Waiblingen

Zwischen Unterricht und Rock’n’Roll

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Attila Zöldi. © Moritz Müller

Waiblingen. Er war jahrelang Türsteher, singt in der Rock’n’Roll-Band „Bigtown Bandits“ und unterrichtet Deutsch und Englisch an der Kaufmännischen Schule: Atilla Zöldi ist kein Pauker wie jeder andere. Er sagt: „Schlussendlich ist eine Unterrichtsstunde eine Zeremonie wie eine Rock’n’Roll-Show. Im Optimalfall brennt man jedes Mal ein Feuerwerk ab.“

Attila Zöldi hat viele Jahre im Stuttgarter Nachtleben gearbeitet. Als selbstständiger Türsteher entschied er, wer rein darf in den Club und wer nicht. Bis in die frühen Morgenstunden war er im Einsatz. Tagsüber wurde nicht geschlafen, sondern ein bisschen studiert und viel musiziert. „Irgendwann“, erinnert sich der 41-Jährige, „hatte ich keine Lust mehr, tagsüber wie ein Zombie herumzulaufen.“ Er quittierte den Dienst an der Tür, zog sein Englisch- und Deutschstudium durch und wurde Lehrer.

Zunächst arbeitete er an einem allgemeinbildenden Gymnasium, seit drei Jahren nun unterrichtet der Gerlinger mit ungarischen Wurzeln an der Kaufmännischen Schule in Waiblingen. Attila Zöldi fällt auf im Lehrerzimmer: Er ist muskulös, braun gebrannt, trägt Piercings im Ohr, einen Vollbart und das T-Shirt einer angesagten Skateboard-Marke. Am Wochenende lässt er seiner Leidenschaft freien Lauf: der Rock’n’Roll-Musik.

„Wenn ich auf der Bühne stehe, schlüpfe ich in eine Rolle“

Als Frontmann der ambitionierten Retro-Band „Bigtown Bandits“ besingt er heiße Tänze, lange Nächte und doppelte Drinks. Die siebenköpfige Combo tat sich 2016 zusammen und besteht aus hochprofessionellen Berufsmusikern – Sänger Zöldi ist der einzige Autodidakt. Die „Bandits“ haben sich der Musik der 40er, 50er und 60er Jahre verschrieben, sie treten auch in entsprechenden Outfits auf. „Wenn ich auf der Bühne stehe, schlüpfe ich in eine Rolle“, sagt Zöldi, dessen Leidenschaft durch die Elvis-Platten seiner Eltern geweckt wurde, „dann legt es einen Schalter um.“

Entdeckt wurde Attila Zöldi mit 17 Jahren auf einem Stadtfest: „Ich habe mit einer Band einen Song zum Besten gegeben und bin angesprochen worden, ob ich nicht Lust hätte, eine eigene Rock’n’Roll-Band zu gründen“ – es war die Geburtsstunde der „Bumps’n’Grinds“, seiner ersten Gruppe.

Obwohl er nie Gesangsunterricht nahm, hat es Atilla Zöldi mit seiner kraftvollen Stimme zum renommierten Musiker gebracht: Mit seiner zweiten Band „Triple Espresso“ trat er regelmäßig bei Burlesque-Shows im Friedrichsbau-Varieté auf und hatte sogar einen Gastauftritt im preisgekrönten RAF-Film „Wer, wenn nicht wir“ mit August Diehl. Die „Bigtown Bandits“ waren kürzlich bei „Kaffee oder Tee“ im SWR-Fernsehen zu hören und am 28. Juli werden sie vor Dieter Thomas Kuhn bei einem Open-Air-Konzert in Ludwigsburg auftreten. Derzeit feilen die sieben Musiker an ihrer ersten Studio-Single.

Die Erfolgsformel im Unterricht: „Spaß + Disziplin = Erfolg“

Doch auch den weniger glamourösen Pädagogen-Beruf übt Zöldi mit Leib und Seele aus: „Von Montag bis Freitag bin ich ein seriöser Lehrer. Ich bin mir meiner Verantwortung für die Schüler voll bewusst, ich nehme das sehr ernst.“ An der Kaufmännischen Schule, wo Menschen unterschiedlicher Milieus zusammentreffen, fühlt sich der 41-Jährige pudelwohl. „Ich glaube, ich habe einen guten Draht zu den Kids“, sagt Zöldi, der versucht, den Spagat „zwischen Homie und Autoritätsperson“ zu meistern. Gerade die Arbeit mit Schülern, die es im Leben aus verschiedensten Gründen etwas schwerer haben, bereitet ihm Freude: „Da musst du die Zügel sehr straff halten, sonst hast du das fliegende Klassenzimmer“, sagt Zöldi. Seine Formel lautet: „Spaß + Disziplin = Erfolg.“ Gerade bei den schwierigen Fällen profitiere er auch immer wieder von seinen „Straßenerfahrungen“ als Türsteher. Dass er als Frontsänger einer Band Rampenlicht gewöhnt ist, schade ebenfalls nicht: „Schlussendlich ist eine Unterrichtsstunde eine Zeremonie wie eine Rock’n’Roll-Show. Im Optimalfall brennt man jedes Mal ein Feuerwerk ab.“ Auch wenn das bei 25 Pflichtstunden die Woche auch dem Energiebündel Attila Zöldi nicht immer gelingen mag.

Und nicht nur vom Rock’n’Roll zum Schulbetrieb lassen sich Parallelen ziehen. Dieser Tage werden auch Erinnerungen an Zöldis Zeit als Türsteher wach. Es ist Prüfungsphase an der Kaufmännischen Schule, zu Hause stapeln sich die Klausuren. Das heißt: korrigieren, korrigieren, korrigieren. Auch Lehrer schieben die eine oder andere Nachtschicht.


Bigtown Bandits

Die siebenköpfige Band um Sänger Attila Zöldi spielt nach eigenen Angaben „Jump Blues und Roots-Rock’n’Roll über frühesten Soul bis hin zu bläserstarkem Swing“.

Trotz der vielen Retro-Anleihen aus den 40er- bis 60er-Jahren versucht die Band, nicht altbacken zu klingeln. Mehr Infos: www.bigtown-bandits.de