Weinstadt

Abschlag vom Hausdach

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Die Weinstädter Crossgolfer Francesco (links) und Sammy trainieren mit ihrer Crew „Winetown Golfers“ am liebsten beim Bildungszentrum. © Leticia Sprunck
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Das deutsche Team und die vielen mitgereisten Fans in Amsterdam. © Privat
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Sammy und Francesco auf ihrem Campingplatz. © Privat

Weinstadt/Amsterdam. Die Weinstädter Francesco Montorselli und Samuel „Sammy“ Hauptmann sind Vize-Europameister im Crossgolf. Mit dem deutschen Team reisten die beiden zum Turnier nach Amsterdam und mussten sich am Ende nur knapp den starken Franzosen geschlagen geben. Wir haben mit ihnen über ihre Leidenschaft, den Party-Faktor, erstaunte Zaungäste und Frauen im Crossgolf gesprochen.

Video: Die Vize-Europameister erklären wie Crossgolf gespielt wird.

Hand aufs Herz, was stand bei der Crossgolf-EM in Amsterdam im Vordergrund: Der Sport oder die Party?

Sammy: Normalerweise stehen tatsächlich eher das Familiäre und die Party im Vordergrund. Aber in Amsterdam und schon beim Quali-Turnier fürs Nationalteam in Aachen hat man gemerkt: Hier ist das Sportliche ausschlaggebend. Alle waren konzentriert, sind am Vorabend früh ins Bett gegangen. Und tagsüber wurde nebenher viel weniger Bier getrunken.

Das Crossgolf-Nationalteam bestand bei der EM aus zwölf Spielern, die in Dreiergruppen, „Flights“ genannt, den Parcours absolviert haben. Die drei besten „Flights“ wurden gewertet. Wie groß ist der Druck, der auf dem Einzelnen lastet?

Francesco: Beim Golfen ist es extrem. Wenn der erste Schlag nicht sitzt, ist es schwer, eine gute Linie zu finden und wieder die Kurve zu kriegen – das ist mir leider an dem Tag nicht ganz so gut gelungen.

Bei dir lief’s überhaupt nicht?

„Die Leute dachten: Was machen die denn da, die Vollidioten?“
Francesco Montorselli

Francesco: Das fing an bei Abschlägen, die ich nicht geschafft habe: Die Abschlagmatte ist davongeflogen, der Ball nicht. Dann hab ich den einen oder anderen Schlag verzogen. Also ... Es war jetzt nicht grottenschlecht, aber es waren schon Bahnen dabei, wo ich gedacht habe: Francesco, was machst du hier eigentlich?

Und du musstest ihn dann wieder motivieren, Sammy? Ihr spielt ja nicht nur zusammen bei den „Winetown Golfers“, sondern auch Fußball bei der SG Weinstadt.

Sammy: Deshalb weiß ich bei France auch, dass ich ihn in Ruhe lassen muss. Wenn’s mal nicht läuft, kämpft er das mit sich selbst aus.

Wie war ansonsten die Atmosphäre während des Wettbewerbs? Wird da wie beim Fußball laut gejubelt oder geht’s ruhiger zu?

Francesco: Nee, man eskaliert da völlig. Wenn da ein richtig geiler Schlag rauskommt und man auf einem „Par drei“ die Bahn in zwei Schlägen schafft, dann lässt man schon mal ‘nen Schrei raus und liegt sich in den Armen. Wobei das auf einem normalen Golfplatz auch nicht sehr viel anders ist.
Sammy: Ein bisschen lauter sind wir schon.

Bei der Euro 2015 in London wurde in einem Park gespielt, wie sah der Kurs in Amsterdam aus?

Francesco: Wir haben auf dem NDSM-Gelände gespielt, das ist so ein alternatives Viertel genau gegenüber vom Hauptbahnhof. Da kann man mit der Fähre rüberfahren. Ein sehr geiles Gelände, riesengroß. Die Möglichkeiten dort waren enorm. Das war mit der geilste Kurs, auf dem wir je gespielt haben. Nur Asphalt, keine Wiese.

Beim Crossgolf gilt es, Hindernisse zu überwinden und am Ende ein Ziel anzuspielen, kein klassisches Loch.

Francesco: Es gab eine Bahn, da musste man einen Zugwaggon überspielen. Auf einer anderen musste man nur gerade schlagen und als Ziel einen riesengroßen Tyrannosaurus Rex treffen. Eine Bahn befand sich auf einem kleinen Steg, links und rechts Wasser.
Sammy: Ein Abschlag war vom Dach eines Restaurants.

Da seid ihr doch bestimmt aufgefallen. Gab’s viele Zuschauer?

Francesco: Klar, bei mehr als 100 Teilnehmern aus zehn Ländern. In Holland radeln ja eh alle mit ihren Fahrrädern durch die Gegend. Da haben viele angehalten und zugeschaut und gedacht: Was machen die denn da, die Vollidioten? Dann hat man natürlich auch kurz die Zeit, das zu erklären oder ihnen den Ball zu zeigen. Der ist etwas leichter als ein normaler Golfball.

Crossgolfer sind immer ein bisschen auf einer Mission?

Francesco: Genau. Es geht darum, den Sport zu repräsentieren und zu zeigen, dass das eine geile Sache ist und das eigentlich nichts Gefährliches passieren kann. So sind auch schon viele Leute dazugekommen. Bei unseren Turnieren in Weinstadt sind immer welche dabei, die noch nie einen Schläger in der Hand hatten.
Sammy: Aber am Anfang sind die meisten skeptisch.

Hat sich der Sport in den vergangenen Jahren weiter professionalisiert?

Francesco: Es gibt ein Komitee mit Deutschen und Franzosen, die diese Meisterschaften schon seit einigen Jahren organisieren. Da gibt es auch Turnierregeln und Statuten. Die Holländer haben sich aber nicht ganz so streng daran gehalten. Das hatte etwas von einem Just-for-fun-Turnier. Man durfte zum Beispiel jederzeit seine Matte unter den Ball legen, das gibt’s bei der Euro sonst nicht. Manche haben gespielt, wie sie wollten. Das war ein bisschen wild.

Aber die Franzosen haben am Ende verdient gewonnen?

Francesco: Ja, das sind schon richtig gute Spieler. Die spielen aber in Frankreich auch fast nur auf Asphalt und Beton, das kam ihnen entgegen. Am Ende waren es trotzdem nur vier Schläge Vorsprung. Das ist eigentlich gar nichts. Sammy: Die Franzosen sind aber auch schon weiter als wir Deutschen. Die haben eine eigene Liga, spielen das ganze Jahr über. Und die zwölf Besten kommen in die Nationalmannschaft. Francesco: Ich glaube, das wird’s in Deutschland in ein paar Jahren auch geben.

Und welche Rolle spielt Weinstadt im nationalen Vergleich?

Sammy: Wir hatten sechs Spieler, die probiert haben, in die Nationalmannschaft zu kommen, wir zwei haben es geschafft. Ein Dritter, Florian Hillinger, war als Nachrücker dabei. Auf Turnieren sind wir immer mit zwei, drei Leuten in den Top 20. Auf unsere Turniere kommen Leute aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Ungarn. Wir haben uns schon einen Namen gemacht.
Francesco: Uns gibt es jetzt seit 2011. In den letzten Jahren merkt man: Es wird immer beliebter. Es kommen auch immer mehr Platzgolfer zu uns, die finden einfach die Atmosphäre geil – dass du auch mal fluchen oder deinen Schläger wegschmeißen kannst und dass nebenher Musik gehört wird.

Crossgolf ist für alle da?

Sammy: Ja. Wer uns fragt, ob er’s mal probieren darf, dem bringen wir Schläger und Bälle mit, geben eine Einführung. Ausprobieren kann das jeder: Jung, alt, ...

Besonders fit muss man fürs Golfen auch nicht sein ...

Francesco: Das stimmt nicht. Wer auf dem Golfplatz 18 Loch spielt, ist drei, vier Stunden unterwegs, macht über 200 Schwünge und, wenn’s gut läuft, 85, 90 Schläge. Danach bist du fix und fertig. Auch psychisch.
Sammy: Beim Quali-Turnier in Aachen hatte einer von uns einen Schrittzähler dabei. Wir haben an einem Tag 17 Kilometer zu Fuß zurückgelegt – und die ganzen Schläger mussten wir ja auch mitschleppen.

Frauen sieht man beim Crossgolf eher selten, oder?

Francesco: Es werden immer mehr. Wir haben in unserer Crew eine Frau: Katharina Eschenfeld. Sie ist echt gut. Auf den Turnieren gehört sie meistens zu den Top drei.
Sammy: Es kommen auch immer mehr Frauengruppen zu den Turnieren. Die verkleiden sich dann oft wie auf einem Junggesellinnenabschied und haben ihren Spaß. Das ist aber völlig in Ordnung.

Winetown Golfers

  • Crossgolf (etwa: Querfeldein-Golf) wird mit einem extraleichten Ball gespielt, damit keine Scheiben zu Bruch gehen oder Menschen verletzt werden können. Generell gilt das Motto „safety first“, also „Sicherheit an erster Stelle“.
  • Die „Winetown Golfers“ trainieren meistens am Wochenende am Bildungszentrum Benzach. Feste Zeiten gibt’s nicht. Kontakt aufnehmen kann man über die Homepage oder auf der Facebookseite.
  • Gewonnen haben die Deutschen bei der EM in Amsterdam übrigens einen Pokal und eine Magnumflasche Sekt. Preisgeld gab’s keins. Gesponsert wurden Sammy und Francesco bei ihrer Reise vom Fischermühle-Biomarkt, Robert Reuter Gebäudereinigung und Christian Lebar von der Württembergischen Versicherung.
  • Als Unterkunft diente den Crossgolfern ein Campingplatz. Ein bisschen „hippiemäßig“ war’s da, erzählt Francesco Montorselli, aber eben auch Holland pur.