darauf ansprechen wollte, sei es zu einer Schubserei zwischen ihm und einem der Angeklagten gekommen. Während der Geschädigte und der 26-Jährige sich auf dem Boden wälzten, habe er Tritte gespürt. Jemand habe ihn auf den Kopf und auf den Rücken geschlagen. Bei dieser Rangelei habe er sich Verletzungen zugezogen wie Schürfwunden an beiden Ellbogen, am Bein und blaue Flecken. Auch wurde dabei sein kleiner Finger gebrochen. Dadurch sei er für sechs bis acht Wochen arbeitsunfähig gewesen.

Angeklagter hat eine andere Version

Dass es zu einer Rangelei kam, stritt der 26-jährige Angeklagte nicht ab. Allerdings: „Es ist auf jeden Fall anders abgelaufen“, sagte er. „Es war auch ein schöner Tag bis zu dem Zeitpunkt.“ Sein Freund, der neben ihm auf der Anklagebank saß, habe an dem Tag eine Musikbox dabeigehabt. Als die beiden nach dem Fest die Bahnhofstrafe entlang zur S-Bahn liefen, seien sie deshalb schon von der Polizei angehalten worden, erzählte er. Die Beamten hätten die beiden alkoholisierten Heimgänger freundlich darauf aufmerksam gemacht, nicht „herumzualbern“, so der Angeklagte.

Auf dem Parkplatz des Bahnhofes sei sein Freund vom Geschädigten, der nach Angaben des 26-Jährigen dort telefonierte, auf die laute Musik angesprochen worden. Er selber sei vorgelaufen und habe kurz danach festgestellt, dass sein Freund zurückgeblieben war und mit dem Geschädigten diskutierte. „Ich habe gesagt: ‘Scheiß drauf – und komm!’“, sagte er. Als er mit seinem Kumpel weitergehen wollte, sei er angegriffen worden. „Ich habe drei Schläge auf den Hinterkopf erhalten“, sagte er. Dann kam es zu einer gegenseitigen Schubserei. „Wir haben uns förmlich umarmt.“ Und er stellte klar: „Nicht so romantisch wie normal.“ Danach sei es nicht lange gegangen, insgesamt habe die Auseinandersetzung etwa zwei Minuten gedauert. „Dadurch, dass wir alkoholisiert waren, sind wir gestürzt.“ Kurz danach sei auch die Polizei eingetroffen, die zuvor die beiden Angeklagten angehalten hatte.

Wie es danach weiterging, und wie er ins Krankenhaus kam, daran könne sich der 26-Jährige nicht genau erinnern. Als die Amtsrichterin nachhakte und fragte, ob er nur alkoholisiert gewesen sei, sagte er: „Ja, vielleicht habe ich auch einen Joint geraucht, ich will nicht lügen.“ Mittlerweile sei er clean, doch für den Tatzeitraum könne er es nicht ausschließen.

Was der andere Angeklagte während der ganzen Rauferei gemacht hat, möchte Richterin Basoglu-Waselzada wissen. Er habe die ganze Zeit danebengestanden, so der 26-Jährige. Den Ausführungen schloss sich der 25-jährige Angeklagte an. Er habe nichts gemacht. „Er hatte keinen Grund, sich zu entziehen“, sagte sein Verteidiger. „Als die Polizei kam, stand er immer noch daneben.“ Keiner der beiden Angeklagten räumte die eigentlichen Tatvorwürfe ein.

Unklar blieb auch die Rolle eines weiteren Zeugen: So sagte der Verteidiger, dass etwa drei Wochen nach der Tatnacht ein Freund des Geschädigten ebenfalls Angaben zur Tat gemacht habe. Doch im ersten Polizeibericht tauche er nicht als Zeuge auf. Dieser Zeuge hingegen behauptete vor Gericht, auch am Tattag seine Personalien bei der Polizei angegeben zu haben. Zwar habe er den Beginn der Auseinandersetzung nicht gesehen, aber habe von weitem beobachtet, wie sich zwei Personen gerauft hätten. Als er näherkam, habe er seinen Kumpel erkannt. Und als er zu der Stelle lief, habe er beobachtet, dass der 25-Jährige auf seinen Freund mit der Faust eingeschlagen habe, als dieser mit dem anderen Angeklagten auf dem Boden war. Allerdings gab der Zeuge zu Protokoll, dass er schlecht sehen könne und an dem Abend keine Brille oder Kontaktlinsen getragen habe.

Verteidiger wittert Falschaussage

Der Verteidiger dazu: „Ich bin der Überzeugung, dass der Zeuge eine Falschaussage gemacht hat. Er kann schlecht sehen und behauptet, dass mein Mandant mit der Faust geschlagen hat. Wie soll das gehen?“ Auch hielt er dem Zeugen vor, bei der Polizei angegeben zu haben, dass er keine Faustschläge, sondern Tritte gesehen hat. Der Verteidiger forderte, die Polizeibeamtin als Zeugin anzuhören, die den Fall aufgenommen hatte. Die ist allerdings gerade auf Weltreise. Sie soll bei einem Folgetermin vor Gericht aussagen.

Was ist auf dem Bahnhofsvorplatz in Waiblingen am 29. Juni vergangenen Jahres um 1.50 Uhr passiert? Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lautet der Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft. Zwei Angeklagte, 26 und 25 Jahre alt, müssen sich vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten. Doch ob der Angriff wirklich so einseitig war oder es sich vielmehr um eine Rangelei zwischen zwei Personen gehandelt hat, konnte in der Hauptverhandlung nicht geklärt werden.

Staatsanwaltschaft lehnt

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