Weinstadt

Abbiegen auf Verdacht: Teure Fehlplanung

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Ulrichstraße
Schlechte Sicht: Redakteur Bernd Klopfer hat selbst ausprobiert, von der Ulrichstraße nach links in die Stuttgarter Straße abzubiegen. Es ist zwar möglich, aber riskant – denn die Autos, die von rechts mit Tempo 50 angerauscht kommen, sind leider erst zu spät zu sehen. © Joachim Mogck
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Bernd Klopfer kommentiert die neue Einmündung.

Weinstadt-Beutelsbach. Wer mit dem Auto aus der Ulrichstraße nach links in die Beutelsbacher Ortsdurchfahrt abbiegen will, braucht Nerven: Der Verkehr, der von rechts kommt, ist erst sehr spät zu sehen – und zudem mit Tempo 50 unterwegs. Durch die knapp eine Million Euro teure Neugestaltung der Einmündung hat sich das Problem verschärft. Die Stadt denkt nun an Nachbesserungen.

„Liebe Stadt Weinstadt, die Kreuzung Ulrichstraße/Stuttgarter Straße ist ja wirklich hübsch geworden. Kompliment hierfür. Ich hoffe jedoch, Sie haben die Rechnung des Planungsbüros noch nicht bezahlt“: Mit diesen Worten bringt Helmut Knödler in der Facebook-Gruppe „Wenn du aus Weinstadt kommst und das deine Heimat ist“ das Problem mit der neuen Einmündung auf den Punkt. Der Kreuzungspunkt wurde nämlich von den Planern so versetzt, dass alle Autos, die aus Fahrtrichtung Endersbach kommen, erst sehr spät gesehen werden können – was das Linksabbiegen sehr erschwert. „Für mich stellen solche Maßnahmen einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr dar. Dieses Planungsbüro dürfte nie wieder einen Auftrag für die Umgestaltung einer Kreuzung bekommen“, schreibt Helmut Knödler auf Facebook. Und er ist nicht der Einzige, der sich ärgert. Unsere Zeitung hat deshalb bei der Stadt Weinstadt nachgehakt – und nun von Pressesprecher Holger Niederberger Antworten erhalten.

Video zeigt die unübersichtliche Einmündung

Video: Redakteur Bernd Klopfer versucht an der Einmündung links abzubiegen.

Holger Niederberger verweist zunächst darauf, dass die Neugestaltung der Ulrichstraße einen wichtigen Bestandteil der Ortskernsanierung im Stadtteil Beutelsbach darstelle und für die Verkehrsteilnehmer viele Vorteile gebracht habe. Zum einen wird es nach der endgültigen Fertigstellung aller Bauarbeiten künftig 15 Parkplätze in der Ulrichstraße geben und nicht mehr nur sechs. Zum anderen entsprechen laut Niederberger jetzt sowohl die Bushaltestellen und der Fußgängerüberweg in der Ulrichstraße als auch die Ampelquerung in der Stuttgarter Straße barrierefreien Vorgaben.

Pressesprecher: "Für Linksabbieger nach wie vor nicht optimal"

Dass die „kleine Ulrichstraße“ nun nicht mehr direkt in die Kreuzung mündet, hat nach Niederbergers Darstellung ebenso zur Entschärfung des Verkehrs beigetragen wie die Tatsache, dass die Autos, die aus Richtung Schnait kommen und in die Ulrichstraße einbiegen, jetzt deutlich langsamer fahren müssten. Seit dem 7. Mai fährt laut Niederberger auch der Linienbus wieder auf seiner ursprünglichen Route. „Mit Hilfe der neuen fernbedienbaren Ampelsteuerung kann der Bus ohne Wartezeit künftig direkt in die Stuttgarter Straße einbiegen.“

Der Stadt war laut dem Pressesprecher stets bewusst, dass es verkehrsplanerisch an dieser Kreuzung grundsätzlich schwierig sein würde, alle Gegebenheiten und Bedürfnisse in einen optimalen Einklang zu bringen. Die neue Verkehrsinsel schaffe grundsätzlich eine bessere Übersicht gegenüber den zwei Inseln, die es zuvor an der Kreuzung gab. „Außerdem wurde damit die Verwirrung, die vorher bei dem einen oder anderen Verkehrsteilnehmer offenbar bestanden hatte, abgeschafft.“ Die jetzige Position der Verkehrsinsel ist nach Niederbergers Angaben in den Schleppkurven größerer Fahrzeuge begründet. Darüber hinaus solle der südliche Gehweg an der Stuttgarter Straße zu einem späteren Zeitpunkt verbreitert werden, was ebenfalls bereits in die Planung eingeflossen ist. „Aus diesen Gründen ist die Sicht vor allem für Linksabbieger nach wie vor nicht optimal.“

Die Haltelinie für Linksabbieger wurde bereits nach vorne verlegt

Um die Situation weiter zu verbessern, wird die Stadt laut Sprecher Holger Niederberger mit den verantwortlichen Verkehrsplanern weitere Optimierungen vornehmen. Schon jetzt würden Autofahrer, die aus der Ulrichstraße in die Stuttgarter Straße einbiegen wollen, nach etwa 90 Sekunden durch eine neue Ampelschleife die Chance erhalten, auch bei starkem Verkehr in die Stuttgarter Straße einzufahren. Auch wurde die Haltelinie für die Linksabbieger kürzlich um einen Meter nach vorne versetzt, damit die Autofahrer mehr sehen.

Kosten innerhalb des Budgets von 940 000 Euro

Stand heute bewegen sich laut der Stadt die Kosten im Rahmen, das heißt innerhalb des Budgets von 940 000 Euro. „Endgültige Schlussrechnungen liegen derzeit noch nicht vor. Aktuell werden noch Restarbeiten ausgeführt“, erläutert Niederberger.

In der Weinstadt-Gruppe auf Facebook hat Helmut Knödler auf seine Veröffentlichung jedenfalls 67 Kommentare erhalten – und in denen überwiegt die Kritik an der Planung. Einige schreiben, dass sie künftig von der Ulrichstraße nicht mehr nach links in die Stuttgarter Straße einbiegen wollen. Und Facebook-Nutzer Reimer Preusler findet: „Glaubt doch nicht, dass die Stadt Weinstadt eine Fehlplanung zugibt. Wird bestimmt alles nur schöngeredet.“



Kommentar: Sofort nachbessern

Die neue Einmündung sieht schick aus – aber was nützt das, wenn Linksabbieger aus der Ulrichstraße einer größeren Unfallgefahr ausgesetzt sind? Im Straßenverkehr steht Sicherheit an erster Stelle. Die Stadt und ihre Planer haben einen Fehler gemacht – und das sollten die Verantwortlichen zugeben.

Es stellt sich die Frage, warum niemand im Weinstädter Rathaus gegengesteuert hat. Es ist ja nicht so, dass es keine vernünftigen Ideen gegeben hätte. Verkehrsplaner Jürgen Karajan hat im Mai 2017 im Gemeinderat erklärt, dass er für diesen Bereich Tempo 30 empfiehlt. Da war noch keine Rede von den Problemen beim Abbiegen – aber genau dieses Tempolimit würde helfen.

Die Stadt sollte jetzt sofort nachbessern. Weinstadt hat schon die Beutelsbacher Transporter-Falle – da braucht die Stadt nicht noch ein weiteres Dauerärgernis.

Chance für Tempo 30

Verkehrsplaner Jürgen Karajan sagte bereits in der Gemeinderatssitzung im Mai 2017 auf Nachfrage von GOL-Fraktionschef Manfred Siglinger, in welchem Bereich er rund um die neugestaltete Einmündung Tempo 30 als sinnvoll erachtet – nämlich in der S-Kurve rund um die Einmündung.

Derzeit sind Autos dort mit 50 Kilometer pro Stunde unterwegs – was Linksabbiegern aus der Ulrichstraße das Leben zusätzlich schwer macht. Auf Nachfrage unserer Zeitung betonte der Weinstädter Pressesprecher Holger Niederberger, dass es mehrere Möglichkeiten gebe, das Einbiegen in die Stuttgarter Straße zu verbessern. „Eine Tempo-Reduzierung auf 30 Kilometer pro Stunde im Bereich der Kreuzung wird dabei auch diskutiert und von den Beteiligten geprüft.“