Weinstadt

Corona-Regeln nicht befolgt? Weinstadt reagiert auf Kritik vom Landrat und die Stadtwerke erklären, wie sie zum Infektionsherd wurden

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Kein einziger Infektionsfall ist aus der Sitzung des Gemeinderats mit mehr als 60 Menschen in der Jahnhalle resultiert – und doch sorgt der Corona-Infektionsschutz für Wirbel. © Sebastian Striebich

Oberbürgermeister Michael Scharmann und seine Verwaltung haben einen Rüffel von Rems-Murr-Landrat Dr. Richard Sigel kassiert. Nach Darstellung Sigels befindet sich der Weinstädter OB nur deshalb in Quarantäne, weil sich die Verwaltung in der jüngsten Gemeinderatssitzung nicht an alle Regeln zum Infektionsschutz gehalten hat. Das wollen die Weinstädter so nicht stehenlassen. Außerdem: Zum Corona-Ausbruch bei den Stadtwerken sind jetzt weitere Details bekannt.

Hätten sich die Weinstädter an die Regeln gehalten ...

Den ersten Seitenhieb aus dem Landratsamt bekamen die Weinstädter bereits am vergangenen Freitag verpasst. Da hatte die Pressestelle in Waiblingen eine Mitteilung mit der Überschrift „Gremiensitzungen in Corona-Zeiten: AHA+L-Regeln sind entscheidend“ veröffentlicht. Im Text hieß es: „Gesundheitsamt erinnert: Nur wenn alle Regeln eingehalten werden, kann Quarantäne vermieden werden.“

Der Kreis nimmt darin Bezug auf den Corona-Krisenfall in Weinstadt, wo sich nach einem positiven Test bei einem Amtsleiter im Baudezernat sowohl der Oberbürgermeister als auch sein Stellvertreter sowie weitere Amtsleiter in Quarantäne begeben haben. Michael Scharmann selbst ist vom Gesundheitsamt als Kontaktperson ersten Grades eingestuft worden, weil er in der Gemeinderatssitzung zehn Minuten lang neben dem Amtsleiter gesessen hatte, der später positiv getestet worden ist.

In der Pressemitteilung aus dem Landratsamt heißt es, immer dann, wenn Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen, sei das Lüften besonders wichtig. „Wenn es keine ausreichende Lüftungsanlage gibt, dann muss alle 20 bis 30 Minuten stoßgelüftet werden. Mit Blick auf die Gremiensitzungen hat das Gesundheitsamt diese Regeln noch einmal an die Städte und Gemeinden adressiert.“ Würden die AHA-Regeln – Abstand, Hygienemaßnahmen, Alltagsmaske (empfohlen) – und das regelmäßige Lüften eingehalten, „dann führt das bei einem Infektionsfall in der Regel nicht dazu, dass Beteiligte als Kontaktperson ersten Grades eingestuft werden und damit in Quarantäne müssen“.

Hat die Stadt beim Infektionsschutz geschludert?

Im Umkehrschluss: Hätten sich die Weinstädter an die Regeln gehalten, säße ihr Oberbürgermeister jetzt nicht im Home-Office fest. Hat die Stadt Weinstadt also beim Infektionsschutz geschludert?

Nach Darstellung des Landratsamts ist genau das der Fall. Bei einer Pressekonferenz zu steigenden Infektionszahlen am Montagvormittag legte Landrat Richard Sigel nach: Die Weinstädter hätten bei der Gemeinderatssitzung am 26. November in der Jahnhalle nicht wie vorgegeben gelüftet. Die Lüftung der Veranstaltungsstätte sei ausgeschaltet gewesen, wie Nachforschungen des Gesundheitsamts ergeben hätten. An der Sitzung haben insgesamt 61 Personen teilgenommen.

Dass Landrat Sigel die Weinstädter als Negativbeispiel heranzieht, ist offenbar auch als Reaktion auf eine Aussage von Oberbürgermeister Michael Scharmann zu verstehen, der betont hatte, dem infizierten Amtsleiter in der Sitzung nicht näher als eineinhalb Meter gekommen zu sein. „Es wurden die Beteiligten in die Gefahr gebracht, dass es Infektionen gibt, weil nicht gescheit gelüftet wurde“, sagte Kreis-Pressesprecherin Martina Keck am Montagnachmittag im Gespräch mit unserer Zeitung. Dem Landratsamt gehe es nicht darum, „eine Gemeinde an den Pranger zu stellen, sondern darum, dass wir gut durch die nächste Zeit kommen“.

Stadt Weinstadt: Hygienemaßnahmen waren "wirksam und zielführend"

Unwidersprochen nehmen die Weinstädter die Kritik allerdings nicht hin: In einer Stellungnahme aus dem Rathaus wird betont, dass sich in der Sitzung des Gemeinderats kein einziger Teilnehmer mit dem Coronavirus angesteckt habe. Das könne elf Tage später mit großer Verlässlichkeit festgestellt werden. Zur Erinnerung: Auch Oberbürgermeister Scharmann ist nicht am Coronavirus erkrankt, sondern befindet sich nur als Kontaktperson ersten Grades in Quarantäne. „Insofern waren die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen der Stadt wirksam und zielführend“, argumentiert die Stadtverwaltung. Oberbürgermeister Michael Scharmann sei im Übrigen der einzige Quarantänefall, der direkt aus der Sitzung resultiere. Zwar befinden sich auch Erster Bürgermeister Thomas Deißler und weitere Amtsleiter in Quarantäne, allerdings nicht aufgrund der Gemeinderatssitzung, sondern wegen anderer Berührungspunkte mit dem Infizierten.

Die Weinstädter verteidigen sich, wollen aber „verstärkt lüften“

Und was ist mit der ausgeschalteten Lüftungsanlage? „Nach § 4 Abs. 1 Nr. 2 der geltenden Corona-Verordnung des Landes ist eine ,regelmäßige und ausreichende Lüftung‘ im Sitzungssaal durchzuführen. Diese Vorschrift wurde dergestalt umgesetzt, dass während der Sitzung die Lüftungsanlage mehrfach kurzzeitig in Betrieb genommen wurde, außerdem wurde mehrfach kurzzeitig über Oberlichter und Türen stoßgelüftet“, verteidigt sich die Stadtverwaltung in Weinstadt.

Die Regeln werden dennoch verschärft: „Für die kommenden Gemeinderatssitzungen wird die Stadt ihre Sicherheits- und Hygienemaßnahmen nun vorsorglich verschärfen: Einerseits wird ab sofort auch am Sitzplatz und während der gesamten Dauer der Sitzung für alle Teilnehmer eine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung bestehen. Gleichzeitig wird während der gesamten Sitzungsdauer verstärkt gelüftet.“ Und für den Fall, dass weitere Infektionen in der Stadtverwaltung auftreten, bereite sich die Verwaltung darauf vor, „die Sitzung ersatzweise virtuell durchzuführen“.

Ausbruch bei den Stadtwerken: „Hochinfektiöser“ Kollege

Auslöser des ganzen Debakels war bekanntlich ein Corona-Ausbruch bei den Stadtwerken in Weinstadt. Dort haben sich neben dem Amtsleiter aus dem Baudezernat gleich elf der 32 Angestellten mit Sars-CoV-2 infiziert, weshalb die Regeln zum Infektionsschutz auch hier weiter verschärft werden sollen.

Dass die Infektionen allerdings auf den laxen Umgang mit den bestehenden Vorgaben zurückzuführen sind, dementiert Stadtwerke-Betriebsleiter Thomas Maier. Nach Abschluss der internen fieberhaften Spurensuche hat er unserer Zeitung weitere Details genannt: „Es bleibt bei unserer Vermutung, dass es über Aerosole erfolgt ist. Und zwar in unserem Sozialraum, in einem Zeitraum über zwei Stunden.“ Das habe der Abgleich der Kontaktprofile ergeben.

Die Betroffenen hätten sich – bis auf zwei Vierergruppen von Monteuren, die hier nacheinander Pause machten – ohne persönlichen Kontakt zu unterschiedlichen Zeiten in dem Raum aufgehalten. Auch der infizierte Amtsleiter aus dem Rathaus habe hier circa drei Minuten lang auf den Beginn der Besprechung gewartet. „In der ersten Gruppe von Monteuren muss ein Kollege gewesen sein, der hochinfektiös war. Dieser hat auch zuerst Symptome entwickelt“, mutmaßt Thomas Maier. Diese Einschätzung habe man auch dem Gesundheitsamt mitgeteilt.


Keine kritischen Krankheitsverläufe

Neun der elf Infizierten hätten Symptome entwickelt, berichtet Maier, sie klagten über erhöhte Temperatur, Gliederschmerzen, Husten und starke Erschöpfung. Mit dem positiven Coronafall in der Stadtgärtnerei, die sich direkt neben dem Gebäude der Stadtwerke befindet, hätten die Fälle aber nichts zu tun. Dieser ist nach Angaben der Stadtverwaltung auf eine Infektion im privaten Umfeld zurückzuführen. Sowohl der infizierte Gärtner als auch der Amtsleiter aus dem Baudezernat zeigten glücklicherweise keine kritischen Verläufe.

Oberbürgermeister Michael Scharmann und seine Verwaltung haben einen Rüffel von Rems-Murr-Landrat Dr. Richard Sigel kassiert. Nach Darstellung Sigels befindet sich der Weinstädter OB nur deshalb in Quarantäne, weil sich die Verwaltung in der jüngsten Gemeinderatssitzung nicht an alle Regeln zum Infektionsschutz gehalten hat. Das wollen die Weinstädter so nicht stehenlassen. Außerdem: Zum Corona-Ausbruch bei den Stadtwerken sind jetzt weitere Details bekannt.

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