Weinstadt

Bis zu 80 Tests am Tag: So arbeitet die Corona-Schwerpunktpraxis in Weinstadt

Corona test Praxis
Corona-Test in der HNO-Praxis in Endersbach: Delf-Hagen Taxis nimmt einen Abstrich – in voller Schutzmontur. © Benjamin Büttner

Als eine der ersten Praxen im Rems-Murr-Kreis haben sich die Ärzte Christos Gkotsis (34) und Delf-Hagen Taxis (35) im Frühjahr entschieden, verstärkt Corona-Verdachtsfälle zu behandeln. In der „Corona-Schwerpunktpraxis“ in Endersbach werden bis zu 80 Menschen am Tag auf das neuartige Virus getestet. Warum tun sich die beiden jungen Ärzte das überhaupt an? Was erwarten sie von den nächsten Wochen? Und welche Auswirkungen hat der Einsatz an der Corona-Front auf ihr Privatleben? Christos Gkotsis und Delf-Hagen Taxis gewähren einen Einblick hinter die Kulissen.

„Wir fühlen uns im Job sicherer als im Privaten“

Ob ihnen denn gar nicht mulmig zumute sei, beim Gedanken, dem Coronavirus jeden Tag zu begegnen? „Es ist Teil des Arztberufs, dass wir Kontakt zu kranken Patienten haben“, antwortet Christos Gkotsis auf diese Frage. „Es ist uns bewusst, dass wir exponierter sind als andere Bevölkerungsgruppen. Aber das ist unser Job und wir machen ihn gerne.“ Sein Kollege Delf-Hagen Taxis, mit dem er einst in Tübingen Medizin studiert und Anfang des Jahres eine eigene Hals-Nasen-Ohren-Praxis gegründet hat, verweist auf die Schutzausrüstung in der Praxis: „Mittlerweile fühlen wir uns beim Job sicherer als im Privaten. Meine Tochter ist in der Kita, aber sie kriegt zu Hause trotzdem noch ein Küsschen. Es ist ja nicht so, dass ich zu meinen Angehörigen keine Nähe mehr zulasse. Auch wenn wir unsere sozialen Kontakte reduzieren, haben wir noch intime Kontakte im familiären Kreis.“ Und für die Praxis in der Strümpfelbacher Straße wäre ein positiver Test bei einem der Ärzte natürlich der Supergau.

Seit Ende März ist die Weinstädter HNO-Praxis von Christos Gkotsis und Delf-Hagen Taxis offiziell „Corona-Schwerpunktpraxis“ – beide Männer sind gesund geblieben. Und das, obwohl sie bis Anfang Oktober fast 3400 Menschen auf das Coronavirus getestet haben.

Als die Pandemie im Frühjahr Fahrt aufgenommen hat, sei ihnen recht schnell klar geworden, „dass wir keine Chance haben werden, uns dem Ganzen zu entziehen“, erinnert sich Delf-Hagen Taxis. Immer mehr Patienten sagten Termine ab, aus Angst, sich im Wartezimmer anzustecken. Die Sprechstunden wurden getrennt in eine „akute Infektsprechstunde“ und in eine „Regelsprechstunde“. Wer Corona-Symptome zeigt, darf seither nicht mehr zur Regelsprechstunde erscheinen. Anfang März erhielten die Ärzte eine Mail von der Kassenärztlichen Vereinigung, mit der Frage, ob sie sich zur Entlastung der Hausarztpraxen vorstellen könnten, Atemwegsinfekte als Corona-Schwerpunktpraxis mitzubehandeln.

Das Duo sagte zu. Warum? „Am Anfang war die Strategie von vielen Kollegen: Wenn Sie Husten haben, betreten Sie bitte unsere Praxis nicht. Es bestand ein Mangel an Schutzausrüstung“, erklärt Delf-Hagen Taxis. Diese Ausrüstung hatte die Kassenärztliche Vereinigung den Ärzten zugesagt, die sich bereiterklärten, den Kampf gegen Covid-19 an vorderster Front zu führen. „Die Pandemie hat uns im dritten Monat unserer Niederlassung getroffen, wir waren darauf nicht vorbereitet. Da sowieso viele Patienten mit Atemwegsbeschwerden unsere Praxis aufsuchen, haben wir darin eine Chance gesehen, unseren Job zu machen – in geschützter Form.“ In der vorletzten März-Woche bekamen die Ärzte ein Paket mit Schutzausrüstung nach Endersbach geliefert, in der Woche darauf trugen sie den Titel "Corona-Schwerpunktpraxis".

41 Schwerpunktpraxen gibt es im Rems-Murr-Kreis

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es im Rems-Murr-Kreis zurzeit 41 solcher Schwerpunktpraxen. In ganz Baden-Württemberg sind es 1149. Alle hätten sich freiwillig gemeldet. „Finanziell gibt es pro behandeltem Corona-Patienten einen Zuschlag. Außerdem erhalten die Praxen von uns bevorzugt Schutzmaterial“, teilt die Bezirksdirektion Stuttgart auf Anfrage mit. Voraussetzung sei, dass Infekt-Patienten räumlich oder zeitlich von den Regelpatienten getrennt werden können.

Laut Gkotsis und Taxis haben vor allem organisatorische Gründe dazu geführt, dass sie ihren zweiten Standort in Kernen im Laufe des Frühjahrs aufgegeben haben. Dafür sind die Ärzte scharf kritisiert worden. Delf-Hagen Taxis erklärt: „Die Verweildauer in der Praxis sollte sehr kurz sein. Um das zu erreichen, haben wir personelle Ressourcen gebraucht und die Sprechstunden ausgedünnt. Damit nicht alle 30 Minuten lang im Wartezimmer sitzen und jeder hat Angst vor dem Nächsten.“ Dass die Umbauarbeiten im Frühjahr in Weinstadt noch nicht abgeschlossen waren, nutzten die Ärzte, um weitere Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen, zum Beispiel eine robustere Plexiglasscheibe am Empfang. Die vielen Parkplätze in der Umgebung sorgten dafür, dass Patienten unkompliziert mit dem Auto anreisen und ebenso schnell wieder nach Hause fahren können.

Die Praxis ist mehr als ein reines Testzentrum

Bis zu zwei Stunden am Tag werden in der Endersbacher Praxis Corona-Verdachtsfälle untersucht. In dieser Zeit schaffen die beiden Ärzte rund 80 Abstriche. Doch als reines Testzentrum verstehen sie sich nicht, betont Delf-Hagen Taxis: „Wenn wir sehen, dass es jemandem sehr schlecht geht, fährt er von hier direkt in die Notfallaufnahme nach Schorndorf. Wir sind eine Art Türsteher mit Blickdiagnosen und wenigen, schnellen Mitteln.“

Das standardisierte Konzept: Menschen mit Symptomen, einer entsprechenden Anweisung vom Gesundheitsamt oder einer Warnapp, die ein erhöhtes Risiko zeigt, vereinbaren einen Termin in der Infektsprechstunde. Sie kommen in der Praxis an, werden von einer Arzthelferin in Schutzausrüstung in Empfang genommen. Bei Erkrankten misst sie direkt Temperatur, Puls und Sauerstoffsättigung. „Wir können mit einfachen Tests trennen zwischen banalen Infekten und Leuten, denen es richtig schlecht geht“, sagt Delf-Hagen Taxis. Die Abstriche werden in einem Labor ausgewertet, die Patienten im einfachsten Fall per App informiert. Für die schwereren Fälle sind die Mediziner da, veranlassen weitere Untersuchungen oder überweisen sie in eine Klinik.

„Es kann auch junge Menschen stark treffen“

Wie ist die Stimmung in der Praxis? Christos Gkotsis sagt: „Die meisten Patienten sind gefasst. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie große Angst haben. Sie wollen wissen, ob sie infektiös sind oder nicht, damit auch die Älteren in der Familie geschützt werden können.“ Es gehe vorrangig um die Frage „Corona oder nicht?“, bestätigt Delf-Hagen Taxis. Das liege auch daran, dass ein milder Verlauf für die meisten Patienten deutlich wahrscheinlicher sei als eine lebensgefährliche Erkrankung. „Aber es kann auch junge Menschen stark treffen, die sehen wir hier immer wieder.“

Auch in der Anspruchshaltung der Patienten gegenüber den Ärzten macht Taxis einen Wandel aus: Mittlerweile sei bekannt, dass virale Infekte nicht innerhalb von Tagen heilten. „Diese Unzufriedenheit, wenn kein Antibiotikum verschrieben wird, haben wir nicht mehr. Vielleicht, weil die Leute jetzt informierter sind.“ Allerdings gebe es natürlich auch die Patienten aus der Fraktion „Querdenker“, die den Medizinern Youtube-Videos empfehlen oder sich von der Maskenpflicht befreien lassen wollen. Das lehnen die Ärzte ab: „Wir halten die Masken für sinnvoll.“

Wie es jetzt weitergeht? In der ersten Lockdown-Phase im Frühjahr habe sich die Lage spürbar entspannt, erinnern sich die Mediziner. Sie hoffen auch beim neuen „Lockdown light“ auf einen solchen Effekt – in ein, zwei Wochen.

Als eine der ersten Praxen im Rems-Murr-Kreis haben sich die Ärzte Christos Gkotsis (34) und Delf-Hagen Taxis (35) im Frühjahr entschieden, verstärkt Corona-Verdachtsfälle zu behandeln. In der „Corona-Schwerpunktpraxis“ in Endersbach werden bis zu 80 Menschen am Tag auf das neuartige Virus getestet. Warum tun sich die beiden jungen Ärzte das überhaupt an? Was erwarten sie von den nächsten Wochen? Und welche Auswirkungen hat der Einsatz an der Corona-Front auf ihr Privatleben? Christos

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