Weinstadt

Anfeindung beim Einkaufen

BilalKhodor
Der 19-jährige Bilal Khodor sagt: „Ich bin gläubiger Moslem, aber deshalb doch noch lange kein Terrorist.“ © ZVW

Weinstadt-Endersbach. Ein junger Mann ist beim Einkaufen. Er telefoniert. Auf Arabisch, denn er spricht mit seinem Schwager, der erst vor kurzem aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Als er Brötchen holen will, legt er kurz seine Einkaufstasche ab. Eine Frau rennt vor ihm weg, fluchtartig. Was klingt wie eine Szene aus „Versteckte Kamera“, ist tatsächlich so passiert. Hier in Weinstadt.

Über sein Erlebnis schreibt der junge Mann auf Facebook: „An die Frau, die ich bei meinem gestrigen Einkauf in Weinstadt-Endersbach getroffen habe, die wahrscheinlich meinen arabischen Dialekt gehört hat, als ich am Telefonieren war .... und als ich beim Brötchenkaufen kurz meine Einkaufstasche weglegte ... ist sie so schnell wie möglich von mir weggerannt. Erst dachte ich, das ist alles ein schlechter Scherz. Doch als ich mich dann umsah und noch von weiteren Leuten schief angeguckt wurde, ist mir erst so einiges klargeworden [...] Es ist traurig. Klar passieren auf dieser Welt grad Sachen, die nicht passieren sollten. Aber muss ich jetzt dafür die Konsequenzen tragen?“

Bilal Khodor ist 19 Jahre alt. Der gelernte Maler und Lackierer hat seine Wurzeln im Libanon, ist aber in Tübingen geboren und in Beutelsbach aufgewachsen. Ein echter Schwabe also. Was ihm da neulich beim Einkaufen widerfahren ist, kann der junge, unauffällige Mann noch immer kaum glauben. Wie jeden Samstag, berichtet er, sei er für einen älteren Herrn aus Endersbach einkaufen gegangen. Seit dieser, der Nachmieter in der ehemaligen Wohnung seiner Eltern, sich nicht mehr selbst versorgen könne, habe er das für ihn übernommen.

Mit so etwas habe er überhaupt nicht gerechnet: „Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was los ist. Ich dachte wirklich, das ist ein Scherz“, sagt Khodor, immer noch fassungslos. Erst später, zu Hause, sei ihm klargeworden, dass die Frau, die vor ihm weggerannt sei, ihn offenbar für einen Terroristen gehalten habe. „Aber vor Ort war ich so verunsichert, ich habe mich nicht mal getraut, nachzufragen, was los ist“, erinnert er sich.

„Ich habe das Gefühl, es gibt mehr Misstrauen“

Dass er auf manche Menschen auf einmal offenbar bedrohlich wirkt, verletzt den jungen Mann aus Beutelsbach. „Ich habe schon das Gefühl, dass mir immer mehr Misstrauen entgegenschlägt“, berichtet er. Meist seien es zwar nur komische Blicke, aber er sei auch schon ganz offen angefeindet worden. „Als ich mal einen älteren Herrn auf der Straße nach dem Weg zum Flüchtlingsheim auf dem Schönbühl gefragt habe, hat er mich auf einmal angeschrien. Wir sollten doch alle nach Hause gehen, das hier sei Deutschland und Syrien sei Syrien.“ Obwohl er ja gar nicht aus Syrien stamme, sondern aus dem Libanon, sagt Khodor.

„Nach jedem Terroranschlag kommen die Leute auf mich zu“

Genau das sei das Problem: dass häufig alle fremdländisch aussehenden Menschen über einen Kamm geschoren würden. „In jeder Nationalität und Religion gibt es schwarze Schafe, aber so sind eben nicht alle“, betont Bilal Khodor. Er sei es leid, unter eine Art Generalverdacht gestellt zu werden, weil er Moslem sei. Ja, er sei gläubig, habe sogar einen Gebetswecker. „Aber ich distanziere mich ganz klar von Extremisten und von allen, die meinen, sie hätten das Recht, Menschen zu verletzen oder gar umzubringen.“ Hier liege schon das nächste Problem. „Nach jedem Terroranschlag kommen die Leute auf mich zu: Und, was sagst du dazu? Und ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen“, sagt der 19-Jährige. „Es ist furchtbar, was gerade in der Welt passiert. Wirklich furchtbar“, betont er. Aber er könne doch genauso wenig dafür. Dass die Leute Fragen stellen, findet er okay. Er unterhalte sich gerne, auch über seinen Glauben und über das, was in der Welt passiere. Aber es komme auf die Art und Weise an: „Oft kommt das so vorwurfsvoll rüber.“

Er verstehe, dass die Angst vor dem Terror wachse, gerade vor dem Hintergrund dessen, was in den vergangenen Wochen auch hier in Deutschland passiert sei. Aber er wünscht sich, dass die Leute ihm trotzdem offen begegnen. „Ein Mensch ist ein Mensch und soll auch so behandelt werden“, sagt Bilal Khodor überzeugt. Niemand solle aufgrund seiner Religion, Hautfarbe oder seines Aussehens angefeindet werden.

Integriert

Bilal Khodors Eltern leben seit fast 35 Jahren in Deutschland. Sie mussten damals vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland Libanon fliehen.

Beide Elternteile sprechen fließend Deutsch. „Meine Familie hat sich hier integriert und etwas aufgebaut. Darauf bin ich stolz“, sagt der 19-Jährige aus Beutelsbach. Nun hätten sie oft das Gefühl, wieder von vorne anfangen zu müssen.