Weinstadt

Die Stress-Strecke von Schnait nach Stuttgart

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Vor dem Kappelbergtunnel staut es sich nahezu täglich. © Ramona Adolf
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Thilo Heß (52) aus Schnait arbeitet beim Daimler in Stuttgart und hat oft ein Problem, wenn er zur Arbeit fährt: Dann steht er nämlich im und vor dem Kappelbergtunnel im Stau.
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Bei Baustellen wird von Pendlern viel Geduld abverlangt.

Weinstadt-Schnait. „Ich habe mal zwei Stunden heimgebraucht“: Thilo Heß aus Schnait weiß, wie sehr Pendeln nerven kann – vor allem wegen des Nadelöhrs Kappelbergtunnel. Der 52-jährige Pendler fährt täglich zum Daimler nach Stuttgart und kennt die Stauprobleme auf der B 29. Sein Rat an die Politik: Wer weniger Pendlerverkehr will, muss in der Stadt mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen.

„Ich konnte den Daimler fußläufig erreichen“: Thilo Heß erinnert sich noch genau, wie das war, als er mit seiner Familie im Stuttgarter Stadtteil Sommerrain wohnte. Der Weg zur Arbeit war angenehm, mit langen Staus musste er sich nicht herumärgern. Seit er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Veronika und Moritz nach Schnait umzog, hat sich das geändert. Nun verliert er vor allem am späten Nachmittag auf dem Nachhauseweg immer wieder Zeit – und zwar vorrangig auf der B 29 kurz vor Einfahrt in den Kappelbergtunnel. Wenn dann noch ein Unfall passiert, staut sich nach seiner Erfahrung alles zurück – und zwar extrem: „Das ist ein absolutes Chaos.“

Immer um 6 Uhr in der Früh fährt Thilo Heß montags bis freitags los. Es ist eine Uhrzeit, zu der auf der B 29 zwischen der Einfahrt Beutelsbach und Bad Cannstatt noch nicht ganz so viel los ist – was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch da schon unfallbedingt zu einem Stau kommen kann. Wenn alles gut läuft, ist Thilo Heß morgens in 20 Minuten beim Daimler, wo er seit rund 36 Jahren beschäftigt ist. Nach der Arbeit sieht das freilich anders aus, da steckt der Wahl-Schnaiter meist mitten im Berufsverkehr fest und braucht in der Regel 40 Minuten, also doppelt so lang wie am frühen Morgen. Sein persönlicher Negativrekord: zwei Stunden Heimfahrt. „Da bin ich über Fellbach ausgewichen, über Oeffingen – aber das hat gar nix gebracht.“

Negativ-Rekord: Zwei Stunden für die Heimfahrt

Thilo Heß fährt immer mit eingeschaltetem Navigationsgerät. Das liegt nicht daran, dass er sich Strecken nicht merken kann, sondern am integrierten Staumelder. Wenn der anschlägt, meidet der 52-Jährige die B 29 und fährt eine seiner Ausweichrouten: über die Nürnberger Straße Richtung Fellbach oder über Luginsland und Rommelshausen. Richtig übel wird es, wenn Thilo Heß ab und an im Daimlerwerk in Esslingen-Mettingen im Einsatz ist. Dann merkt er stets, dass es eine Straße gibt, auf der noch mehr Stau droht als auf der B 29 – nämlich die B 10. „Teilweise kann die katastrophal sein.“ Um das zu vermeiden, fährt er in diesem Fall über Aichwald heim.

S-Bahn und Bus sind für Thilo Heß als Pendler keine Alternative. Er müsste mehrmals umsteigen, um von Schnait nach Untertürkheim zu gelangen, dazu kommt die Gefahr, durch Verspätungen S-Bahnen und Busse zu verpassen. „Das ist schon eine Odyssee.“ Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die täglichen Stauprobleme im Großraum Stuttgart wäre für Thilo Heß, endlich mehr für bezahlbaren Wohnraum in der Landeshauptstadt zu tun. Auch er selbst ist schließlich wegen der hohen Preise von Sommerrain nach Schnait gezogen. Durch den Wegzug ins Umland stiegen auch dort die Kosten für den Quadratmeter, was wiederum dazu führe, dass die Leute noch weiter von ihrem Arbeitsplatz in Stuttgart fortziehen. Thilo Heß würde es deshalb gut finden, wenn wie früher Firmen wieder in der Nähe ihrer Unternehmenssitze Betriebswohnungen bauen.

Verkehrsprobleme verschärfen sich durch falsches Verhalten von Autofahrern

Auf der anderen Seite gibt der 52-Jährige auch zu, dass sich manches Verkehrsproblem erst durch falsches Verhalten von Autofahrern verschärft. Er hat es laut eigenem Bekunden oft genug beobachtet, dass vor dem Kappelbergtunnel bei Unfällen keine durchgehende Rettungsgasse gebildet wird. Oder dass Motorradfahrer die Chance nutzen und die Rettungsgasse zum Überholen missbrauchen. Ein Klassiker sind nach seiner Beobachtung auch jene Autofahrer, die Tempo-60-Schilder oder Tempo-80-Schilder ignorieren und dann kurz vor knapp stark runterbremsen, was wiederum dazu führt, dass auch der Hintermann und dessen Hintermann abbremsen – und schon kommt eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende dann im dichten Berufsverkehr ein Stau entsteht. Als sehr großes Problem sieht Thilo Heß auch die B-29-Auffahrt Fellbach-Süd, die sich relativ knapp vor dem Kappelbergtunnel befindet.

Dem täglichen Stau-Wahnsinn will der Wahl-Schnaiter bald dadurch entkommen, dass er aufs E-Bike umsteigt. Im Sommer 2019 soll es so weit sein. Das Geld investiert Thilo Heß gerne, das Pensum von rund 15 Kilometern Hinweg und 15 Kilometer Rückweg hält er für machbar. Er freut sich auf die Herausforderung, zumal er privat auch gern Rad fährt: „Das macht schon tierisch Spaß.“ Angenehmer Nebeneffekt: Der Stau-Wahnsinn ist vorbei. Allerdings ist auch das Radeln nicht gänzlich frei von Frust: Viele Kommunen, inklusive Weinstadt, haben ein mäßiges Radwegenetz.


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