Weinstadt

Auf dem Weg zur Arbeit Müll sammeln

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Bettina Hampel wünscht sich, dass andere ihrem Beispiel folgen. Auf Facebook hat sie eine Gruppe mit dem Namen „Nimm’s doch einfach mit“ gegründet, mit der sie Nachahmer gewinnen will. © Palmizi/ZVW
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Pendlerserie
„Ich kann einfach nicht mehr vorbeifahren“: Wenn Bettina Hampel auf ihrem Weg zur Arbeit in Cannstatt Müll entdeckt, sammelt sie ihn auf. © ALEXANDRA PALMIZI

Weinstadt. „Irgendwann hatte ich die Nase voll“: Bettina Hampel wollte auf der Strecke von Endersbach nach Cannstatt nicht mehr im Stau stehen – und sattelte im Frühjahr 2015 aufs E-Bike um. Seither ist sie auf dem Weg zur Arbeit viel entspannter. Dabei sammelt sie nun auch Abfall ein, den sie am Straßenrand entdeckt: Bettina Hampel will so ihren Beitrag für saubere Wege leisten.

„Warum nimmst du den Müll nicht einfach mit, anstatt dich zweimal am Tag darüber zu ärgern?“ So fing es vor einigen Wochen an. Bettina Hampel war mit ihrem E-Bike auf dem Weg zur Arbeit in Bad Cannstatt, hatte eine Tüte dabei und packte den Müll ein, der verstreut auf der Fahrbahn und dem Radweg lag. Seitdem hebt sie immer etwas auf, mal mehr, mal weniger. Vor allem rund um Schulen bemerkt sie ein erhöhtes Abfallaufkommen, von auf den Boden geworfenen Süßigkeitenverpackungen bis zu Plastik-Trinkbehältern von Fast-Food-Ketten. Auf Facebook hat die 49-Jährige die Gruppe „Nimm’s doch einfach mit“ gegründet, in der sie über ihre Erfahrungen mit dem Müllsammeln schreibt und mit der sie Nachahmer gewinnen möchte.

Manchmal hat sie das Gefühl, von Passanten komisch angesehen zu werden, wenn sie Müll aufhebt – aber damit kommt die Endersbacherin zurecht. Es überwiegen die positiven Aspekte. „Für mich ist es eine gewisse Befriedigung.“ Es ist dabei nicht nur das Müllsammeln auf dem Weg zur Arbeit, dass der 49-Jährige guttut. Seit Bettina Hampel vor dreieinhalb Jahren beschloss, mit dem E-Bike zur Arbeit zu fahren, ist ihre Lebensqualität laut eigener Aussage enorm gestiegen.

Vermeintlich verkehrsgünstig: „Das hat sich schnell als Irrtum erwiesen“

Als Bettina Hampel 2006 nach Endersbach zog, dachte sie, dass sie von dort aus mit Auto oder Bahn schnell zur Arbeit kommt. Schließlich liegt gerade dieser Weinstädter Stadtteil vermeintlich verkehrsgünstig, mit der Nähe zur B 29 und zwei S-Bahn-Haltestellen. „Das hat sich schnell als Irrtum erwiesen“, sagt die 49-Jährige. Denn Staus auf der Straße und Verspätungen sowie Ausfälle bei der S-Bahn lassen den Weg zur Arbeit schnell zur Geduldsprobe werden. Bettina Hampel hat es mit dem Auto lange über Ausweichstrecken probiert, etwa über Rommelshausen – „aber da merkt man auch, dass die Schleichwege immer voller werden“.

Wenn es gut lief, war sie auf der Strecke nach Cannstatt 20 Minuten unterwegs, ansonsten eben bis zu 45 Minuten. Auch die S-Bahn war keine angenehme Alternative: Morgens ist diese ihrer Erfahrung nach meist voll besetzt, im Winter oft auch noch überheizt. Eng gequetscht an andere stehende Menschen, ohne Chance auf einen Sitzplatz zur Arbeit zu fahren war für Bettina Hampel nicht gerade reizvoll. Geändert hat die heute 49-Jährige allerdings erst etwas, als sie bei einem Klassentreffen einen alten Schulkameraden traf, der schon länger mit dem E-Bike zur Arbeit fuhr und ihr zu einem guten Preis das E-Bike seines Schwiegervaters anbot. Bettina Hampel kaufte es, investierte noch etwas Geld – und ist damit bis heute mehr als zufrieden.

Zeit, die eigene Umgebung wahrzunehmen und zu erkunden

Wenn sie nun zur Arbeit fährt, kann es natürlich sein, dass sie zumindest unterm Helm ins Schwitzen kommt. Dann wäscht sie sich eben im Büro in der Toilette die Haare und föhnt sich im Anschluss. „Da will man ja nicht ganz verschwitzt aussehen.“ Morgens ist Bettina Hampel viel weniger gestresst, da sie sich nicht mehr durch Staus quälen muss. Sie hat Zeit, wahrzunehmen, wie sich die Natur um sie herum verändert, wie sich die Lichtverhältnisse wandeln und was die Kommunen, durch die sie radelt, so zu bieten haben. „Man ist überrascht, was man so sieht, wenn man nicht immer die gleiche Strecke fährt.“

Wenn Bettina Hampel an ihrem Arbeitsplatz in Bad Cannstatt ankommt, muss sie im Gegensatz zu früher auch nicht ewig nach einem Parkplatz fürs Auto suchen. Gerade wird bei ihr das Parkhaus für die Mitarbeiter umgebaut, entsprechend schwierig gestaltet sich die Suche in einer ohnehin schon zugeparkten Gegend. So gesehen hat die 49-Jährige laut eigenem Bekunden eigentlich mehr Komfort als früher. „Es wird richtig bequem mit dem Fahrrad, so paradox das klingt.“

Tipps für den Winter

Damit das E-Bike-Fahren zur Arbeit auch im Winter nicht ungemütlich wird, hat Bettina Hampel einige Tipps für unsere Leser. Zum einen fährt sie immer mit Funktionsjacke. „Die hält mollig warm.“

Für ihre Finger hat die 49-Jährige keine normalen Handschuhe, sondern Drei-Finger-Handschuhe. Wenn die fünf Finger nicht alle getrennt sind, bleiben die Hände wärmer. Gleichzeitig bietet dieses Modell im Gegensatz zu Fäustlingen mehr Bewegungsfreiheit, was beim Radfahren wichtig ist.

Ein weiteres Hilfsmittel sind für Bettina Hampel Einmal-Fußsohlenwärmer, die man einfach in die Schuhe legt. „Die reißt man auf und dann halten diese ein paar Stunden lang.“