Weinstadt

Darum ist die S-Bahn keine Alternative

Die S-Bahn ist keine Alternative_0
„Seit 2005 habe ich kein Auto mehr“: Marko Zivotic-Häcker (53) aus Großheppach fährt mit dem Rad nach Schorndorf in die Rems-Murr-Klinik, in der er als Altenpfleger arbeitet. © Palmizi / ZVW

Weinstadt-Großheppach. Er hat seit 13 Jahren kein Auto mehr – und radelt täglich von Großheppach zur Arbeit in Schorndorf: Pendler Marko Zivotic-Häcker ist auf diese Weise schneller, als wenn er mit der S-Bahn fahren würde. Dazu kommt, dass er als Altenpfleger bei seinen um 6 Uhr beginnenden Frühschichten die S-Bahn gar nicht nutzen kann. Die erste S 2 kommt in Schorndorf erst um 5.55 Uhr an.

„Da kriegt man den Kopf richtig schön frei“: Marko Zivotic-Häcker genießt die Radfahrten von seinem Wohnort Großheppach zu seinem Arbeitsplatz in Schorndorf. Der 53-Jährige ist im Rems-Murr-Klinikum als Altenpfleger angestellt, für den Weg dorthin braucht er laut eigenem Bekunden 25 Minuten.

Das sind nur fünf Minuten mehr als mit dem Auto. Letzteres besitzt er allerdings seit 2005 nicht mehr, unter anderem der Umwelt zuliebe und weil er sich lieber körperlich betätigt. „Ich habe schon immer Spaß an Bewegung und Sport.“

Mit der S 2 braucht der 53-Jährige länger als mit Auto oder Rad

Wenn Marko Zivotic-Häcker zur Frühschicht muss, steht er um 4.30 Uhr auf, denn die beginnt bereits um 6 Uhr. Das ist auch der Grund, warum für ihn auf dem Weg zur Arbeit die S-Bahn keine Alternative sein kann. Werktags kommt nämlich erst um 5.55 Uhr die erste S-Bahn in Schorndorf an, nach einer Pause von vier Stunden und 15 Minuten.

Für jene Auszubildenden im Rems-Murr-Klinikum ohne Führerschein, sagt Marko Zivotic-Häcker, sei das ein Problem. Alle, die unter 18 sind und deshalb auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, können deshalb erst um 6.30 Uhr mit dem Dienst beginnen.

Auch aus anderen Gründen findet Marko Zivotic-Häcker die S-Bahn nicht wirklich attraktiv: Er empfindet die Preise als zu hoch und kann zudem keinen zeitlichen Vorteil erkennen. Wenn er von seiner Wohnung in Großheppach zum Beutelsbacher Bahnhof zu Fuß gehen würde, bräuchte er dafür 15 Minuten.

Die S-Bahn-Fahrt nach Schorndorf dauert zwölf Minuten, natürlich nur, wenn es keine Verspätung gibt. Dann kommen noch zehn Minuten Fußweg vom Schorndorfer Bahnhof zur Klinik. Macht insgesamt 37 Minuten. Damit ist die S-Bahn im Vergleich mit Rad (25 Minuten) und Auto (20 Minuten) klar auf dem letzten Platz.

Gute und abwechslungsreiche Radstrecken

Mit einem E-Bike würde Marko Zivotic-Häcker niemals zur Arbeit fahren. „Das ist für mich nicht Fahrradfahren.“ Auch die Strecke nach Schorndorf sieht er nicht als Training – schließlich ist der 53-Jährige ganz andere Herausforderungen gewohnt. „Ich fahre einmal im Jahr über die Alpen nach Südtirol.“ 12 000 Kilometer legt Marko Zivotic-Häcker nach eigenen Angaben jährlich mit dem Rad zurück. Dazu läuft er Marathon, unter anderem in den Bergen. Im Vergleich dazu empfindet er das Radfahren als nicht übermäßig anstrengend.

Die Radstrecken von Großheppach nach Schorndorf empfindet Marko Zivotic-Häcker als gut und abwechslungsreich. Manchmal fährt er an der alten B 29 entlang, manchmal nah an der Rems. Gerade der Radweg-Abschnitt zwischen Geradstetten und Winterbach gefällt dem 53-Jährigen. „Der ist perfekt. Wenn es überall so wäre, das wäre toll.“

Marko Zivotic-Häcker pendelt oft bei Dunkelheit mit dem Fahrrad. Wenn er im tiefsten Winter von 21 bis 6.30 Uhr Spätdienst hat, dann ist er tatsächlich nur in der Dunkelheit unterwegs. Er verwendet ein sehr helles Licht, allerdings kann er die Intensität verändern und so an die Umgebung anpassen. Autofahrer sollten ja ihr besonders helles Fernlicht auch nicht in der Stadt benutzen, sondern immer dann, wenn sie auf dem Land gerade alleine auf der Straße unterwegs sind.

In Touristenregionen haben Radler eine bessere Lobby

Mit Blick auf Pendler, die aufs Rad setzen, wünscht sich Marko Zivotic-Häcker, dass sich die deutsche Politik Länder wie Dänemark zum Vorbild nimmt. Bei Kreuzungen von Straßen zum Beispiel gibt es dort für Radfahrer eigene Unterführungen.

Der 53-Jährige stellt aber auch fest, dass sich seit Amtsantritt des grünen Verkehrsministers Winfried Hermann im Mai 2011 aus seiner Sicht vieles für die Radler verbessert hat. Auch stellt er fest, dass in traditionellen Touristenregionen Radler eine bessere Lobby haben. Allgemein wünscht sich Marko Zivotic-Häcker, dass mehr Pendler seinem Beispiel folgen. „Ich denke, dass viel mehr Leute mit dem Fahrrad fahren könnten.“


Erreicht die erste S-Bahn Schorndorf zu spät?

Warum kommt unter der Woche die erste S-Bahn in Schorndorf erst um 5.55 Uhr an – und nicht deutlich früher? Pendler wie Marko Zivotic-Häcker, deren Arbeit teilweise sehr früh beginnt, können aus diesem Grund die S-Bahn nicht nutzen. Der Verband Region Stuttgart teilte auf Nachfrage mit, dass die Fahrten der S-Bahn nach der Verkehrsnachfrage auf den jeweiligen Strecken bestellt werden.

Uta Hörmann, Referentin für Grundsatz und Öffentlichkeitsarbeit beim Verband Region Stuttgart, verweist darauf, dass Fahrgäste werktags schon deutlich vor 6 Uhr mit einem Regionalexpresszug von Stuttgart nach Schorndorf kommen können (Ankunft um 5.16 Uhr). Zur Wahrheit gehört indes auch, dass dieser Zug zwischen Schorndorf und Cannstatt nur noch in Waiblingen hält.

Der Verband Region Stuttgart betont indes, dass die meisten Fahrgäste morgens aus der Region in Richtung Stuttgart pendeln und nicht umgekehrt.

Deshalb fahren laut Sprecherin Uta Hörmann diese ersten Züge früher, derzeit beispielsweise eine S 2 ab Schorndorf um 4.48 Uhr (Ankunft 5.25 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof), ab Dezember 2018 bereits mit Abfahrt um 3.48 Uhr. „Ähnlich ist es auf anderen S-Bahn-Linien im VVS“, so Hörmann.

Bei einer dauerhaft erhöhten Nachfrage prüft der Verband Region Stuttgart laut Uta Hörmann, wo zusätzliche S-Bahnen fahren können. „Nach unserer Recherche zeigt ein Vergleich mit München hinsichtlich der ersten werktäglichen Ankünfte, dass der VVS einen Vergleich mit München nicht scheuen muss.“

Von Montag bis Freitag gibt es in München durchgehenden Nachtverkehr zum Flughafen. Ein Vergleich mit der Ankunftszeit an den anderen S-Bahn-Endstationen im Münchner Umland zeigt: In Freising kommt die erste S-Bahn um 5.04 Uhr an, die Stadt liegt allerdings an der S 1, die auch den Flughafen bedient. In Petershausen (5.27 Uhr), Mammendorf (5.36 Uhr), Geltendorf (5.45 Uhr) und auch noch in Wolfratshausen (5.54 Uhr) kommt die erste S-Bahn früher an als an der Endstation Schorndorf, in Herrsching um die gleiche Zeit (5.55 Uhr). Alle anderen Endstationen werden zum Teil deutlich später bedient. In Ebersberg kommt die erste S-Bahn von Montag bis Freitag erst um 6.37 Uhr an, in Altomünster um 6.39 Uhr.