Waiblingen

Zwei Reporter unterwegs mit dem Relexbus X 20

1/3
Pendler sparen eine Stunde_0
Pendler, Studenten, Schüler und Ausflügler nutzen die Buslinie, die Waiblingen, Kernen und Esslingen verbindet. © Büttner / ZVW
2/3
_1
Laura Steinke. © Benjamin Büttner
3/3
_2
Roland Kurz.

Esslingen/Waiblingen.
29 Minuten dauert die Fahrt von Waiblingen nach Esslingen mit dem Relexbus X 20. Doch wer nutzt die Expresslinie über den Schurwald? Was sind die Vor- und was die Nachteile? ZVW-Volontärin Laura Steinke ist die Strecke von Waiblingen nach Esslingen gefahren. Roland Kurz von der Esslinger Zeitung den umgekehrten Weg über den Berg ins Remstal.

Was die beiden Reporter dabei erlebt haben, erfahren sie hier:


Von Laura Steinke (Waiblinger Kreiszeitung)

Entspanntes Fahren mit schöner Aussicht – der Relexbus X 20 macht seinem Namen alle Ehre. Seit Dezember 2016 verkehrt er zwischen Waiblingen und Esslingen – die Fahrgäste freut’s. Mankos wie komplizierte Tarifzonen und wenig Busse am Nachmittag sollen bald Geschichte sein.

Bei grauem Regenwetter warten rund 20 Personen am Bahnsteig 10 des Waiblinger Bahnhofs. Es ist 7.52 Uhr, der Expressbus X 20 kommt an. Die Fahrgäste suchen sich einen der 41 Sitzplätze aus und packen aus. Kopfhörer werden aufgesetzt, die Blicke schweifen aus dem Fenster. Bücher werden aufgeschlagen, Handys bedient.

Eine, die noch kurz eine Nachricht schreiben muss, ist Anne-Christin Linde. Die 35-Jährige fährt jeden Tag von Fellbach nach Esslingen. Erst geht es für sie mit der S-Bahn nach Waiblingen, dann mit dem X 20 nach Esslingen. „Mit dem Bus spare ich jeden Tag eine Stunde, dadurch, dass ich nur noch einmal umsteigen muss“, erzählt die Pendlerin. Vor Einführung des Busses im Dezember 2016 pendelte sie über Bad Cannstatt nach Esslingen. Vom Esslinger Busbahnhof musste sie noch einen weiteren Bus zur Arbeit nehmen.

Aktuelles Tarifzonen-System macht einzelne Ausweichstrecken teurer

Der Komfort des Reisebusses gefällt ihr gut: „Sogar mit WLAN, das hat der VVS noch nicht geschafft.“ Besonders begeistert ist sie von der Aussicht auf der Strecke. Von Waiblingen geht es über Rommelshausen nach Stetten. Die bunt bemalten Remsis säumen die Straßen, das Remstal zeigt sich in herbstlichen Farben. Über den Schurwald fährt der Bus zum Esslinger Bahnhof, vorbei an Weinbergen und Bäumen mit gelb-braun-grünen Blättern. „Ein schöner Weg zur Arbeit ist doch ein toller Start in den Tag“, sagt sie. Besonders komfortabel: „Der Bus hält quasi direkt vor meinem Büro.“ Damit ist die Hochschule Esslingen gemeint. Um 8.14 Uhr steigt sie an der vorletzten Haltestelle, Sankt Bernhardt Flandernstraße, aus. Dann geht es für sie an die Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Auf die stündlichen, in der Hauptpendlerzeit halbstündlichen, Fahrtzeiten musste sie sich einstellen. „Das ist okay, aber gegen mehr Fahrten hätte ich nichts – dann wäre ich flexibler.“ Noch nie hat Linde erlebt, dass der X 20 Verspätung hat. Das einzige Manko: die Tarifzonen. „Der Weg könnte auch in einer Zone liegen.“ Doch das wird sich laut VVS bald ändern: Durch die Tarifzonenreform soll es ab dem 1. April 2019 statt 52 nur noch fünf Ringzonen geben.

Auch Stuart Brown arbeitet in Esslingen. Von Hegnach pendelt er ein- bis zweimal die Woche. „Meistens ist der X 20 pünktlich“, sagt der 44-Jährige. Schon öfters habe er jedoch Probleme mit den Buslinien 431 und 432 von Hegnach nach Waiblingen gehabt. Deshalb fährt er mehrmals in der Woche mit dem Auto. „Wenn der Bus Verspätung hat, verpasse ich den X 20. Lange warten will ich nicht, dann muss ich S-Bahn fahren.“ Doch dann hat er ein falsches Ticket: Um die S-Bahn von Bad Cannstatt nach Esslingen zu nehmen, braucht er noch eine Zone. „Manchmal ist das schwierig“, sagt er und wendet sich seinem Buch zu.

„Das ist wirklich eine große Zeitersparnis“

Auf der anderen Seite des Gangs sitzt Melissa Dean. Die Lehramtsstudentin verbringt ihre Zeit im X 20 lesend. Zwei- bis dreimal die Woche fährt die 22-Jährige von Stetten nach Tübingen. Um 8.02 Uhr steigt sie in den Bus ein, etwas mehr als eine Stunde ist sie dann unterwegs. Ohne den X 20 müsste sie mindestens eine halbe Stunde mehr einplanen. „Das ist wirklich eine große Zeitersparnis“, sagt Dean. Seit Ende 2016 nutzt sie den Expressbus. In dieser Zeit hat sie zweimal mitbekommen, dass der X 20 sich verspätete – wegen Unfällen.

Was sie sich wünscht, sind mehr Fahrten zur Mittagszeit. Die könnte es bald geben, wie der Verband Region Stuttgart auf Anfrage verspricht. Im Juli hat der Verkehrsausschuss Neuerungen beschlossen: Zwischen 14 und 19 Uhr sollen zusätzlich zur Hauptverkehrszeit am Morgen halbstündlich Busse verkehren. Konkrete Pläne soll es Ende November geben.

Um 8.21 Uhr steigen die rund 15 Fahrgäste am Esslinger Busbahnhof aus dem Expressbus aus. Nun heißt es für den Busfahrer erst einmal warten. Denn erst in rund 50 Minuten fährt er weiter. Da bleibt genug Zeit für einen Kaffee und eine Brezel, bevor es wieder über den Berg ins Remstal geht.


Von Roland Kurz (Esslinger Zeitung)

Esslingen präsentiert sich gern als Einkaufsstadt – und hat über den Relexbus Kundschaft im Remstal erschlossen, wie der Redakteur der Esslinger Zeitung bei seiner Fahrt über den Schurwald festgestellt hat. Bei den Esslingern sind hingegen die Wanderwege und Besenwirtschaften des Remstals beliebt.

16.45 Uhr, ZOB Esslingen, Bahnsteig 2. Der X 20 steht bereit, um in sieben Minuten abzufahren. Efstratios Iliakos steht rauchend vor seinem Bus. „Eine schöne Strecke, viel Natur“, meint der Fahrer. Als Erster steigt ein Mann mit Aktentasche ein, etwa zehn weitere Fahrgäste folgen alsbald. Alle zücken kurz ihre Monatskarte, einzig der Journalist kauft sich ein Ticket beim Fahrer. 5,80 Euro hin und zurück, zweimal 17 Kilometer, 29 Minuten geplante Fahrzeit.

Eine junge Frau möchte noch einsteigen. „Hält der Bus an der Flandernstraße?“ Schon kommt die Antwort vom Fahrgast aus der ersten Reihe: „Da kann man nicht aussteigen, nur einsteigen.“ Diese Regelung soll verhindern, dass der Expressbus mit der innerstädtischen Linie konkurriert. Erhard Kiesel, Geschäftsführer von Schlienz, hält wenig vom Einstiegsverbot: „Das kann man keinem Fahrgast erklären.“

Mit WLAN kann der Student im Bus arbeiten

Esslingen präsentiert sich gern als Einkaufsstadt. Der X 20 hat die Stadt für Rentnerin Maria Michele aus Rommelshausen erschlossen. Früher ist sie zum Einkauf mit der S-Bahn nach Fellbach oder Stuttgart gefahren. „Das ist so geschickt mit dem Bus, ich brauche nicht umzusteigen.“

Niko Martiradonna (38) sitzt nicht ganz freiwillig im Bus. Seine Frau braucht seit einiger Zeit das Auto, deshalb fährt der Erzieher mit dem Bus über den Schurwald zum Kindergarten auf dem Esslinger Zollberg und nun zurück nach Rommelshausen. Auch Jürgen Luck (57) kommt von der Arbeit zurück. Der X 20 ist für ihn ein Segen: „Eine Wahnsinns-Zeitersparnis, nicht bezahlbar!“ Von Stetten ins Gewerbegebiet Scharnhausen hat er früher bis zu zwei Stunden benötigt: Bus, zwei S-Bahnen, Bus.

Der Schurwald liegt schon im Dunkeln, als der Bus die Haltestelle Katzenkopf passiert. Der Halt im Wald bringt der Linie vor allem am Wochenende Fahrgäste. „Das nutzen ältere Leute aus dem Remstal, um oben entlang der Römerstraße zum Jägerhaus zu spazieren“, erzählt Jürgen Luck. Busfahrer Steffen Schuller bestätigt dies später auf der Rückfahrt, auch das Fahrrad werde oft mitgenommen. Die Esslinger fahren gern zur Besenwirtschaft ins Remstal.

Ein junger Mann beugt sich über sein Laptop. „Moment, ich lade schnell noch was runter.“ Martin Gassen studiert an der Esslinger Hochschule. „Im Bus funktioniert das WLAN immer, dann kann ich das nachher in der S-Bahn bearbeiten.“ Der 25-Jährige muss nach Backnang weiter. Viel schneller sei der Bus nicht als die S-Bahn, „aber es fühlt sich schneller an und ich habe den Trubel in Cannstatt nicht“, sagt der Student, „und heute Morgen habe ich im Bus einen schönen Sonnenaufgang erlebt.“

40 statt 29 Minuten, aber niemand schimpft.

Auf der Sitzbank gegenüber hat Annika Gaber (65) mitgehört. „Der Bus ist super!“, meldet sie sich zu Wort. Sie hat ihre Tochter in Denkendorf besucht. „Jetzt ist das zweite Enkele da, da muss ich noch öfter fahren.“

An der Diakonie Stetten füllt sich der Bus. Das hat die Erhebung des VVS ergeben: Der stärkste Abschnitt liegt zwischen Stetten und Waiblingen. Kurz vorm Halt an der Karlstraße Rommelshausen muss eine Frau noch eine Botschaft loswerden. „Sie müssen schreiben, dass der Bus auch am Bahnhof Rommelshausen halten soll. Das dauert nur eine Minute länger und dann muss ich nicht zehn Minuten laufen.“ Sagt’s und hüpft aus dem Bus.

Draußen erkennt man an einer Fassade die Leuchtschrift „Stihl“. Alles klar, das ist Waiblingen. Der Bus stoppt an Steig 10, die rote Anzeige bei Efstratios Iliakos zeigt 11,30 Minuten Verspätung an. 40 statt 29 Minuten, aber niemand schimpft. Der Busbahnhof liegt im Zwickel von zwei Bahnlinien, mit wenigen Schritten erreicht man die S 3 nach Backnang oder den Regionalexpress nach Aalen – oder man fährt mit dem X 20 nach Esslingen zurück, lernt neue Leute kennen wie den Gartenbauer, der zur Bibelstunde will, oder den Versicherungsvertreter, der sich mit Kollegen zum Bierchen in Esslingen verabredet hat.