Weinstadt

Barth will Schönbühl an Stadt verkaufen

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Barth will Schönbühl an Stadt verkaufen
Seit Ende 2002 ist das Jugendheim Schönbühl (oben) geschlossen. Thomas Barth hat das Areal 2014 für fünf Millionen Euro gekauft, nun will er es für zehn bis zwölf Millionen Euro weiterveräußern. Die einst miterworbene Mitarbeitersiedlung Saffrichhof (unten) hat der Unternehmer bereits 2017 für 3,5 Millionen Euro an die Schorndorfer Firma Wertinvest Immobilien GmbH verkauft. © Joachim Mogck
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Eigentümer Thomas Barth (74) wartet laut eigener Aussage weiter auf ein Signal von der Stadt Weinstadt. © Alexandra Palmizi
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Keine direkten Aussagen zum Kaufpreis: Baubürgermeister Thomas Deißler will nicht kundtun, welche Summe die Stadt für das Schönbühl-Areal ohne den Saffrichhof als angemessen ansieht.

Weinstadt. „Ich kann der Stadt 20 Prozent schenken von dem Acker, wenn sie einen vernünftigen Preis macht“: Eigentümer Thomas Barth eröffnet eine neue Runde im Poker um den Schönbühl. Er bietet der Stadt Weinstadt das Areal des ehemaligen Jugendheims für zehn bis zwölf Millionen Euro an – womit der 74-Jährige einen dicken Gewinn machen würde.

Das Signal an die Stadt war klar: Thomas Barth sprach es nicht aus, aber als er unserer Zeitung vor einiger Zeit davon erzählte, dass die Bundespolizei ein langfristiges Interesse am Training auf dem Schönbühl habe und einen Zehn-Jahres-Pachtvertrag abschließen wolle, hatte diese Aussage einen Hintergrund.

Sie sollte die Stadt dazu bewegen, doch wieder Verhandlungen aufzunehmen. OB Michael Scharmann und Baubürgermeister Thomas Deißler haben eigentlich keine Lust, sich derzeit mit dem Schönbühl zu beschäftigen, dazu gibt es zu viele andere Aufgaben in Weinstadt, die sie für wichtiger halten.

Die Stadträte haben bereits im vergangenen Jahr öffentlich klargemacht, dass eine Wohnbebauung dort oben nur möglich wäre, wenn Barth alles an die Stadt verkauft. Das brachte der 74-Jährige bislang öffentlich nicht ins Spiel – doch auch hier gibt es nun Bewegung: Er bietet den Schönbühl der Stadt nun für zehn bis zwölf Millionen Euro an.

Das wäre ein gutes Geschäft für Thomas Barth. Er hat das Areal des ehemaligen Jugendheims 2014 für fünf Millionen Euro erworben. Die dazugehörende Mitarbeitersiedlung Saffrichhof hat der Unternehmer bereits 2017 für 3,5 Millionen Euro an die Schorndorfer Firma Wertinvest verkauft, die mittlerweile 18 der 24 Wohnungen weiterveräußert hat. Auf seinen Verkaufserlös angesprochen, meint Barth, dass er bislang nur draufgezahlt habe. Für den Schönbühl habe er inklusive Steuern und Investitionen bislang 6,5 Millionen Euro ausgegeben. „Bis jetzt habe ich da oben kein Geld verdient.“

Gescheitertes Projekt: Das Kurhotel eines türkischen Investors

An Offerten hat es Barth dabei nicht gemangelt. Ein Kurhotel eines türkischen Investors war vergangenes Jahr im Gespräch, der Mann betrieb bereits ein solches in der Türkei und suchte in Deutschland nach passenden Grundstücken. Daraus wurde aber nichts. Stillstand herrscht momentan bei einem Modellprojekt für Autisten, das noch vor einigen Monaten von Barth begeistert angepriesen wurde. Dass hier nichts vorwärtsging, schiebt Barth der Stadt Weinstadt in die Schuhe.

Den Investoren wird laut Darstellung des Unternehmers immer gesagt, sie sollen erst mal selbst Geld in eine umfangreiche Planung investieren und diese dann der Stadt vorstellen – freilich ohne Garantie, dann auch den Zuschlag zu erhalten. Zur Wahrheit gehört indes auch, dass die Leute vom „Autzeit“-Projekt noch längst nicht so weit sind, als dass sie ihre Pläne öffentlich vorstellen könnten.

Frist verpasst: 2014 nutzte die Stadt ihr Vorkaufsrecht nicht richtig

Barths Übernahme des Schönbühls war von Anfang an ein Geschäft mit Risiko. Als der Unternehmer 2014 das ehemalige Jugendheim für fünf Millionen Euro dem Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) abgekauft hatte, setzte er sich gegen die Stadt Weinstadt durch, die im entscheidenden Moment ihr Angebot nicht nachbesserte – was dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Oswald von einigen Stadträten noch lange angekreidet wurde.

Seither ging kaum was voran, auf beiden Seiten herrschte Frust und Misstrauen. Aus Barths Vision einer Ökomustersiedlung mit zunächst 40 Wohneinheiten wurde ebenso wenig etwas wie aus dem 2017 präsentierten Plan, 200 bis 250 Wohneinheiten zu errichten und den Schönbühl damit zum sechsten Ortsteil von Weinstadt zu machen.

Rechnung nicht bezahlt: Ernst & Young verklagen Barth

Letztere Idee stammt laut Barths Darstellung von Ernst & Young (EY), eine der vier umsatzstärksten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt, mit denen der Unternehmer nun vor Gericht um die Bezahlung streitet. „Die wollen von mir Geld und ich sage: Ihr habt das Ziel verfehlt“, sagt Barth und wirft EY vor, 100 000 Euro verplant und nicht bedacht zu haben, wie die Idee mit den 200 bis 250 Wohneinheiten bei den Stadträten und der Verwaltung ankommen könnte. Auf Nachfrage erklärte Dag-Stefan Rittmeister, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Ernst & Young in Deutschland, dass man wie Ärzte und Rechtsanwälte zur Verschwiegenheit bei Aussagen über Klienten verpflichtet sei. Dazu kommt: „Zu schwebenden Verfahren äußern wir uns nicht.“

Und was ist jetzt eigentlich dran an dem Interesse der Bundespolizei? Fakt ist, dass die Bundespolizeidirektion Stuttgart im Frühsommer 2017 einen Vertrag unterschrieben hat, um auf dem Schönbühl trainieren zu können – und zwar für den symbolischen monatlichen Betrag von einem Euro. Jonas Große von der Bundespolizei bezeichnet darum die Möglichkeit auch als „Glücksfall“, da man unter realistischen Bedingungen trainieren und eine Tür auch mal ruppiger aufgemacht werden könne, ohne dass das ein Problem darstellt und nachher Reparaturarbeiten anfallen.

Interesse an einem langfristigen Zehn-Jahres-Pachtvertrag hat die Bundespolizei laut eigener Aussage nicht. „Wir würden es gerne so beibehalten.“ Darüber hinausgehende Planungen wie beispielsweise Umbaumaßnahmen für das Training bestünden ebenfalls nicht. Falls Barth den jetzigen Vertrag kündigen wolle, sei die Polizei allerdings bereit, neu zu verhandeln. Barth räumt mittlerweile auch ein, dass sich das Interesse der Bundespolizei erledigt habe.

Für den Quadratmeter Land will Barth mindestens 150 Euro haben

Eigentümer Thomas Barth hofft natürlich immer noch auf ein Geschäft mit der Stadt. 20 bis 40 normale Wohneinheiten im gehobenen Preissegment, dazu 20 Sozialwohnungen, das empfindet er als gute Lösung. Seine Preisvorstellung von zehn bis zwölf Millionen Euro für das Areal leitet er aus dem Preis für Bauerwartungsland ab, der nach seiner Auskunft bei 150 Euro pro Quadratmeter liegt. „Das ist die minimalste Kategorie.“ Heißt: Das will Barth mindestens haben.


Der Weinstädter Baubürgermeister Thomas Deißler kritisiert die Kaufofferte zumindest indirekt

Was hält eigentlich die Stadt Weinstadt von Thomas Barths öffentlicher Kaufofferte? Unsere Zeitung hat Baubürgermeister Thomas Deißler um eine Stellungnahme gebeten.

Wird Schönbühl-Eigentümer Thomas Barth von der Stadt Weinstadt wirklich schlecht behandelt? Oder ist es eher so, dass hier ein Spekulant auf Kosten der Allgemeinheit absahnen will? Fakt ist, dass die Meinungen über Thomas Barth auseinandergehen.

Thomas Deißler lenkt in seiner Stellungnahme den Blick auf die jüngere Vergangenheit, genauer gesagt das Jahr 2014, als Barth das Areal für fünf Millionen Euro erwarb. Er hat dabei laut Deißler die leerstehende Brachfläche in Kenntnis der Tatsachen erworben, dass die einzig baurechtlich zulässige Nutzung des Sondergebiets, das vom früheren Landeswohlfahrtsverband betriebene Landesjugendheim, entfallen war und dass die Erschließung mangelhaft ist.

„Spekulationen in Grund und Boden sind sehr beliebt"

Der Weinstädter Baubürgermeister will öffentlich nicht sagen, wie angemessen oder unangemessen er genau jene zehn bis zwölf Millionen Euro hält, für die Barth den Schönbühl an die Stadt verkaufen will. Aber so viel lässt er dann doch verlautbaren: „Spekulationen in Grund und Boden sind sehr beliebt, aber es kann nicht angehen, dass die Renditeerwartungen auf dem Rücken des Steuerzahlers – aus Steuermitteln – oder durch Planungsleistungen der Stadt finanziert werden und am Ende die Folgekosten von der öffentlichen Hand übernommen werden müssen.“

Die Entwicklung eines Konzeptes zur Nachnutzung des Schönbühls war nach Deißlers Angaben schon vor Jahren Gegenstand einer Vereinbarung mit dem Investor, an die dieser sich aber nicht gehalten habe. „Zum Abschluss des geplanten Erschließungsvertrages ist es nicht gekommen, nachdem Herr Barth den davor unterschriebenen Planungskostenvertrag gekündigt hat.“

Im Sand verlaufene Investorideen

Das damalige gemeinsame Ziel, den Saffrichhof mit Ein- und Zweifamilienhäusern neu zu entwickeln und eine geordnete Erschließung herzustellen, hat Thomas Barth verworfen und die Gebäude an den Landkreis vermietet. Der renovierte sie, um dort Flüchtlinge unterbringen zu können. Als der Bedarf nachließ und dem Landkreis die Kosten für Securitykräfte und Busshuttle-Service zu hoch wurden, kündigte er den Vertrag. Danach hatte Barth natürlich frisch renovierte Häuser, was für den schnellen Verkauf des Saffrichhofs ein Vorteil war.

Was die bislang im Sand verlaufenen Investorideen der jüngeren Vergangenheit fürs ehemalige Jugendheim-Areal angeht, betont Deißler, dass Nutzungskonzepte Dritter möglichst zur Eigenart des Geländes weitab der Infrastruktur passen und eine Chance auf Realisierung haben müssen, was auch ein Mindestmaß an Finanzierungsüberlegungen voraussetze.

Gegen das Training der Bundespolizei und andere derzeitige Aktivitäten hat Thomas Deißler indes nichts einzuwenden. „Die gelegentliche Nutzung durch Sicherheitskräfte oder gemeinnützige Organisationen zu Übungszwecken erfolgt ohne Beteiligung der Stadt und hat bisher keine Fragen aufgeworfen.“


Weitere Artikel zum Thema:

08.01.2018: Schönbühl für zwölf Millionen Euro angeboten

22.09.2017: Schönbühl-Plan: Stadt kritisiert Thomas Barth

24.08.2017: Weinstadt blockiert Wohnungsbau


Streit ums Wasser

  • Der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) als Alteigentümer des Schönbühls hat bislang das Wasser direkt von der Landeswasserversorgung bezogen. Basis dafür war ein 100 Jahre alter Vertrag, der vom KVJS nach dem Verkauf des Jugendheim-Areals zum 16. August 2020 gekündigt wurde.
  • Schönbühl-Eigentümer Thomas Barth sieht deshalb die Weinstädter Stadtwerke in der Pflicht, Wasser zu liefern. 2017 gab er öffentlich bekannt, kein Geld für neue Leitungen auszugeben. Er sah damals auch keinen Bedarf, einen Abwasserkanal für den Schönbühl zu erneuern. Diese Haltung hat er nun nach eigenem Bekunden geändert – und untermauert dies mit einem Schreiben der Firma G&K Rohrreinigung GmbH aus Baltmannsweiler von Ende August. Darin steht: „Zusammenbrüche und größere Schadstellen wurden vom Betreiber in offener Bauweise repariert, so dass die Nutzung des Kanals ohne Einschränkungen zu diesem Zeitpunkt gegeben ist.“
  • Barth betont, dass er nicht nur die Abwasserleitung repariert habe, sondern auch eine neue Wasserleitung baue. „Die Wasserleitungen für die Versorgung des Saffrichhofs werden derzeit erneuert, Verschleißteile am Wasserturm wurden bereits ersetzt.“
  • Baubürgermeister Thomas Deißler stellt alles anders dar und merkt an, dass Abwasserbeseitigung und Wasserversorgung aller bebauten Grundstücke im Saffrichhof und im Jugendheim-Areal bislang nie durch die frühere Gemeinde Schnait oder später die Stadt Weinstadt erfolgt sind. „Nach Kenntnis der Stadt gibt es auch heute noch keine gesicherte Abwasserbeseitigung. Vielmehr wirft die private Entwässerung tatsächliche und rechtliche Fragen auf.“ Diese, betont Deißler, seien vom Betreiber zu lösen.
  • Zudem gibt es nach Kenntnis der Stadt keine rechtliche Sicherung der Wasserversorgung. Weinstadt, so Deißler, habe sich dieser Problematik gestellt und dem Eigentümer ein Konzept für die Herstellung einer öffentlichen Wasserversorgungsanlage für den Saffrichhof vorgeschlagen. „Bisher ist der Eigentümer aber nicht bereit, diese zu realisieren, ein diesbezügliches Gesprächsangebot der Stadtwerke wurde nicht angenommen.“
  • Unserer Zeitung liegt indes ein Schreiben der Landeswasserversorgung vor, welches Szenario sie nach Vertragsende am 16. August 2020 erwartet – und das widerspricht Deißlers Darstellung: „Unserer Ansicht nach steht dann die Stadt Weinstadt nach §44 Abs.1 WG in der Pflicht.“ Darin heißt es: „Die öffentliche Wasserversorgung obliegt der Gemeinde als Aufgabe der Daseinsvorsorge.“
  • Die Schorndorfer Firma Wertinvest, die 2017 den Saffrichhof von Barth erworben hat, geht davon aus, dass alle Käufer der Wohnungen am Saffrichhof auch über den 16. August 2020 hinaus mit Wasser beliefert werden – und zwar auch für den Fall, dass es keine Einigung mit den Weinstädter Stadtwerken gibt. Geschäftsführer Herbert Güntner betont, dass die Landeswasserversorgung laut ihrer Satzung zu einer Notversorgung verpflichtet ist.