Weinstadt

Alkoholabhängigkeit: Hilfe für Angehörige

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Symbolbild. © ZVW / Schneider

Weinstadt. „Wieso gehst du nicht einfach?“ Wie oft sie diese Frage schon gehört hat, kann Martina Weiß nicht sagen. Was sie aber weiß: So einfach ist es nicht. Gefühle spielen mit und auch die eigene Persönlichkeit. Sich als Angehöriger von Suchtkranken Hilfe zu holen, ist wichtig, sagt sie – doch es kann auch schmerzhaft sein.

Wut, Trauer oder Frust, mit ein oder zwei Gläschen fühlt sich alles nicht mehr so schlimm an. „So beginnt es. Mit ein oder zwei Bier. Irgendwann reichen die aber nicht mehr“, sagt Martina Weiß. Die Grenzen zwischen Genusstrinker und Abhängigem sind fließend, sagt die Gruppenleiterin des Blauen Kreuzes Weinstadt (siehe Infobox).

Viele trinken erst abends, berichtet sie. Sie bekommen ihren Alltag auf die Reihe, aber wenn sie zur Ruhe kommen, dann steigen die Emotionen hoch. Über ihre Sucht zu sprechen fällt vielen schwer – immer noch haftet dem Alkoholismus ein Stigma an. Meist seien es die Angehörigen, die irgendwann den Mund aufmachten und sagten: „Ich kann nicht mehr.“

Kinder von Süchtigen suchen sich oft suchtkranke Partner

Weiß kennt das aus eigener Erfahrung. Sie ist als Angehörige gleich dreifach betroffen. „Wenn man zum Beispiel als Kind eines Suchtkranken aufwächst, dann nimmt man diese Prägung oft in eine Beziehung mit“, sagt sie.

Kinder von Süchtigen übernehmen häufig Aufgaben, die sie eigentlich noch gar nicht erfüllen könnten. Sie lernen, sich zu kümmern, zu versorgen, viel zu früh Verantwortung zu übernehmen. „Und diese Verhaltensweisen nimmt man auch mit in eine Partnerschaft oder gibt sie an die eigenen Kinder weiter“, fährt Weiß fort. Es sei ein Teufelskreis, der sich ewig wiederhole – wenn nicht irgendwann jemand ausbräche.

Angehörige müssen raus aus der Co-Abhängigkeit

Ausbrechen aus der Tretmühle, aus alten Mustern und aus der Verleugnung, darum geht es laut der Gruppenleiterin. Denn als Angehöriger eines Süchtigen lebe man immer in einer Art Symbiose mit diesem. „Die Sucht, gebraucht zu werden“, definiert Weiß diese sogenannte Co-Abhängigkeit.

Viel wichtiger als die Frage „Was kann ich tun, damit mein Angehöriger aufhört, zu trinken“ sei, das eigene Verhalten zu hinterfragen. „Wieso habe ich mich auf einen Suchtkranken eingelassen, und was hat dessen Suchtverhalten mit mir gemacht“, das sind die Fragen, die Angehörige sich stellen sollten, sagt Weiß.

Nach Therapie beginnen Konflikte erst richtig

Die Probleme lösten sich nicht alleine dadurch in Luft auf, dass der Angehörige aufhöre zu trinken. Im Gegenteil: Kommt jemand therapiert aus dem Entzug zurück nach Hause, beginnen die Konflikte Weiß zufolge manchmal erst richtig. Der Therapierte wolle sich dann auf einmal einbringen, Verantwortung übernehmen. Für den Partner oder anderen Angehörigen sei dies schwierig, wenn er in seiner eingeübten Rolle verharre. „Da gibt es dann jede Menge Reibungspunkte“, sagt Weiß.

Der eigentliche Schlüssel liege darin, das eigene Leben nicht mehr abhängig von dem Suchtkranken zu machen. „Ich muss geradlinig weitergehen und mein eigenes Leben leben, diese Konsequenz bewirkt meist etwas“, erklärt sie. Und es sei wichtig, die Machtspielchen zu lassen.

Eigene Rolle hinterfragen

Allzu oft sei die Beziehung zwischen Süchtigen und Angehörigen geprägt davon: „Als Co-Abhängiger hat man auch ein Stück weit etwas von der Sucht des anderen. Man wird gebraucht.“ Auch das könne süchtig machen. Hier genau hinzusehen, sich selbst zu entdecken und ehrlich festzustellen, dass das eigene Handeln nicht aus reiner Nächstenliebe getrieben war – das kann natürlich extrem schmerzhaft sein.

Unterstützung können Betroffene in einer Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes in Weinstadt finden. Festzustellen, dass es andere gebe, denen es genauso gehe, bringe Erleichterung, berichtet Weiß aus ihrer eigenen Erfahrung. Mit anderen zu reden, die eine ähnliche Situation erleben, mache Mut, gebe Hoffnung.

Und es helfe, das eigene Verhalten zu reflektieren, sagt Weiß. Eine Schlüsselfrage sei die nach dem eigenen Selbstwertgefühl. Darin seien sich Betroffene und Angehörige meist gar nicht so unähnlich: Lernten sie, eine gesunde Beziehung zum Selbst zu führen, dann werde der Sucht die Möglichkeit genommen, anzudocken.


Kontakt

  • Das Blaue Kreuz bietet christlich-überkonfessionelle Selbsthilfegruppen für Süchtige und deren Angehörige.
  • Weitere Informationen zum Weinstädter Ortsverein sind auf der Homepage www.weinstadt.blaues-kreuz.de zu finden.
  • Angehörige von Suchtkranken, die mehr erfahren möchten, können sich telefonisch bei Martina Weiß (0 71 51/2 71 54 56) melden. Die Gruppe ist auch offen für Menschen aus anderen Gemeinden.