Weinstadt

Buchhandlung Hess schließt

Hess
Nach 21 Jahren ist Schluss: Die Buchhandlung Hess in der Endersbacher Einkaufsstraße hat am 24. Dezember ihren letzten Öffnungstag. Viele Kunden bedauern die Schließung. © Büttner / ZVW

Weinstadt. Eigentümer Wolfram Lust hat lange versucht, einen Nachfolger für die Buchhandlung Hess zu finden – ohne Erfolg. Weil sich das Geschäft für ihn nicht mehr rechnet, ist am 24. Dezember letzter Öffnungstag. Viele Kunden bedauern den Wegfall der Buchhandlung – sie war 21 Jahre fester Bestandteil der Endersbacher Einkaufsstraße.

„Es hat sich einfach herausgestellt, dass es schwierig wird in der Konstellation“: Wolfram Lust hätte die Buchhandlung Hess in Endersbach gerne weitergeführt. Doch seit er seine Waiblinger Buchhandlung an das Tübinger Familienunternehmen Osiander verkaufte, fehlte von Januar 2016 an der große Mutterladen in der Nachbarstadt. Und es zeigte sich nach seiner Darstellung schnell, dass der alleinige Betrieb der wesentlich kleineren Buchhandlung in Endersbach für ihn wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll ist. Noch im November 2015 sagte Wolfram Lust, dass der Name Hess nicht verschwinden wird und er in Endersbach stundenweise aushelfen wird, wenn er gebraucht wird. Lange ging er noch davon aus, einen Nachfolger zu finden. „Bis Ende Mai haben wir verhandelt.“ Nun ist klar: Die Geschäftsräume werden von den Eigentümern, den Graze-Brüdern, neu vermietet – aber eine Buchhandlung wird es vom neuen Jahr an in Endersbach nicht mehr geben.

„Mein Herz ist ganz schwer“: Kunden sind traurig

Momentan ist noch Räumungsverkauf. „Der 24. Dezember wird der letzte Öffnungstag. Dann müssen wir Inventur machen und dann müssen wir räumen“, sagt Wolfram Lust. Er hätte sich gewünscht, dass ein Familienunternehmen wie Osiander die Buchhandlung weiterführt und seine Mitarbeiter übernimmt. Nun musste er ihnen kündigen. Einer Filialleiterin, einer Vollzeitkraft sowie Teilzeit- und 400-Euro-Kräften. Bei treuen Endersbacher Kunden ist die Bestürzung groß, dass mit Hess ein wichtiges Geschäft der Einkaufsstraße verschwindet. „Mein Herz ist ganz schwer“, sagt Cornelie Bort, die sich bei unserer Zeitung gemeldet hat. Die Endersbacherin ist mit ihren Kindern oft bei Hess einkaufen gewesen, für sie hat die Buchhandlung im Ort immer ein Stück Lebensqualität bedeutet. Dass Wolfram Lust aus wirtschaftlichen Gründen die Buchhandlung schließt, kann sie nachvollziehen. Aber einfach tatenlos zusehen konnte sie auch nicht. Und darum mailte Cornelie Bort an Christian Riethmüller, den Geschäftsführer von Osiander. Dieser antwortete nicht nur Cornelie Bort umgehend, sondern wandte sich auch an die Zeitung – weil er erklären will, warum Osiander die Buchhandlung nicht übernehmen will.

Harter Wettbewerb durch Onlinehändler

Die Branche sieht sich einem harten Wettbewerb ausgesetzt. Durch Onlinebuchhändler entsteht seit Jahren Druck, allen voran durch den US-Konzern Amazon, der den Kunden ein bequemes Angebot macht. Einmal klicken, schon wird das Buch ohne Versandkosten nach Hause geliefert. Dazu kommt, dass mittlerweile auch das E-Book-Geschäft boomt. „Die Konsequenz ist, dass den Buchhandlungen die Leute fehlen“, sagt Christian Riethmüller, dessen Unternehmen auf 420 Jahre Tradition zurückblickt.

Osiander sieht keine Chance, den Laden wirtschaftlich zu führen

Gleichzeitig stiegen die Kosten für Miete, Personal und Energie. Eine Buchhandlung wie Hess in Endersbach könne seine Firma unter diesen Umständen nicht allein aus sozialer Verantwortung übernehmen. Es muss sich schlichtweg rechnen. „Wir haben uns die Zahlen geben lassen für die Buchhandlung in Endersbach.“ Ergebnis: Osiander habe keine Aussicht gesehen, mit dem Betrieb wirtschaftlich auf eine Null zu kommen. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Familienunternehmen befürchtet hat, Verluste einzufahren. Das aber, sagt Christian Riethmüller, könne er mit Blick auf die Sicherheit der Arbeitsplätze seiner mehr als 500 Mitarbeiter nicht tun.

Kunden müssen Kaufverhalten ändern

Das Engagement von Cornelie Bort für ihre Buchhandlung findet der Chef von Osiander sehr sympathisch. Er sieht indes die Kunden in der Pflicht, ihr Kaufverhalten zu ändern. „Die Verantwortung kann man nicht Osiander geben. Die Verantwortung müssen die Menschen übernehmen.“ Für Riethmüller sind in der Buchbranche letztlich dieselben Mechanismen wie in der Lebensmittelbranche zu beobachten: Wenn in einem Dorf ein Tante-Emma-Laden dichtmacht, ist das Wehklagen groß – aber letztendlich sind es die Menschen selbst gewesen, die schuld daran waren, weil sie überwiegend bei Discountern einkauften. „Vielleicht muss so was wie in Endersbach passieren, damit die Leute aufwachen.“

Buchhandlung rechnet sich erst ab 15 000 Einwohnern

Christian Riethmüller selbst macht diese Entwicklung laut eigenem Bekunden traurig. Deutschlandweit bekommt sein Unternehmen immer wieder Angebote, Buchhandlungen zu übernehmen – doch es lohnt sich laut seiner Aussage oft nicht. Nach seiner Darstellung muss ein Ort überhaupt erst mal 15 000 bis 20 000 Einwohner haben, damit sich ein Betrieb rechnen kann. Und selbst bei der Waiblinger Buchhandlung, die Hess 2015 an Osiander verkaufte, geht Riethmüller davon aus, dass es Jahre dauert, mit dieser in die Gewinnzone zu kommen.

500 000 Euro habe sein Unternehmen in den Umbau gesteckt, das Geschäft sei dabei drei Monate geschlossen gewesen. „Das war eine Rieseninvestition für uns. Da sind wir finanziell ins Risiko gegangen.“

Vertrag ist noch nicht unterschrieben

Muss die Endersbacher Einkaufsstraße nach dem Ende der Buchhandlung Hess einen Leerstand fürchten? Nein, sagt Benjamin Graze, einer der Eigentümer der Geschäftsräume in der Strümpfelbacher Straße 21. Es gibt nach seiner Auskunft bereits einen potenziellen Nachmieter, den Namen will er aber noch nicht sagen. „Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben.“

Sobald dies jedoch geschehen ist, will sich Benjamin Graze bei unserer Zeitung melden. Er geht derzeit davon aus, dass das neue Geschäft in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres öffnen wird.