Weinstadt

Aussetzung der Präsenzpflicht: Weinstädter Lehrerin befürchtet, dass Schüler abgehängt werden

Symbolfotoschulecorona
Je länger ein Kind getrennt von seiner Klasse daheim gelernt hat, desto schwerer fällt das Wiederkommen, so lautet eine Befürchtung. © ALEXANDRA PALMIZI

Eltern, die die Aussetzung der Präsenzpflicht an den Schulen ausnutzen, weil sie mit „dem System“ sowieso nicht einverstanden sind, Schüler, an die man über den Fernunterricht kaum herankommt, und Kinder, denen das Wiedereingliedern in die Schulklasse schwerfällt, weil sie so lange zu Hause waren – all das hat eine Lehrerin in den vergangenen Wochen und Monaten miterlebt. Weil es ihr große Sorgen bereitet, wie sich die Aussetzung der Präsenzpflicht auf einige ihrer Schüler auswirkt oder noch auswirken könnte, hat sie sich an unsere Redaktion gewandt.

Eltern können ihre Kinder ohne Attest daheim lassen

„Als Lehrerin beobachte ich, dass die ausgesetzte Präsenzpflicht für einige Schüler/-innen zu erheblichen Nachteilen führen kann“, so die Lehrerin, die zu ihrem eigenen und zum Schutz ihrer Schüler anonym bleiben möchte.

In Baden-Württemberg ist die Präsenzpflicht nach wie vor ausgesetzt: Eltern können frei entscheiden, ob sie ihre Kinder daheimlassen, auch wenn die Schulen offen haben – ohne ein Attest vorlegen zu müssen. Wann diese Regelung enden wird, ist nicht klar. „Die Präsenzpflicht ist in Baden-Württemberg aufgrund der pandemischen Lage weiterhin ausgesetzt“, informiert Fabian Schmidt, Pressereferent des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg.

Ist die Regelung noch angemessen?

Dies sei durch den dritten Paragrafen der „Corona-Verordnung Schule“ klar geregelt: „Den Erziehungsberechtigten oder volljährigen Schülerinnen und Schülern ist es gestattet, gegenüber der Schule zu erklären, dass die Schulpflicht bis auf weiteres im Fernunterricht erfüllt wird“, heißt es dort im Absatz neun.

„Die Erklärung ist grundsätzlich zum Ende des Schulhalbjahres oder Schuljahres abzugeben; bei einer wesentlichen Änderung der Verhältnisse kann sie mit Wirkung für die Zukunft widerrufen werden.“ (Nachlesbar auf der Internetseite des Kultusministeriums unter dem Link km-bw.de/CoronaVO+Schule).

Viele Lehrer sind mittlerweile geimpft

Die Weinstädter Pädagogin kritisiert, dass diese Regelung immer noch gültig ist, obwohl das Infektionsgeschehen Unterricht im Klassenzimmer ihrer Meinung nach längst zulässt, ohne dass dabei Schüler oder Lehrer gefährdet werden.

Die Lehrer hätten schließlich mittlerweile die Möglichkeit gehabt, sich impfen zu lassen, wenn sie das wollen. Und Kinder, die wirklich besonders gefährdet sind, könnten ja trotzdem weiterhin von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen – wenn es ein ärztliches Attest gibt, das zum Beispiel eine Vorerkrankung bestätigt oder auf ein besonders gefährdetes Familienmitglied hinweist.

Eltern ist Corona egal, Kinder bleiben dennoch daheim

„Im Schulalltag erlebe ich, dass nicht immer die pandemische Lage auch tatsächlich der Grund ist, warum Schüler zu Hause bleiben“, so die Lehrerin. Das seien zwar wenige Einzelfälle, aber trotzdem habe sie es mittlerweile mehrmals erlebt, dass Eltern der Schule gegenüber klarmachen, dass ihnen Corona eigentlich egal ist – sie hätten dann andere Gründe, wieso sie die Kinder nicht in die Schule lassen.„Zum Beispiel, weil das System an sich ihrer Meinung nach nicht geeignet sei für ihr Kind“, berichtet sie. Auch Gespräche der Schulleitung mit den jeweiligen Eltern hätten da wenig Wirkung gezeigt.

Obwohl ja weiterhin Schulpflicht besteht, seien manche der betroffenen Schüler auch über den Fernunterricht nur schwer zu erreichen: „Teilweise erreicht man sie, teilweise nicht.“ In diesen Fällen würden immer wieder neue Ausreden vorgeschoben, Ausreden, die die Schule nur sehr schwer oder gar nicht überprüfen könne. „Daher bin ich, in einzelnen Fällen, besorgt um die Kinder und Jugendlichen und würde mir wünschen, dass zumindest die Vorlage eines Attests nötig ist, um Schüler vom Präsenzunterricht zu befreien.“

Maskenpflicht wird aufgehoben

Klar sei, dass bei manchen der betroffenen Familien die Maskenpflicht ursprünglich ein Grund dafür ist, das Kind daheim zu lassen. Neu ist jedoch: Die Maskenpflicht fällt bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 35 und 14 Tage ohne Corona-Fälle an der jeweiligen Schule weg. Diesen Beschluss hat das Regierungspräsidium den Schulleitungen jetzt mitgeteilt, er soll am Montag, 21. Juni, in Kraft treten. Auch an Weinstädter Schulen sind diese Voraussetzungen erfüllt, die Maskenpflicht wird also voraussichtlich vielerorts entfallen. 

Dass deshalb auf einen Schlag alle ihre „Sorgenkinder“ zurückkehren, glaubt die Lehrerin trotzdem nicht: „Da sind mittlerweile teilweise noch andere Hürden entstanden.“ So geht sie davon aus, dass teilweise ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt hat: „Die Eltern sagen sich: Das klappt doch ganz gut so zu Hause.“

Für die Kinder hingegen habe das Lernen allein zu Hause, während der Rest der Klasse gemeinsam im Klassenzimmer lernt, auch soziale und psychische Auswirkungen: „Das wirkt sich so aus, dass die Schüler sich schwer damit tun, zurück in die Gruppe zu kommen.“ Je länger das Kind nicht bei seinen Klassenkameraden war, desto mehr potenziert sich dieser Effekt, fürchtet die Pädagogin. Besonders, wenn die Eltern vielleicht gar nicht wollen, dass das Kind wieder in die Schule geht.

Dem Kultusministerium ist das Problem bewusst

Der Pressereferent des Kultusministeriums, Florian Schmidt, teilt dazu mit, im Ministerium sei man sich bewusst darüber, dass die Befreiung von der Präsenzpflicht für manche Kinder und Jugendlichen langfristig schwierig werden und einige Kinder dadurch sogar langfristig abgehängt werden könnten.

Es gebe aber immer noch Familien, die ihre Kinder aus Angst um deren Gesundheit oder um die Gesundheit vorerkrankter Familienmitglieder daheim lassen möchten: „Mit Rücksicht auf deren besondere Situation  haben wir von Anfang an den Eltern das Recht eingeräumt, ihre Kinder auch formlos vom Präsenzunterricht entschuldigen zu können“ – ganz ohne bürokratische Hürden wie ein Attest.

Nur ein Prozent der Schüler sind zu Hause 

Bei Abfragen an verschiedenen Schulen habe sich ergeben, dass nur etwa ein Prozent der Schüler die Befreiung in Anspruch nehmen. Auch in Weinstadt wird die große Mehrzahl der Schüler in der Schule unterrichtet. „Gleichwohl gehört es zum ständigen Prozess in unserem Haus, dass wir die gültigen Regelungen immer wieder auf den Prüfstand stellen und auch anpassen, wenn es das Infektionsgeschehen notwendig beziehungsweise möglich macht“, so der Sprecher des Kultusministeriums.

Auch Rückmeldungen von Schulen und Lehrkräften, wie in diesem Fall der Lehrerin aus Weinstadt, nehme das Ministerium sehr ernst: „Zumal wir ohnehin großes Interesse daran haben, dass der Unterricht grundsätzlich komplett und für jeden in Präsenz stattfindet.“ Trotzdem müsse das Kultusministerium alle neuen Regelungen in Hinblick auf die Corona-Pandemie sorgfältig abwägen und prüfen, ab wann die Wiedereinführung der Präsenzpflicht auch im Sinne des Gesundheitsschutzes für besondere Risikogruppen verantwortbar sei.

Eltern, die die Aussetzung der Präsenzpflicht an den Schulen ausnutzen, weil sie mit „dem System“ sowieso nicht einverstanden sind, Schüler, an die man über den Fernunterricht kaum herankommt, und Kinder, denen das Wiedereingliedern in die Schulklasse schwerfällt, weil sie so lange zu Hause waren – all das hat eine Lehrerin in den vergangenen Wochen und Monaten miterlebt. Weil es ihr große Sorgen bereitet, wie sich die Aussetzung der Präsenzpflicht auf einige ihrer Schüler auswirkt oder noch

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