Weinstadt

84-Jährige aus Weinstadt bringt "heitere Märchen für ernste Zeiten" heraus

Märchenbuch
Heidi Christa Heim (84) und Jürgen Wagner (65) mit ihrem neuen Märchenbuch. © ALEXANDRA PALMIZI

Wenn Heidi Christa Heim erzählt, hört man ihr gerne zu. Die 84-Jährige sitzt dazu gerne ganz versteckt unter der grünen Kuppel der riesigen Trauerweide, die in ihrem Garten im Endersbacher Trappeler wie ein Wesen aus Uhrzeiten ihre knorrigen Äste in den Himmel streckt.

Heidi Christa Heim spricht frei, ihre Stimme nimmt verschiedene Klangfarben an, sie arbeitet viel mit Mimik, auch ihre Hände erzählen mit. Mal verwandelt sie sich in ein listiges junges Mädchen, dann wieder in einen mürrischen Kaufmann.

Märchenerzählerin und ehemaliger Pfarrer arbeiten zusammen

„Ich bin glaube ich in dieses Leben gekommen, um Märchen zu erzählen“, sagt die Weinstädterin. Als Märchenerzählerin hat sie es zumindest zu lokaler Berühmtheit geschafft: So ist sie früher regelmäßig zum Beispiel bei den Weinstädter Märchentagen aufgetreten. Auch jetzt noch veranstaltet sie regelmäßig den „Märchentee“ bei sich zu Hause in ihrer „grünen Kapelle“ unter der Trauerweide.

Seit vielen Jahren ist Jürgen Wagner, ehemaliger Pfarrer in Fellbach, mit von der Partie. Er habe die Märchenerzählerin in einer Zeit kennengelernt, in der es ihm selbst nicht so gut gegangen sei, in der er sehr zurückgezogen gelebt habe, erzählt der 65-Jährige. Anfangs begleitete er Heidi Christa Heim bei ihren Auftritten hin und wieder musikalisch. Inzwischen geben die beiden regelmäßig Märchenbücher gemeinsam heraus - sie ergänzen sich offensichtlich gut.

Je ernster die Zeiten, desto wichtiger sind Witze

Jetzt ist ein neuer Band erschienen. Unter dem Titel „Heitere Märchen für ernste Zeiten“, sind Überlieferungen aus aller Welt gesammelt: Geordnet in thematische Gliederungen wie „Lachen ist gesund“, „Allerlei Liebesleute“, „Weisheitsgeschichten von Mullah Nasrudin“ oder auch „das verborgene Lächeln der Volksmärchen“.

Es sollen Märchen sein, die Hörer und Leser zum Schmunzeln bringen, zum Weitererzählen anregen - und ernste Wahrheiten so transportieren, dass man sie gut hören kann, erklärt Jürgen Wagner. Er und Heidi Christa Heim sind überzeugt: Gerade jetzt in einer Zeit, in der eine Krise die nächste zu verfolgen scheint, braucht es Geschichten wie diese.

Märchenhören gegen den Stress 

„Je schlimmer die Situation war, desto mehr haben die Leute Witze erzählt“, sagt der ehemalige Pfarrer. Das habe er während seiner Zeit in Israel ganz stark beobachten können, aber auch Honecker-Witze in der DDR seien dafür ein gutes Beispiel. „Der Druck wächst“, findet auch die Märchenerzählerin. Ihre Heilpraktikerin habe ihr berichtet: „Alle Leute, die zu ihr kommen, seien gestresst.“

Dagegen weiß die ehemalige Lehrerin eine wirkungsvolle Medizin: Sich einfach mal wieder in die Welt der Märchen entführen zu lassen – so, wie Kinder in eine Fantasiewelt eintauchen und das Hier-und-Jetzt völlig vergessen, wenn Heidi Christa Heim ihnen Märchen erzählt. „Das sind für mich die großen Dinge“, sagt die 84-Jährige. „Vor allem die Bilder des Märchens berühren.“

Ernste Wahrheiten hübsch verpackt 

Was die Volksmärchen für sie und Jürgen Wagner so wertvoll und erhaltenswert macht, ist, dass es darin oft eben nur oberflächlich so heiter zugeht. Man denke nur mal an die Geschichte vom Hasen und dem Igel, sagt Heide Christa Heim. „Für den Hasen endet das gar nicht so possierlich.“ Und trotzdem haben die Geschichten etwas Unbeschwertes an sich, sie haben die Fähigkeit, auch unbequeme Weisheiten zu transportieren, ohne zu verletzen.

Wer über eines der Märchen in dem neuen Buch schmunzelt, erkennt sich selbst und seine Umwelt in den Figuren und Metaphern wieder, fühlt sich dabei vielleicht sogar ein bisschen ertappt. So geht es zumindest Jürgen Wagner mit einer Geschichte von einem Bauern und seinen Söhnen, die aus Geiz dem Wein Wasser beimischen wollen - und am Ende nur reines Wasser zu trinken anbieten können. „Ich bin Schwabe“, sagt der Märchenautor. „Dieser Geiz und dieses Sparenwollen, das man selber nichts einbringen will, ist hier tief verankert.“ Umso ulkiger, dass dieses spezielle Märchen aus China stammt.

Ähnliche Motive, anderer Humor

Doch auch wenn manche Weisheiten international übertragbar sind und manche Motive wie zum Beispiel der verlorene Schuh einer Prinzessin in allen möglichen Winkeln der Welt auftauchen: Jede Kultur hat doch eine eigene Erzählweise. „Und ihren eigenen Humor“, sagt Jürgen Wagner.

Auch dem Theologen liegt das Geschichtenerzählen sehr am Herzen, auch wenn es für ihn früher meist biblische Geschichten waren, keine Märchen. Er habe gerade den Kindern immer viel lieber die Geschichten aus der Bibel einfach erzählt, statt sie zu belehren, wie sie sich richtig verhalten sollten, sagt der 65-Jährige.

Lesern mit dem Buch "ein bisschen Freude und Licht" bringen

Für das neue Märchenbuch hat er einige Recherchearbeit angestellt. Denn auch wenn Heidi Christa Heim über eine große Märchenbibliothek verfügt und auch Geschichten in die Sammlung eingegangen sind, die sie mündlich überliefert bekommen hat: „Er findet Märchen im Internet, von denen ich noch nie gehört habe“, sagt die 84-Jährige über ihren Co-Autor. Herausgegeben haben die beiden „Heitere Märchen für ernste Zeiten“ beim ePubli-Verlag. Für einen großen Absatz sei das Buch nicht gedacht, erklären die beiden. Es zum Beispiel über eine Buchhandlung zu bestellen, sei eher schwierig, trotz ISBN-Nummer.

Aber in ihrem Umfeld sei das Buch bereits gut angenommen worden. Und sie wisse, dass einige Märchen aus diesem Buch auch schon weitererzählt worden seien, sagt Heidi Christa Heim. Das freut sie ungemein. „Wir sind beide keine Weltverbesserer, wir haben keine Mission“, sagt die Weinstädterin. Trotzdem hoffen sie, dass ihr Buch den Lesern „ein bisschen Freude und Licht“ bringe.

Wenn Heidi Christa Heim erzählt, hört man ihr gerne zu. Die 84-Jährige sitzt dazu gerne ganz versteckt unter der grünen Kuppel der riesigen Trauerweide, die in ihrem Garten im Endersbacher Trappeler wie ein Wesen aus Uhrzeiten ihre knorrigen Äste in den Himmel streckt.

Heidi Christa Heim spricht frei, ihre Stimme nimmt verschiedene Klangfarben an, sie arbeitet viel mit Mimik, auch ihre Hände erzählen mit. Mal verwandelt sie sich in ein listiges junges Mädchen, dann wieder in einen

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