Weinstadt

Afghane verletzt behindertes Flüchtlingskind schwer

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen/Weinstadt. Hat Yama P. die neunjährige Schwester seiner Frau mit Absicht zu Boden geschleudert – oder war alles nur ein Unfall? Das geistig behinderte Kind wurde jedenfalls in der inzwischen aufgelösten Flüchtlingsunterkunft am Saffrichhof lebensgefährlich verletzt. Das Waiblinger Schöffengericht verurteilte Yama P. nun zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Als Yama P. mit Frau und Tochter aus Afghanistan vor den Taliban floh, nahm er Salma (Name geändert) mit. Das inzwischen neunjährige Mädchen ist die jüngere Schwester seiner Frau und leidet am Down-Syndrom. Vormund ist zwar das Jugendamt, aber Salma wohnte lange bei Yama P. und seiner Familie – bis zu jenem 12. September vergangenen Jahres, der alles veränderte. In der Asylbewerberunterkunft auf dem Saffrichhof wurde damals von den vorwiegend muslimischen Bewohnern das islamische Opferfest gefeiert. Gegen 17.30 Uhr befand sich Salma in der Nähe einiger älterer Pakistaner, die Alkohol tranken – und das störte Yama P. außerordentlich. Also ging er zu ihr und packte sie. Was nun genau geschah, dazu gibt es unterschiedliche Versionen. Fakt ist, dass Salma mit dem Kopf auf den asphaltierten Boden knallte. Sie erlitt eine Schädelfraktur und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, schwebte in Lebensgefahr und wurde ins künstliche Koma versetzt. Heute geht es ihr wieder gut. Ohne die schnelle und gute medizinische Versorgung wäre sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestorben.

Zwei Übersetzer sind für die Zeugenbefragung nötig

Das Waiblinger Schöffengericht versuchte am Dienstagvormittag nun in einer rund vierstündigen Verhandlung herauszufinden, was an jenem Septembertag in der inzwischen aufgelösten Flüchtlingsunterkunft am Saffrichhof genau passierte. Acht Zeugen wurden vernommen, die meisten davon Bewohnerinnen der Unterkunft. Dazu waren zwei Übersetzer nötig: einer für Dari (Amtssprache in Afghanistan) und einer für Urdu (Amtssprache in Pakistan). Was die Staatsanwaltschaft Yama P. vorwarf, hatte es in sich: Es ging um nichts anderes als die schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen. Amtsrichter Martin Luippold und seine beiden Schöffen mussten klären, was für die Schuld des Angeklagten spricht und was dagegen.

„Ich habe nicht die Absicht gehabt, sie zu Boden zu werfen“

Bei der Polizei hatte Yama P. zunächst angegeben, dass Salma aus dem Fenster gefallen sei – was jedoch den Aussagen einiger Zeugen widersprach. Diese Lüge räumte er nun während der Verhandlung auf Nachfrage von Amtsrichter Luippold ein. „Ich habe Angst bekommen“, sagte der 27-Jährige. Er habe gedacht, dass er ins Gefängnis müsse und abgeschoben werde. Yama P. gab zu, dass die neunjährige Salma wegen ihm auf den Boden gefallen ist – allerdings schildert er das Geschehen als tragischen Unfall. „Ich habe nicht die Absicht gehabt, sie zu Boden zu werfen“, beteuerte der Afghane. Vielmehr sei Salma unglücklich gestürzt, nachdem er sie von den alkoholisierten Pakistanern weggetragen habe. „Ich wollte sie nicht werfen, ich wollte sie auf den Boden setzen.“ Dass Salma sich so schwer verletzte, treibt Yama P., der die vergangenen fünf Monate in Untersuchungshaft saß, bis heute um. „Ich bereue das sehr – ich wollte nicht, dass sie verletzt wird“, sagte er unter Tränen.

„Er hat sie gehoben und sie runtergeschmissen“

Salma selbst wurde nicht als Zeugin geladen. Richter Luippold begründete es damit, dass das Mädchen aufgrund seiner geistigen Behinderung auch von afghanischen Landsleuten nur sehr schwer verstanden werden kann. Die ersten Zeuginnen, die aussagten, gaben an, den Vorfall an jenem 12. September nur vom Hörensagen zu kennen. Ein achtjähriges Mädchen sagte hingegen aus, dass sie sah, wie Yama P. hinter Salma herlief, sie packte, hochhub und sie nach vorne zu Boden warf. Und ein pakistanischer Zeuge, der extra aus Niedersachsen anreiste, bestätigte diese Version. „Er hat sie gehoben und sie runtergeschmissen.“ Zudem schilderte er, dass nach jenem Vorfall einige Männer auf ihn zukamen und meinten, dass er all das, was geschehen sei, auf keinen Fall weitererzählen dürfe. Für die Staatsanwältin war jedenfalls eindeutig, dass Yama P. gefühllos gegenüber dem Kind gehandelt und es bewusst zu Boden geworfen hat – für sie eine schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie forderte daher drei Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe, der Yama P. verteidigte, verwies hingegen auf die „Erziehungsgepflogenheiten“, mit denen sein Mandant in Afghanistan aufwuchs, und auf seine gute Absicht, das Mädchen vor den angetrunkenen Pakistanern zu beschützen. Anhand der „schillernd bunten“ Zeugenaussagen ist laut Rabe nicht eindeutig zu belegen, ob Yama P. nun das Kind bewusst zu Boden geworfen oder ihm nur „einen Impuls nach vorne“ gegeben hat. Er plädierte daher für eine Freiheitsstrafe auf Bewährung.

50 Stunden gemeinnützige Arbeit

Dem schloss sich auch das Schöffengericht an und verurteilte Yama P. wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 18 Monaten auf Bewährung. Er muss nun 50 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten. Richter Luippold betonte, dass er beim Angeklagten keine Absicht erkennen konnte. Wiederholungsgefahr sieht er nicht. „Es war ein einmaliger Vorfall.“

Keine Misshandlung von Schutzbefohlenen

Unter Misshandlung von Schutzbefohlenen versteht der Gesetzgeber jene Fälle, in denen ein Mensch eine Person unter 18 oder eine wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die seiner Fürsorge untersteht oder ihm im Rahmen eines Dienstverhältnisses untergeordnet ist, quält, roh misshandelt oder böswillig vernachlässigt. Dann droht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Dieser Vorwurf stand bei Yama P. zunächst im Raum – und die Staatsanwaltschaft sah sich in ihrer Auffassung durch die Zeugenaussagen bestätigt. Das Schöffengericht folgte dieser Sicht nicht – und sah nur eine vorsätzliche Körperverletzung vorliegen, die weniger schwer wiegt.