Weinstadt

Bruder und Vater wollen kämpfen: Eine Ukrainerin aus Weinstadt berichtet

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Halyna Weis (49) inmitten der Sachspenden, die sie und ihr Mann für die Ukraine sammeln. © Gaby Schneider

Halyna Weis steht in einem Zimmer des Schnaiter Hotels mit Gasthof, das sie und ihr Mann Helmut Weis betreiben. An seinen eigentlichen Zweck erinnern in diesem Raum gerade nur noch die Kronleuchter an der Decke und die hübsche Tapete: Um die Wirtin herum stapeln sich nämlich unzählige Kartons mit Windeln, Babynahrung, Medikamenten – auch ein Luftbett und ein Paar schwere Militärstiefel stehen herum.

Im Hotel Lamm in Schnait herrscht gerade emsiger Betrieb. Im Minutentakt kommen Menschen an, die Sachspenden für die Ukraine abgeben wollen. Wenn Halyna Weis die Spenden koordiniert und den hilfsbereiten Weinstädtern erklärt, was noch gebraucht wird und was nicht, wirkt sie ruhig und stark – wenn sie dann aber am Tisch sitzt und berichtet, wie ihr Bruder trotz schwerer Rücken- und Knieverletzungen unbedingt sein Land an der Front verteidigen möchte, kommen der aus der Ukraine stammenden 49-Jährigen dann doch die Tränen.

Die ersten Tage erlebt sie wie im Schock

„Ich kann mich eigentlich zusammenreißen“, ärgert sie sich dann ein bisschen über sich selbst. Die ersten paar Tage nach dem ersten Angriff von Wladimir Putins Armee auf ihr Heimatland seien wie im Schock vergangen. Doch dann habe sie sich gesagt: „Reiß dich zusammen und mach was.“ Deshalb haben sie und ihr Mann eine Sammelaktion für die Ukraine gestartet.

Tätig zu werden und auch die unwahrscheinliche Hilfsbereitschaft der Menschen hier vor Ort in dieser Weise mitzuerleben, helfe ihr sehr. Auch, weil sie ihren Angehörigen, die in der Westukraine nahe der polnischen Grenze und in der direkten Umgebung der Hauptstadt Kiew leben, von hier aus eben nicht direkt helfen kann.

Der über 80-jährige Vater harrt mit der Schrotflinte aus

„Wir wollten ihre Eltern eigentlich zu uns holen“, berichtet Helmut Weis. Doch das sei daran gescheitert, dass selbst der betagte Vater unter keinen Umständen kampflos sein Land verlassen wolle. Der über 80-Jährige habe als kleiner Bub miterlebt, wie russische Soldaten zum Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Vater direkt neben ihm erschossen hätten. Jetzt habe er seine Schrotflinte griffbereit – und hoffe auf Vergeltung.

Ihr Bruder sei früher Soldat gewesen, in einer Spezialeinheit der Fallschirmjäger, berichtet die gelernte Hotelfachfrau. Eigentlich sei er frühberentet. „Sein Rücken ist kaputt, sein Knie auch.“ Trotzdem habe er sich längst freiwillig gemeldet, wolle unbedingt die Kämpfer unterstützen. Halyna Weis macht sich deshalb viele Sorgen. Aufgrund seiner Rückenverletzung könne ihr Bruder ja nicht einmal eine Schutzweste tragen.

Menschen sitzen im Keller und haben Angst: Doch es gibt noch Hoffnung

Der Kontakt zu den Verwandten in der Nähe von Kiew stellt sich seit Tagen schwierig dar: „Die sitzen im Keller.“ Auch die Handys werden aus Sicherheitsgründen nur ganz selten angeschaltet: Die Menschen vor Ort würden nämlich davon berichten, dass die russische Armee gezielt Gebiete bombardiert, in denen sie viele Handysignale wahrnehmen können. Auch von gezielten Schüssen auf flüchtende Frauen mit Kindern in Autos und sogar von einem ganzen Bus voll erschossener Kinder sei die Rede.

Doch so schrecklich und albtraumhaft das auch alles ist: Es gibt sie, die kleinen Momente und Gesten, die trotzdem Mut machen. Kleine Botschaften der Solidarität in den sozialen Medien, die quer durch das Land und natürlich auch aus dem Ausland jeden Tag hin und her geschickt werden, um den Kämpfenden Mut zu machen. Aber auch von Bürgerwehren und ukrainischen Soldaten, die sich im Internet zu Wort melden und versuchen, den Menschen Trost zu sprechen, berichtet Halyna Weis.

Der Mut des Präsidenten macht den Menschen Hoffnung

Und dann ist da noch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der jetzt in dieser dunklen Stunde alle überrascht. Viele Ukrainer hätten bis vor kurzem noch gezweifelt, was sie von Selenskyj halten sollten, viele hätten ihn nicht ganz ernst genommen.

„Er ist nicht abgehauen, er versteckt sich nicht“, lobt Halyna Weis den ukrainischen Präsidenten. Dabei wisse er doch ganz genau: Wenn es Putins Armee gelingen sollte, die Hauptstadt einzunehmen – „dann ist er tot“. Trotz allem versuche Selenskyj immer noch, diplomatisch zu agieren, und er wende sich jeden Tag an sein Volk und mache ihm Mut. „Hey Leute, wir schaffen das!“, fasst die Schnaiterin die Haltung zusammen, mit der der Präsident den Ukrainern als Vorbild vorausgehe. „Ich bin stolz auf ihn“, sagt die 49-Jährige.

Die Menschen an der Grenze helfen den Flüchtlingen

Insgesamt hat sie großen Respekt vor den Menschen in der Ukraine: Männer wie Frauen, die erbitterten Widerstand leisten und sich nicht geschlagen geben. Aber auch in den noch nicht umkämpften Regionen des Landes täten die Menschen ihr Bestes, um zu unterstützen und den Kämpfenden den Rücken zu stärken.

Auch in der Ortschaft, in der ihre Familie lebt, sind die Ströme von Kriegsflüchtlingen längst angekommen. Schließlich befindet sich das Dorf nicht weit von der polnischen Grenze entfernt – und die Schlangen der Wartenden vor der Grenze seien teilweise 40 Kilometer lang, berichtet Halyna Weis.

Eine warme Mahlzeit oder ein Schlafplatz für die Nacht

Entlang dieser gigantischen Warteschlangen hätten sich die Anwohner deshalb gut organisiert, um den Flüchtenden, zumeist Frauen mit Kindern, helfen zu können. Ihre Angehörigen vor Ort hätten ihr erzählt, wie es gerade meistens abläuft: Teilweise würden an die Wartenden hinten in der Schlange Zettel mit Nummern verteilt, so dass diese Menschen die Straße verlassen können, ohne ihren Platz in der Schlange zu verlieren.

Diese Menschen kommen dann für eine warme Mahlzeit oder auch für eine Nacht in den Dörfern ringsum unter. Nicht selten höre sie, wenn sie mit ihren Eltern telefoniere, im Hintergrund die Gespräche: „So, ihr kommt hier rein, ihr schlaft heute bei uns“, gibt die 49-Jährige die typischen Dialoge wieder. Für die Flüchtenden weiter vorne in der Schlange werde vor Ort gekocht.

Die Apotheken und Lebensmittelgeschäfte sind leer

Doch auch wenn dieser große Zusammenhalt innerhalb des Landes ihr als Ukrainerin Hoffnung macht: Es gibt immer noch große Probleme bei der Versorgung. Die Apotheken im ganzen Land seien leer, die meisten Lebensmittelgeschäfte auch – selbst in der vergleichsweise friedlichen Westukraine, wo ihre Eltern leben, sagt die 49-Jährige. Die Sachspenden aus Deutschland und den anderen Nachbarländern werden deshalb dringend gebraucht. Das Bringen über die Grenze und auch die Verteilung vor Ort funktionierten zum Glück gut, weiß die Weinstädterin von ihren Angehörigen.

Besonders dringend gebraucht werden im Moment Medikamente und medizinische Ausrüstung aller Art, Lebensmittel und Kleidung für die Kämpfer: Warme Unterwäsche und Stiefel, die fest genug sind, um dem ukrainischen Winter mit Schnee und Minusgraden standzuhalten – vor allem Männergrößen werden bei diesen Kleidungsstücken benötigt.

Verschreibungspflichtige Medikamente werden dringend gebraucht

Halyna und Helmut Weis sind überwältigt von dem großen Zuspruch, den ihre Sachspenden-Sammelaktion in Weinstadt findet. Eine Privatperson habe neulich einfach so Schmerzmittel im Wert von 1800 Euro gespendet, berichtet Helmut Weis. „Ich hätte nicht gedacht, dass das wirklich so gut läuft.“ Nur bei einer Sache stoßen er und seine Frau als Privatleute definitiv an ihre Grenzen: Verschreibungspflichtige Medikamente wie Antibiotika dürfen nicht einfach so gespendet werden. Gebraucht werden solche Medikamente aber besonders dringend.

Halyna Weis steht in einem Zimmer des Schnaiter Hotels mit Gasthof, das sie und ihr Mann Helmut Weis betreiben. An seinen eigentlichen Zweck erinnern in diesem Raum gerade nur noch die Kronleuchter an der Decke und die hübsche Tapete: Um die Wirtin herum stapeln sich nämlich unzählige Kartons mit Windeln, Babynahrung, Medikamenten – auch ein Luftbett und ein Paar schwere Militärstiefel stehen herum.

Im Hotel Lamm in Schnait herrscht gerade emsiger Betrieb. Im Minutentakt kommen

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