Weinstadt

Autofahrer aus Weinstadt rastet aus: Schlummert dieses Potenzial in allen von uns?

Blitzer
Weil er auf dem Bundesstraßenteiler vermeintlich rechts überholt worden ist, sind bei einem Autofahrer aus Weinstadt die Sicherungen durchgebrannt. © Gabriel Habermann

Ein Weinstädter rastet am Steuer seines Wagens aus, beschimpft und bedrängt einen anderen Autofahrer und tritt diesem schließlich an einer Ampel die Tür kaputt. Jetzt ist die Sache am Amtsgericht Waiblingen verhandelt worden – und der Mann wirkte nach einem Jahr immer noch erschrocken über sich selbst. Schlummert solches Aggressionspotenzial in allen von uns? Der Korber Verkehrspsychologe Prof. Dr. Ralf Brinkmann sagt: Aggressionen im Straßenverkehr nehmen immer mehr zu.

Mai 2020: Auf dem Teiler der Bundesstraßen 14 und 29 brennen Henning W. (Name geändert) die Sicherungen durch. Er fährt mit seinem Auto auf der linken Spur der B 29 in Richtung Weinstadt, als ihn auf Höhe der Blitzeranlage ein aufgemotzter, roter Kleinwagen rechts überholt, um dann vor ihm auf die linke Spur einzufädeln.

Henning W. ist außer sich: Hupt, gestikuliert, zeigt den Stinkefinger

Henning W., ein 42-jähriger Kaufmann, der in Weinstadt lebt und sich noch nie etwas zuschulden hat kommen lassen, ist außer sich. Er hupt, schaltet sein Fernlicht an, gestikuliert wild mit den Armen, zeigt den Mittelfinger, fährt dicht auf.

Seine Frau, die das Ganze auf dem Beifahrersitz miterlebt, wird noch Monate lang verstört sein vom Verhalten ihres Mannes.

Zu allem Überfluss steigt der andere Autofahrer darauf ein, zeigt seinerseits den Stinkefinger. Als Henning W. ihn überholt, nehmen die beiden Blickkontakt auf und schimpfen aufeinander. Als der andere die Bundesstraße an der Ausfahrt Endersbach verlassen möchte, fädelt Henning W. vor ihm ein und bremst stark ab.

Zeuge: "Wir können von Glück reden..."

Der 28-Jährige erinnert sich etwas mehr als ein Jahr später im Amtsgericht Waiblingen, „voll in die Eisen“ gestiegen zu sein, um einen Unfall zu verhindern: „Wir können von Glück reden, dass niemand hinter uns war“, sagt der Mann aus Aichwald.

Doch damit nicht genug: Nachdem die beiden die Bundesstraße verlassen haben, kommen sie hintereinander an der Landhauskreuzung zum Stehen. „Hier hat sich mein Mandant bedauerlicherweise für eine weitere Kontaktaufnahme entschieden“, sagt Henning W.s Verteidiger.

Der Aichwälder erinnert sich: Henning W. sei ausgestiegen, habe ihn beschimpft und zweimal gegen die Fahrertür seines Flitzers getreten. Erst dann trennen sich die Wege der beiden. Die Dellen im Fahrzeug sind noch heute zu sehen – es ist an diesem Tag vor dem Amtsgericht abgestellt.

Ob der Aichwälder wirklich rechts überholt hat, steht nicht fest und ebensowenig, ob er an der Ampel nicht selbst aussteigen wollte, wie der Angeklagte sagt, der mit dem Fuß die ruckartig aufgerissene Tür abgewehrt haben will. Doch im Grunde decken sich die Aussagen. Der Angeklagte räumt die entsprechenden Vorwürfe der Staatsanwaltschaft auch ein.

Sieben Sitzungen beim Verkehrspsychologen

Gegen den Strafbefehl (50 Tagessätze zu je 50 Euro) hat er trotzdem Einspruch eingelegt. Den Einspruch begründet der Verteidiger damit, dass sein Mandant der „Erziehungsmaßnahme“, die eine solche Strafe ja sein soll, schon vorgegriffen habe: mit sieben Sitzungen bei einem Verkehrspsychologen. Henning W. sagt, in der Therapie sei er zu der Erkenntnis gelangt, dass großer Stress, Corona-Zukunftssorgen und private Schwierigkeiten ihn in die psychische Ausnahmesituation gebracht hätten. Er wolle sich fortan nur noch dann ans Steuer setzen, wenn er entspannt sei, habe dafür Atemübungen gelernt. Und er sei bereit, den Schaden zu ersetzen.

Der Verkehrspsychologe Prof. Dr. Ralf Brinkmann aus Korb kennt solche Fälle gut. Anwälte rieten ihren Mandanten gerne dazu, sich professionell helfen zu lassen, sagt er. Das mache einen guten Eindruck beim Richter – und führe oft tatsächlich zu Einsicht und Besserung. Vorfälle wie in Weinstadt passieren laut Brinkmann immer häufiger. Unter anderem, weil der Straßenverkehr immer dichter werde und die Menschen immer gestresster.

Verkehrspsychologe Brinkmann: Ärger ist eine Form des Stresses

Im Falle des Angeklagten sei es wohl zu einer Frustration gekommen, weil der Mann sich im Recht gefühlt habe: „So was macht man nicht, rechts Überholen!“ Ärger, sagt Brinkmann, sei eine Sonderform des Stresses. „Durch Stress wird unsere rationale Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt, da die eigentliche Stressreaktion den Homo sapiens auf das Kämpfen oder Flüchten vorbereitet.“

Betrachtet Brinkmann die Biografien seiner Klienten, die er beispielsweise auf eine MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) vorbereitet, weil sie ihre Fahrerlaubnis verloren haben, stellt der Verkehrspsychologe immer wieder fest: „Es war 20 Jahre nichts und plötzlich sammeln Sie einen Punkt nach dem anderen.“ Dahinter steckten dann oft Schicksalsschläge: eine Scheidung, eine berufliche Krise, finanzielle Schwierigkeiten. „Wenn Sie ein dünnhäutiger Typ sind, dann reicht die Fliege an der Wand, dass das überschießt.“

So gesehen schlummert der Straßen-Rüpel wohl in allen von uns, wir sind nur nicht alle gleichermaßen gefährdet: „Der Ärger muss auf einen Humus fallen“, sagt Brinkmann. Wer auf der Straße aggressiv werde, habe entweder „gelernt, Konflikte mit Aggression zu lösen“ oder eine gewisse Feindseligkeit anderen gegenüber sei in der Persönlichkeit angelegt. Auch mangele es vielen Menschen an Impulskontrolle.

Emotionale Gespräche am Steuer vermeiden

In den Griff bekommen könne man sich, indem man lerne, mit Ärger richtig umzugehen und Toleranz genüber den Fahrfehlern anderer aufzubauen. Entspannungsübungen können helfen. Auch sollten am Steuer emotionale Diskussionen mit Mitfahrern oder konfliktreiche Gespräche via Freisprechanlage vermieden werden. Es bestehe die Gefahr, dass aufkommende Aggressionen durch schnelleres oder risikoreicheres Fahren abgebaut würden.

Der Angeklagte aus Weinstadt sagt in der Verhandlung: „Ich habe gelernt, dass es nicht meine Aufgabe ist, die anderen Autofahrer zu erziehen.“ Am Ende stellt Richter Weigel das Verfahren gegen Henning W. ein. Er muss dafür 1000 Euro an den anderen Autofahrer zahlen und weitere 1000 Euro für einen guten Zweck, ist dafür aber weiterhin nicht vorbestraft. Die mehr als 800 Euro für den Verkehrspsychologen hat er aus eigener Tasche bezahlt. Und bei dem anderen Autofahrer hat er sich vor der Verhandlung entschuldigt. Das habe ihn gefreut, sagt der 28-Jährige, er habe die Entschuldigung angenommen.

Ein Weinstädter rastet am Steuer seines Wagens aus, beschimpft und bedrängt einen anderen Autofahrer und tritt diesem schließlich an einer Ampel die Tür kaputt. Jetzt ist die Sache am Amtsgericht Waiblingen verhandelt worden – und der Mann wirkte nach einem Jahr immer noch erschrocken über sich selbst. Schlummert solches Aggressionspotenzial in allen von uns? Der Korber Verkehrspsychologe Prof. Dr. Ralf Brinkmann sagt: Aggressionen im Straßenverkehr nehmen immer mehr zu.

Mai 2020: Auf

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